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„Ein Angriff auf die Menschenrechte“ – Wolfgang Sachs über Klimawandel und Gerechtigkeit

Wolfgang Sachs; © Wuppertal InstitutWolfgang Sachs; © Wuppertal InstitutDem Beispiel des westlichen Industriekapitalismus zu folgen ist das gute Recht der Entwicklungsländer. Doch Klimawandel und ökologische Krise zeigen, dass die Aufholjagd geradewegs in den Abgrund führt. Das Ende des „Entwicklungszeitalters“ ist für Wolfgang Sachs ein Gebot der Gerechtigkeit.

Herr Professor Sachs, welche Besonderheiten trugen zum Aufstieg der euro-atlantischen Industriezivilisation bei, und warum ist eine vergleichbare Entwicklung in anderen Teilen der Welt heute nicht mehr möglich?

Weil sie ein historisches Spezialereignis war, das auf der Mobilisierung von biotischen und fossilen Ressourcen in der geographischen Weite und geologischen Tiefe beruhte. Man darf nicht vergessen, dass die wichtigsten Zivilisationen bis Ende des 18. Jahrhunderts in der Entwicklung gleichauf lagen. Doch beginnend mit England hat die territoriale Expansion durch Kolonialismus und die Ausbeutung von Bodenschätzen zu einem beispiellosen Aufschwung der euro-atlantischen Zivilisation geführt. Aber die Grenzen des Wachstums stellen die Entwicklungsländer heute vor Probleme.

Die Aufholjagd ist historisch obsolet

Wuppertal Institut: Fair Future. Begrenzte Ressourcen und globale Gerechtigkeit, München: C. H. Beck, 2005.Welche Konsequenzen hat dies für ihre Aufholjagd?

Die Aufholjagd ist historisch obsolet. Es wäre fatal, den euro-atlantischen Zivilisationen heute zu folgen. Für die Schwellenländer kommt es darauf an, Abstand zu nehmen und andere Wege einzuschlagen. Insbesondere bei den Investitionsentscheidungen in die Infrastrukturen für Transport, Energie, Ernährung und Wasser, wo bisher reflexartig auf Modelle zurückgegriffen wurden, die im Europa des 19. Jahrhunderts erfunden wurden, also in der Hochzeit des fossilen Zeitalters.

Sie plädieren aus Gründen der Fairness und Gerechtigkeit dafür, das „Wohlstandsmodell der Industrienationen neu zu erfinden“. Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Unser Wohlstandsmodell ist gerechtigkeitsunfähig, weil es eine Partizipation des unterentwickelten Rests der Welt nicht mehr zulässt, ohne die Grenzen von Ressourcen und Biosphäre zu sprengen. Deshalb gehört es zu den vornehmsten Aufgaben gerade der reichen Länder, es in einer Weise neu zu erfinden, dass alle Weltbürger daran teilhaben können. Das heißt weg von Öl, Gas und Kohle hin zu Energien aus Sonne, Wasser, Wind und Biomasse. Dazu gehört eine umweltgerechtere Verkehrsstruktur, energiesparendes Bauen – alles, was im Zuge der ökologischen Umgestaltung im kleinen Maßstab ohnehin schon im Gange ist. Doch man sollte dies auch als Beitrag zur Schaffung globalen Wohlstands erkennen.

Das klingt nach Abkehr vom gängigen Bild des Wohlstands durch Wachstum ...

Ich glaube, dass das ein Stück weit selbst im Rahmen des Wachstumsparadigmas möglich ist – Stichwort: „grünes Wachstum“. Aber man sollte sich nicht in die Tasche lügen: Mittel- und langfristig steht auch das Wachstumsparadigma in Frage. Denn wie jeder im Grunde weiß, kann in einer endlichen Welt die Wirtschaft nicht unendlich wachsen. Wir sollten also schleunigst ein Wirtschaftsmodell entwickeln, das auch ohne Wachstum ein Auskommen ermöglicht.

Kontraktion und Konvergenz

Wuppertal Institut: Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt, Frankfurt a. M., 2008In diesem Zusammenhang fallen bei Ihnen immer wieder die Schlagworte „Kontraktion und Konvergenz“. Können Sie kurz erläutern, was es damit auf sich hat?

Dabei geht es um Herstellung eines Gleichgewichts beim Ressourcenverbrauch auf global verträglichem Niveau. Dazu gilt es, die ressourcenhungrigen reichen Länder auf Diät zu setzen – also Kontraktion –, um den ärmeren Ländern Verbrauchssteigerungen auf ein Mindestmaß zur Sicherung des Lebensunterhalts und zur Verwirklichung von Wohlstand zu ermöglichen – also Konvergenz.

Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen dem Schutz der Atmosphäre und dem Schutz der Menschenrechte?

Für mich ist der Klimawandel in der Tat primär ein Thema der Menschenrechte, da er vor allem die ärmeren Länder und dort wiederum die Ärmsten der Armen trifft. Das fängt bei elementaren Menschenrechten wie dem Recht auf Nahrung, Wasser und Behausung an. Diese werden untergraben, wenn die landwirtschaftliche Produktivität gefährdet ist, Dürren herrschen oder der Meeresspiegel steigt. Der Klimawandel ist eine neue Form des Kolonialismus. Es ist definitiv ein Angriff auf die Menschenrechte, wenn die reichen Länder auch ohne Truppen auf dem Umweg über die Atmosphäre auf Kosten der armen Länder ihren Wohlstand pflegen.

Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit man von einem „Zustand der ökologischen Gerechtigkeit“ sprechen kann?

Die Achtung der Menschenrechte in eben diesem Sinne; Selbstbeschränkung, damit die Entfaltungsmöglichkeiten anderer nicht unziemlich beschnitten werden; und natürlich die Anerkennung des Anspruchs eines jeden Menschen auf Grundsicherung und Freiheit

Es geht nicht mehr um Verteilung

Und wie lässt sich Gerechtigkeit sozusagen gerecht verteilen?

Es geht nicht mehr um Verteilung sondern um Verhalten. Es geht für die reichen Länder nicht darum, mehr zu geben, sondern weniger zu nehmen.

Sehen Sie in Anbetracht der nationalen Egoismen, wie sie jüngst erst wieder die Klimakonferenz in Kopenhagen bestimmt haben, überhaupt eine realistische Chance zur Verwirklichung Ihrer Gerechtigkeitsidee?

Es bleibt gar nichts anderes übrig. Seit den alten Griechen soll Gerechtigkeit Kooperation sicherstellen. Alles andere wäre Zwang. Im Zeitalter einer sich formierenden Weltgesellschaft ist Kooperation zentral, wie man an den Klima-, Finanz- oder Migrationskrisen sieht. Im Übrigen ist Kopenhagen genau deshalb gescheitert, weil es auch dort – wie bisher – nicht fair zugegangen ist. Aus Angst, erneut über den Tisch gezogen zu werden, sind die Entwicklungs- und Schwellenländer voller Misstrauen, Ressentiments und Vorsicht gewesen.

Wolfgang Sachs, Jahrgang 1946, studierte Soziologie und Theologie. Er beschäftigte sich mit Fragen der Ökologie unter anderem am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und ist seit 1993 am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie tätig, wo er heute das Berliner Büro leitet. Sachs ist Professor für „Globalisierung und Nachhaltigkeit“ an der Universität Kassel, Mitglied des Club of Rome und saß im Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland.

Roland Detsch
stellte die Fragen. Er arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010

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