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Sich selbst helfen

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Kamila Kopsová und ihre geschützte Werkstatt in Tábor

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Keine Ware von der Stange: Im Archipel werden auch Stoffe von Designern aus den USA oder Großbritannien verarbeitet. Foto: © privat

Mitarbeiter, die sich nicht auf Leistung, sondern auf Kreativität konzentrieren. Produkte, die man nicht aus Mitleid kauft, sondern weil sie hochwertig und originell sind. In der geschützten Werkstatt Archipel im südböhmischen Tábor setzt man auf etwas andere Arbeitsmethoden und andere Arbeitsverhältnisse. Sechs Mitarbeiter mit unterschiedlichen Behinderungen stellen dort Handtaschen, Jacketts, Röcke und Haushaltstextilien her. Geleitet wird die Werkstatt von der 31-jährigen Kamila Kopsová. Sie hat am eigenen Leib erfahren was es heißt, mit einem Handicap zu leben – und versteht deshalb ihre Angestellten.

Es passierte vor ein paar Jahren. Kamila Kopsová hatte gerade ihr Physiotherapie-Studium beendet und wollte sich ins Berufsleben stürzen, als ihr eine merkwürdige Krankheit einen Strich durch die Rechnung machte. „Ich wollte immer mit Menschen arbeiten, auf einmal ging aber überhaupt nichts mehr. Zuerst fingen die Hände an zu schmerzen, dann der ganze Körper. Ich konnte noch nicht einmal einschlafen und versuchte mich im Halbsitzen zu entspannen. Die Ärzte standen vor einem Rätsel, und ich konnte nicht arbeiten. Noch nicht einmal Regale auffüllen. Da stellte ich fest wie es ist, wenn man arbeiten will, aber nicht kann“, erzählt die 31-Jährige.

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Keine Fließbandproduktion: Wichtiger als Schnelligkeit sind im Archipel, Kreativität, Erfahrung und Handfertigkeit. Foto: © privat

Das geheimnisvolle Leiden besiegte sie schließlich vor vier Jahren mit Hilfe ihres Ehemannes, der angeblich über heilende Fähigkeit verfügt. Und es war die unangenehme Erfahrung der Krankheit, die den Impuls für die neue Herausforderung gab. Sie beschloss die erste geschützte Werkstatt Tschechiens mit einer Ausrichtung auf Design zu gründen. „Mir wurde klar, dass niemand Menschen mit Behinderung einstellt, weil sie nicht so leistungsfähig sind. Die Näherinnen schaffen beispielsweise weniger als die Hälfte der Norm. Kein Geschäftsmann stellt leistungsschwache Menschen ein“, erklärt Kopsová.

Als ersten Schritt gründete die 31-Jährige den Verein Archipel, dann suchte sie nach Räumlichkeiten für die Werkstatt. Schließlich wurde sie unter dem Dach einer anderen Textilfirma fündig. In Tábor richtete sie darüber hinaus noch ein Büro mit einem Stofflager und einem Showroom ein. „Alle Kosten habe ich mit meinem eigenen Geld und dem meines Mannes gedeckt. Wir existieren seit zwei Jahren ohne Fördergelder, es gibt lediglich staatliche Lohnzuschüsse. Jetzt schreiben wir schwarze Zahlen und wir gehen davon aus, dass wir durch den Verkauf unserer Produkte bald leichte Gewinne erzielen werden“, so Kamila Kopsová, die im Verein Archipel unentgeltlich arbeitet.

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Die Arbeitszeit im Archipel beträgt sechs Stunden täglich. Es wird aber auch auf die spezifischen Bedürfnisse der Mitarbeiter eingegangen. Foto: © privat

Behinderung ist kein Hindernis

Die Ausrichtung auf Design und Textil entspringt dem persönlichen Interesse Kopsovás, alle Produkte entwirft sie selbst. Die Werkstatt besteht aus zwei Bereichen; in dem einen arbeiten die Angestellten an den Kundenaufträgen, der andere ist ein Raum für die eigene Kreativität. Die sechs Näherinnen kamen über Stellenanzeigen in die Werkstatt. „Alle haben ganz unterschiedliche Handicaps. Einige haben eine Chemotherapie hinter sich, andere eine Wirbelsäulenoperation, es gibt welche mit psychischen Problemen oder chronischen Schmerzen. Die Arbeitszeit beträgt sechs Stunden täglich, aber ich gehe natürlich auf die spezifischen Bedürfnisse der Leute ein“, so Kamila Kopsová.

Auch die 22-jährige Diana arbeitet in der Werkstatt. Sie leidet an Diabetes. Unter der Haut hat sie einen implantierten Apparat, der den Körper regelmäßig mit Insulin versorgt. Im Archipel kümmert sie sich um das Sekretariat und um die Kommunikation mit Stofflieferanten und Sponsoren. „Sie arbeitete in einem Geschäft, und das war ein Problem. Dem Arbeitgeber missfielen die zahlreichen Arztbesuche und auch die Tatsache, dass es ihr morgens schwer fiel, in den Arbeitsrhythmus zu kommen. Dabei ist sie jung, geschickt, sie kann mit den modernen Technologien umgehen und lernt schnell. Bei uns haben wir eine Lösung gefunden: Morgens arbeitet sie nicht, weil ihr schlecht ist, und sie bleibt zuhause. Sie arbeitet dann abends und in der Nacht, wenn es ihr besser geht“, erläutert Kopsová.

Auch Diana ist zufrieden. „Ich habe die Chance bekommen, ein Teil von Archipel zu werden und habe eine Menge interessanter Menschen kennengelernt. Aber vor allem habe ich festgestellt, dass die Arbeit mit Menschen zwar sehr schwer, aber dennoch eine der schönsten Arbeiten ist“, sagt die junge Frau.

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Kamila Kopsová hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, mit einem Handicap zu leben. Foto: © privat

Produkte mit Charakter

Bei Archipel geht es nicht um Leistung oder eine Massenproduktion. Für Kamila Kopsová ist die Individualität der Haushaltstextilien wichtig. Die Produkte werden darüber hinaus aus erstklassigen Materialien von ausgewählten Lieferanten hergestellt. Sie laufen nicht ein und verlieren auch nach dem Waschen nichts von ihrer Qualität. Im Archipel werden auch Stoffe von Designern aus den USA oder Großbritannien verarbeitet. „Wir können nicht massenhaft Kopfkissen auf den Markt werfen, Fließbandproduktion ist bei uns nicht möglich. Wir müssen das Potential unserer Mitarbeiter nutzen. Die sind zwar nicht schnell, aber sie verfügen über Erfahrung und Handfertigkeit. Darüber hinaus sind sie extrem sorgfältig und haben die Fähigkeit mit den Stoffen zu spielen und deren Kombinationspotential wahrzunehmen“, erklärt Kopsová. Im kreativen Teil der Werkstatt denken sich die Näherinnen ihrer Meinung nach absolut einzigartige und originelle Dinge aus.

Archipel hat Ende September 2012 in Tábor die erste Verkaufsausstellung hinter sich gebracht. Kamila Kopsová wünscht sich, dass ihr Verein in der südböhmischen Stadt bekannt wird. „Wir wollen herausfinden, ob uns die Menschen hier unterstützen. Und wir wollen auch, dass sie wissen, dass es hier so etwas gibt. Und vor allem wünschen wir uns, dass uns Elan und Energie erhalten bleiben“, fügt sie hinzu.

Jan Škoda
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Juni 2013

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