Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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Vom „Umbau der Industriegesellschaft“ zur Sozial-ökologischen Forschung

Logo; sozial-oekologische-forschung.orgLogo; sozial_oekologische-forschung.orgSeit dem Jahr 2000 ist die Sozial-ökologische Forschung Förderschwerpunkt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Ein zentrales Thema ist dabei die Entwicklung umsetzungsfähiger Handlungsstrategien für eine nachhaltige Entwicklung der unserer Gesellschaft zugrundeliegenden Wirtschaftsprozesse.

Die Forderung nach dem „Umbau der Industriegesellschaft“ stellte in den 1980er-Jahren sowohl ein belächeltes politisches Programm als auch ein Schreckgespenst dar. Damals forderten die „Ökos“ – so wurden die Vertreter der erstarkenden Umweltbewegung genannt – die Überwindung der wachstumsfixierten Wirtschaft; dies erschien den meisten Menschen rundweg als utopisch.

Allerdings waren mit dem Schlagwort auch konkrete Forderungen nach neuen Verkehrskonzepten, menschenfreundlicheren Städten, nach Müllvermeidung, Einsparung von Energie und einer Abwendung von der Atomenergie verbunden. Im Bereich der Forschung wurde die Verfolgung alternativer Strategien vorgeschlagen, deren Fokus von den Belangen von Industrie und Wirtschaft weg, auf ökologische und soziale Themen gerichtet werden sollte. Der anfänglichen Aversion, die viele Politiker, Bürger und „die Wirtschaft“ gegen ökologische Themen hatten, folgte in den 1980er-Jahren – nicht zuletzt aufgrund der Erfolge der Partei „Die Grünen“ – eine allmähliche Neuorientierung in Gesellschaft, Politik und nicht zuletzt der Wissenschaft.

Interdisziplinäre Umweltforschung

© Colourbox Die immer deutlicher werdenden Umweltprobleme wurden in vielen wissenschaftlichen Disziplinen als neues Forschungsfeld entdeckt. Natur- und Sozialwissenschaften beforschten in den 1990er-Jahren diese Themen allerdings noch getrennt: Während sich die Naturwissenschaften mit den Auswirkungen von Schadstoffen in der Umwelt auf den Menschen, mit der Analyse von Materialflüssen und der Entwicklung neuer Techniken befassten, untersuchten die Sozial- und Kulturwissenschaften, unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind, „ökologisch korrekt“ zu handeln und ob sich das Verständnis von Natur gewandelt hatte.

Dabei zeigte sich, dass die Lösung konkreter Probleme interdisziplinärer Forschungsansätze bedurfte. Daraus entstand die Sozial-ökologische Forschung, die im Rahmen einer Zusammenarbeit von natur-, sozial- und kultur- und wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen die Wechselwirkungen zwischen Individuum, Gesellschaft und natürlicher Umwelt analysiert. Diese Vorgehensweise soll die Entwicklung umsetzungsfähiger Handlungsstrategien für eine nachhaltige Entwicklung ermöglichen.

Förderschwerpunkt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung

Seit dem Jahr 2000 ist die Sozial-ökologische Forschung auch ein Förderschwerpunkt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Ein Themenbereich ist dabei die Unterstützung eines nachhaltigen Konsums. Nachdem der Alltag häufig von eigenen Gesetzmäßigkeiten wie zeit-ökonomischen Erwägungen geprägt ist, vermeiden Konsumenten komplexe Abwägungen und Überlegungen und ändern gewohntes Verhalten nur ungern. Die Entwicklung ökologischer Produkte und Dienstleistungen kann aber nur gelingen, wenn sie sich an den Bedürfnissen der Konsumenten orientieren.

Soziologen wissen längst, dass Umweltbewusstsein zwar nicht zwangsläufig zu energiesparendem Verhalten im Haushalt führt, die Verbraucher jedoch auf monetäre Anreize reagieren. Der Grund dafür liegt allerdings nicht allein in einer vorrangigen Kostenorientierung, sondern auch in dem fehlenden Verständnis dafür, wie sich der eigene Verbrauch qualitativ zusammensetzt. In einem Projekt des Förderschwerpunktes Sozial-ökologische Forschung wird nun untersucht, wie Feedback-Systeme aussehen müssen, um den Energieverbrauch erfahrbar zu machen und so zur Änderung des Konsumverhaltens beitragen. Die Entwicklung und Implementierung solcher Feedback-Techniken erfordern eine Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, Energieversorgern, Konsumenten und Vermietern.

Ökosystemleistungen von Kulturlandschaften

Kulturlandschaft; © ColourboxEin weiteres Projekt des Förderschwerpunktes Sozial-ökologische Forschung untersucht die Ökosystemleistungen von Kulturlandschaften. Solche Landschaften, die aus einem teilweise Jahrhunderte währenden Zusammenspiel von Natur und Mensch hervorgegangen sind, können neben ihrem landwirtschaftlichen Zweck, der Bereitstellung von Nahrungsmitteln oder Nutzholz, noch viele weitere Aufgaben erfüllen: Sie reinigen Luft und Wasser, fördern den Artenreichtum und stellen die Bestäubung von Nutzpflanzen sicher. Darüber hinaus wirken sie bei der Bodenbildung mit, regulieren das Klima und halten Regenwasser zurück, was dem Hochwasserschutz dient. Wenn Landwirte und Besitzer für solche gemeinnützige Leistungen entlohnt werden sollen, dann stellt sich die Frage, wie diese Leistungen quantifiziert und monetär bewerten können, und welche Lenkungseffekte beispielsweise durch Subventionen entstehen.

Governance und Nachhaltigkeit

Die beiden angeführten Beispiele weisen die für die Sozial-ökologische Forschung typischen komplexen Beziehungen zwischen Mensch, Natur und Technik auf. Nicht-lineare Effekte, die beim Übertreten von Schwellenwerten auftreten, sowie Wirkungen über große zeitliche und räumliche Distanzen erschweren Analysen, Prognosen und die Folgenabschätzung von Interventionen. Sozial-ökologische Forschung hat zum Ziel, ein tieferes Verständnis von solchen Beziehungen zu fördern und stellt damit die Bedingung für den Aufbau einer nachhaltigen Gesellschaft dar.

Wie die von der sozial-ökologischen Forschung bereitgestellten Nachhaltigkeitsmaximen in Politik und Gesellschaft verankert werden können, ist Gegenstand des Teilprojekts „Governance und Nachhaltigkeit“. Gelingt die Umstellung auf eine naturverträgliche Lebensweise nicht, wird die Sozial-ökologische Forschung sich ganz auf die Suche nach Strategien der „Anpassung“ an den Klimawandel verlegen müssen.

Alban Knecht
ist Lehrbeauftragter der Hochschule München und der Universität München. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozialpolitik, Armut und Soziale Ungleichheit. Weitere Informationen zum Autor unter albanknecht.de

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2010

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