Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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Dem Klima ausgeliefert? – Nico Stehr und Hans von Storch im Interview

© Kerstin Selle – Fotolia.com© Kerstin Selle – Fotolia.comDas Klima ist mächtig, manchmal unberechenbar, es beeinflusst unser Gemüt, unseren Charakter und unseren Lebensstil. So sieht die Vorstellung vieler Menschen aus. Nico Stehr und Hans von Storch beschäftigen sich mit den Auswirkungen dieses sozialen Konstruktes von Klima.

Herr Professor von Storch, Herr Professor Stehr, wie kommt es, dass ein Kulturwissenschaftler und ein Meteorologe gemeinschaftlich zum Thema „Klima und Gesellschaft“ arbeiten?

Hans von Storch: Wir haben ein gutes, gemeinsames Thema: die Parallelität von Begrifflichkeiten. Es gibt technische Begriffe in der Klimaforschung, die in der Alltagswelt eine oder mehrere andere Bedeutungen haben. Das geht einher mit der Parallelität von wissenschaftlichen Konstruktionen von Klimawandel und sozial-kulturellen Konstruktionen von Klimawandel.

Nico Stehr: Das Klima ist nicht nur ein physikalisches Problem und Thema, sondern auch ein gesellschaftliches, ein kulturelles Thema.

Sie beschäftigen sich viel mit dem sozialen Konstrukt von Klima.

Stehr: Es ist ein Ausdruck dafür, dass sich der Mensch sozial und kulturell mit dem Phänomen Wetter beschäftigt. Das Thema interessiert die Menschen seit Jahrhunderten. Da bleibt es nicht aus, dass die Menschen, unabhängig von der Naturwissenschaft, bestimmte Vorstellungen über Wetter und Klima entwickeln.

Klimadeterminismus

Nico Stehr; Foto: privatWelche Vorstellungen sind das?

Stehr: Bis vor wenigen Jahrzehnten war Klima auch ein zentrales Problem der Philosophie, der Anthropologie, der Geologie. Diese Wissenschaften sprachen dem Klima eine ungeheure Macht zu. Da wurde beispielsweise behauptet, der Aufstieg und Fall ganzer Zivilisationen sei eine Funktion des Klimas und dessen Veränderung. Klima hat angeblich einen ganz wichtigen Einfluss auf das Gemüt, den Charakter oder den Alltag des Menschen. Solche klimadeterministischen Vorstellungen wurden noch bis vor wenigen Jahrzehnten virulent in den Wissenschaften diskutiert.

Von Storch: Ein anderes Beispiel ist die Frage, warum bestimmte Völker erfolgreich sind. Es gab sehr lange und gibt sicherlich immer noch die Vorstellung, dass es den Deutschen und Schweden deshalb besonders gut geht, weil sie ein herausforderndes Klima haben, also eine natürliche Umgebung, die uns inspiriert und herausfordert und uns dazu anhält, konstruktiv und leistungsstark zu sein.

Sie sagen, der Klimadeterminismus sei kein überholtes Gedankengut, sondern kehre still und leise im wissenschaftlichen Gewand zurück.

Von Storch: Wenn wir über die Gefahren des Klimawandels sprechen, wird häufig so getan, als würden durch den Klimawandel und sonst gar nichts gewisse soziale Veränderungen einhergehen, die mehr oder weniger unabwendbar seien. Demnach determiniert die Veränderung des Klimas die Zukunft von Zivilisation und von Menschen.

Stehr: Wenn man in den Klimawissenschaften die Bedeutung und die Folgen des Klimas und seiner Veränderung betonen will, ist es natürlich, dass man mittelbar oder sogar unmittelbar wieder auf Vorstellungen zurückgreift, die eine gewisse Affinität zum Klimadeterminismus haben. Etwa wenn man betont, wie bedeutsam, wie entscheidend das Klima für die Entwicklung der Wirtschaft oder die Zukunft der Gesellschaft sein wird.

Der ohnmächtige Mensch

Hans von Storch; Foto: AussenhoferWelche Auswirkungen hat das auf den Umgang mit Klimawandel?

Von Storch: Klimawandel ist um jeden Preis zu vermeiden. Nach klimadeterministischer Vorstellung ist es auf Grund der Evolution so, dass wir im Gleichgewicht mit unserem Klima leben, und dass wir dieses Gleichgewicht auch haben müssen, sonst könnte das katastrophale Folgen für uns und unsere Kultur haben.

Stehr: Der Mensch wird als ohnmächtiges Wesen verstanden, das nur sehr schwer in der Lage ist, sich an bestimmte Klimaveränderungen anzupassen.

Können Sie Beispiele für diese Anpassungen nennen?

Stehr: Die Anpassung in Nordkanada wird eine andere sein als in Bangladesch. Anpassung ist ein regionales Phänomen und setzt voraus, dass man gute Erkenntnisse darüber entwickelt, wie sich das Wetter und Klima an der Nordsee oder am Bodensee verändert. Wie hoch wird der Meeresspiegel steigen? Wird es am Bodensee trockener oder feuchter, heißer werden? Dann erst kann man sich an die Frage machen, wie man sich solchen Veränderungen am besten anpasst.

Warum ist Klimaschutzpolitik allein unzureichend, um sich auf den Klimawandel einzustellen?

Von Storch: Es lässt sich absehen, dass sich die Konzentration an Treibhausgasen in der Atmosphäre weiter erhöhen wird, selbst wenn es uns gelingt, den CO2-Ausstoß zu senken. Wir haben Klimawandel und er wird sich weiter entfalten. Wenn sich die klimatischen Bedingungen ändern, muss man sich fragen: Was können wir tun, damit Gesellschaft und Ökosysteme mit diesem Wandel ordentlich umgehen können? Sich aktiv an die Veränderungen anzupassen, ist hier ein wichtiges Stichwort – neben einer Verminderung der Emissionen.

„Der Klimawandel ist ein verflixtes Problem“

Cover des Buches Klima, Wetter, Mensch von Nico Stehr und Hans von Storch; © Verlag Barbara BudrichStehr: Anpassungsmöglichkeiten auszublenden, ist gefährlich, denn wahrscheinlich ist Anpassung als Strategie unvermeidlich. Ihr sollten wir uns viel bestimmter widmen.

Können Sie Beispiele nennen?

Von Storch: Wir sind der Meinung, dass sich der Meeresspiegel auf Grund des Treibhauseffektes erhöhen wird. Wir müssen uns bereits jetzt überlegen, wie wir den Küstenschutz gestalten. Eine andere Frage ist: Was machen wir, wenn es sich als richtig erweist, dass wir beispielsweise in Hamburg in den kommenden Jahrzehnten eine Zunahme des winterlichen Niederschlags haben? Was machen wir mit dem zusätzlichen Regenwasser? Das können durchaus große Mengen sein. Klimatische Änderungen in tropischen Bereichen könnten möglicherweise die Ausbreitung von Krankheiten fördern. Wie lässt sich dem Einhalt gebieten?

Stehr: Die Problematik Klimawandel ist eine langfristige Angelegenheit. Die Politik ist bis auf den heutigen Tag aber nicht besonders gut aufgestellt, sich mit langfristigen Problemen auseinanderzusetzen. Politik denkt aus den verschiedensten Gründen kurzfristig. Mit dem Klimawandel umzugehen, ist ein verflixtes Problem. Das kann ich nicht oft genug betonen.

Nico Stehr ist Inhaber des Karl-Mannheim-Lehrstuhls für Kulturwissenschaften an der Zeppelin University in Friedrichshafen.

Hans von Storch ist Professor am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg und Leiter des Instituts für Klimaforschung in Geesthacht. Er führt das Blog „Klimazwiebel“.

Buchtipp: Nico Stehr, Hans von Storch, Klima, Wetter, Mensch. Verlag Barbara Budrich, 2009,174 Seiten, 18,80 €, ISBN 978-3-86649-228-8.

Stefanie Hallberg
ist Diplom-Journalistin und arbeitet als freie Autorin, unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk, in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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