Leben an der Grenze

Hilde das Dienstmädchen

© DEFA-Stiftung/ Waltraut Pathenheimer
© DEFA-Stiftung/ Waltraut Pathenheimer
Regie: Günter Rücker/Jürgen Brauer
DDR 1985/86


1938 zieht die junge Deutsche Hilde nach Reichenberg/ Liberec, auf der Suche nach ihrem Geliebten, dem Tschechen Erich. Bei einer sudetendeutschen Tischlerei findet sie eine Anstellung als Dienstmädchen und trifft sich heimlich mit Erich in Berghütten und an geheimen Orten – einzig beobachtet von dem jugendlichen Tischlersohn, der für Hilde schwärmt. Ihre Liebe zu Erich ist zum Scheitern verurteilt, da seine Tätigkeit als Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten, die gerade den Anschluss des Gebiets an Deutschland planen, ihm verbietet, jemand weiteres in seine Aktivitäten einzuweihen. Auf Druck seiner Mitstreiter trennt er sich schließlich von Hilde, die Trost beim Tischlersohn findet. Hilde, das Dienstmädchen zeigt auf einfühlsame Weise die Geschichte einer großen Liebe, die an der Geschichte scheitert.

Deutsch-tschechische Grenze in der Zeit des Umbruchs

© DEFA-Stiftung/ Waltraut PathenheimerDie deutsch-tschechische Grenze ist im Film allgegenwärtig, die Bemühungen um ihre gewaltsame „Verlegung“ und der Widerstand dagegen spielen eine zentrale Rolle. Ein Gebiet, in dem Deutsche, Tschechen und Juden friedlich zusammenlebten, wird zum Kriegsgebiet. Menschen werden getrennt, Nachbarn werden zu Feinden erklärt und vertrieben. Auch die Liebe zwischen Hilde und Erich zerbricht an der sich zuspitzenden Situation. Grenzübergreifende Beziehungen werden von beiden Seiten nicht geduldet. Der Film spielt in einer Zeit des Umbruches, in dem aus zwei Nachbarstaaten mit gemeinsam besiedeltem Gebiet ein Protektorstaat und ein besetzter Staat werden und der die deutsch-tschechischen Beziehungen für lange Zeit verändern wird.

Eine Liebe zerbricht an Nationalität und Widerstandstätigkeit

© DEFA-Stiftung/ Waltraut PathenheimerDer Film gibt einen guten Überblick über das damalige Zeitgeschehen, die Gedankenwelt der Menschen und ihre Zwiespalte. Hilde und Erich sind beides gänzlich „normale“ nette Menschen, die mit der Politik der Zeit eigentlich nicht viel zu tun gehabt hätten, wenn die Nazis die Tschechoslowakei nicht hätten okkupieren wollen. Erich wird immer mehr in den Sog des Widerstands gezogen und Hilde bleibt nichts anderes übrig, als sich dem Schicksal zu fügen und ihre große Liebe aufzugeben. In dem Tischlersohn findet sie als Einziges einen treuen Gesprächspartner und sie wird Mittelpunkt seines Gefühls- und Gedankenlebens. Hilde das Dienstmädchen überzeugt vor allem durch eine gute Inszenierung des Zeitgefühls, durch eine eigenen Filmmelodik und eine Bildsprache, die stellenweise an Casper David Friedrichs Stimmungen erinnert.
Tatyana Synková
hat Kulturjournalismus, Slavistik und Romanistik studiert und ist als freie Journalistin und Webredakteurin in Prag tätig.

Goethe-Institut Prag
März 2013

    Magazin des Goethe-Instituts in Tschechien