Job

Einen Tag jemand anderes sein

Petra Fujdlová

Klingele und erobere! Foto: © Petra Fujdlová

Fast jeder kennt sie, die Straßeninterviewer, Hostessen mit irgendwelchen Unterlagen im Arm und fliegende Händler, die in Körbchen alle möglichen Dinge anbieten. Man erkennt sie in der Regel an dem Freiraum um sie herum, der sich bildet, wenn Passanten ihnen auszuweichen versuchen. Ich habe nicht gerade große Sympathien für diese Leute. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass ich für einen Tag einer von ihnen sein werde.

Vorbereitung

Während der Sommerferien 2012 habe ich wohl mehr Zeit mit der Suche nach einem Ferienjob verbracht, als überhaupt gearbeitet zu haben. In der langsam aufkommenden Verzweiflung, keinen anderen Job mehr zu finden, bewarb ich mich als Hostess. In der Anzeige stand: Junge Frauen für die Präsentation exklusiver Produkte in Kaufhäusern und Supermärkten gesucht. Die einzige Voraussetzung war – wie üblich – gute Kommunikationsfähigkeit.

Sowohl der Mann, bei dem ich das fünfminütige Bewerbungsgespräch absolvierte als auch das Büro, in dem es stattfand, wirkten nicht gerade vertrauenswürdig auf mich. Und das obwohl Empfang und Büroräume absolut sauber, neu und modern eingerichtet waren einschließlich Ledersessel, exotischer Skulptur und motivierender Poster. Es war, als wenn diese Visage, die zielbewusst und sich selbstzweckmäßig zur Schau stellend ein Schild mit der Aufschrift „vertrauenswürdig“ vor sich hertrug, in Wirklichkeit schreien würde: „Das ist nur eine Maske“.

Ich spürte einen warnenden Kälteschauer im Rücken, hielt aber durch. Eine ganztägige Schulung sollte nächste Woche stattfinden. Würde ich diese erfolgreich bestehen, könnte ich gleich anfangen zu arbeiten und mit einem Verdienst von 80, später dann auch 100 Kronen pro Stunde (etwa 3,20 bis 4 Euro) rechnen.

Wohin gehen wir?

Während ich auf dem Flur vor dem Büro gemeinsam mit einem weiteren Mädchen auf die Schulung wartete, ertönten von drinnen merkwürdige, rhythmische Ausrufe, die von lauter Musik untermalt waren. Eine Party um neun Uhr morgens erschien genauso unwahrscheinlich wie Aerobic-Übungen. Ein ritueller Motivationstanz? Energie aufladen durch Bewegung statt durch morgendliches Koffein? Einschwören des Kollektivs? Was da genau ablief, habe ich nie mehr erfahren.

Nach einer Weile setzte ich mich ins Auto – gemeinsam mit dem leitenden Manager, meiner Ausbilderin, der schwatzhaftesten Frau, der ich je begegnet bin, sowie zwei weiteren Frauen, die wiederum fast schon merkwürdig eisern schwiegen. Auf der Grundlage späterer Erfahrungen wurde mir klar warum: Es handelte sich um eine erste Prüfung meiner Fähigkeiten – in diesem Fall Rede- und Schlagfertigkeit. Ich weiß nicht, ob ich ausreichend schnell und ausführlich geantwortet habe. Über meine Ausbilderin und ihre Vorlieben erfuhr ich allerdings viel. Auf die Frage, wo wir eigentlich hinfahren, beschränkte sie sich auf ein knappes „ein Stück hinter Brno“, und zu fragen, welches Produkt wir in welchem Supermarkt anbieten werden, dazu kam ich gar nicht. Daran war sicherlich auch meine anfängliche Schüchternheit Schuld (was man bei dieser Tätigkeit sicherlich nicht zu den geeigneten Charaktereigenschaften zählen würde).

Dieses Parfüm hat auch Ihre Nachbarin. Na, greifen Sie doch auch zu! Foto © Petra Fujdlová

Nach einer über 30-minütigen Autofahrt hielten wir in einem Dorf hinter Brno. Mit meinen Blicken vergeblich einen Supermarkt suchend, sollte ich bald meinen Irrtum erkennen. Und als ich dann – ausgerüstet mit einer Notizmappe, in der mich die Spalte „% Verkauf“ beunruhigte – an der Seite meiner Ausbilderin am erstbesten Haus klingelte, ging mir endlich ein Licht auf.

Die Taktik

„Guten Tag, sie haben aber einen schönen Garten, sind das Freesien? Wir kommen gerade von ihren Nachbarn, wir machen eine Umfrage. Kaufen Sie bei Tesco oder bei Kaufland ein?“

Einen Schritt zurück, Raum für eine Antwort.

„Hervorragend, wir werden da nächste Woche eine Neuheit anbieten, mit Ständen und Präsentationen. Heute wollen wir hier die Damen ein bisschen reinschnuppern lassen. Haben Sie dieses Parfum in der Werbung gesehen, im Fernsehen?“

Die Packung in die Hand geben und sie dort maximal drei Sekunden lassen – damit wird auf die Gier und das Gefühl gezielt, eine einmalige Gelegenheit zu verpassen.

„Nein? Sie schalten dann auch immer um, nicht wahr? Wir haben hier heute den Auftrag ein bisschen den Duft auf Sie wirken zu lassen.“

Dann wird jede Hand der / des Angesprochenen mit einem anderen Duft besprüht, und während daran fleißig geschnüffelt wird, erzählt man etwas über die Herkunft des Parfums (Frankreich) und den Preis (dort teuer, hier halber Preis). Dann wird gefragt, ob sie das Parfum zu diesem Preis (umgerechnet etwa 60 Euro) kaufen würden und welcher Duft besser gefallen hat – und das alles wird dann notiert.

Das ist der erste Teil der „Präsentation“ der fliegenden Parfumverkäufer, zu denen ich einen Tag gehörte. Die Vorgehensweise und die Marketingstrategie sind sorgfältig darauf abgestimmt, einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Dazu gehört, die Neidgefühle der Menschen anzusprechen, und zwar so, dass man die Nachbarn erwähnt, die von solch einem günstigen und einzigartigen Angebot einfach begeistert waren. Eine Frau reagierte darauf mit den Worten: „Welche Nachbarn?“

Ein einmaliges Angebot

„Vielen Dank für ihre Meinung…“

Man reicht die Hand. In dem Augenblick, in dem die Person das Ende eines netten, relativ informellen Gesprächs erwartet, überrumpelt man sie und hält die Hand fest:

„…aber gleichzeitig gratuliere ich Ihnen! Sie gehören zu den ersten 20 Angesprochenen und sie bekommen deshalb den Duft, der ihnen besser gefallen hat!“

Man legt der Person eine Parfumschachtel in die Hand. Bevor sie sich überhaupt orientieren kann, formuliert man eine Frage, die eine Reaktion erfordert, um mögliche andere Fragen zu vermeiden:

„Seit wieviel Jahren gibt es Tesco in Tschechien?“ oder „Welcher Fluss fließt durch Paris?“ oder „Wie heißt ihre Tante?“

Egal welche Antwort gegeben wird, man gratuliert erneut und legt der Person weitere zwei bis drei Parfums in die Hand.

„Im Rahmen der Promo-Aktion, nur für Sie, aber nur unter der Bedingung, dass Sie das weitergeben können, damit sie Werbung für uns machen. Gibt es in der Familie einen Mann und eine Frau? Sehr gut, nehmen Sie es, machen Sie jemandem eine Freude, Weihnachtsgeschenke sind kein Thema mehr für Sie.“

Während der Herr oder die Dame des Hauses mit verdutztem Gesicht und die Hände voller Schachteln noch darüber nachdenkt, ob sie das alles wirklich umsonst bekommen haben, wiederholt man, dass es heute ein Parfum zum Einführungspreis gibt (umgerechnet etwa 40 Euro) und die beiden anderen gibt es gratis dazu.

„Nächste Woche geht das Produkt schon in die Läden, für jedes zahlen Sie drei Mal 4500 Kronen und wieviel ist das, gnädige Frau? Ja klar, eine ganze Rente!“

Nur zwei Fingerchen und dann... Foto © Petra Fujdlová

Mehr als die da

Achtung, jetzt folgt der wichtige Teil. Man klatscht in die Hände, tritt einen Schritt zurück, wobei man dem Glücklichen erneut zu diesem einzigartigen Angebot gratuliert. Aus der Handtasche holt man das Portemonnaie heraus und fährt mit dem Daumen über die Banknoten.

„Ihre Nachbarin hat gleich zwei Sets gekauft, reicht Ihnen eines, oder wollen Sie auch zwei?“

und dann

„Haben sie den Tausender passend oder soll ich wechseln?“

Auf keinen Fall darf jemals erwähnt werden, dass man etwas zum Kauf anbietet, man sagt nicht „Wollen Sie das? Möchten Sie das kaufen?“ Das wird nämlich als selbstverständlich vorausgesetzt. Und vor allem: es ist einem egal, ob es tatsächlich gekauft wird. Es bleibt noch das ganze Dorf, und alle gehören zu den ersten Zwanzig.

Erwachen

Die erste Sache, die mich überrascht hat, nachdem ich mich vom ersten Schock erholt hatte, war die große Anzahl an Leuten, die sich die Präsentation bis zum Schluss angehört haben. Von etwa 30 angesprochenen Personen haben sich lediglich drei oder vier so verhalten, wie es dem von mir erwarteten Stereotyp eines Tschechen entspricht, der sich in seiner Privatsphäre gestört fühlt: Sie schlugen die Tür zu, bevor sie überhaupt mitbekommen haben, worum es geht. Die ganzen Türen, die gar nicht erst geöffnet wurden, jetzt mal nicht mitgezählt. Die zweite Sache, die mich extrem erstaunte, war, dass die Leute nicht nur bereit sind zuzuhören, sondern die Sachen, von denen sie kurz davor noch gar nicht geahnt haben, dass sie sie brauchen, auch noch kaufen. Dass sie sich also umdrehen, ins Haus gehen, einen Tausender holen und wieder zur Tür kommen.

Wie ich so den ganzen Vor- und Nachmittag immer und immer wieder die gleichen Sprüche hörte (variiert lediglich um den Grad der Anfangsfreundlichkeit je nach Anwesenheit von Kindern, Blumen, einer neuen Fassade oder Nagellack an den Fingernägeln), konnte ich es einfach nicht fassen, wie gut die Masche funktioniert. Es ist natürlich etwas anderes, wenn man die Präsentation zum ersten (und auch zum letzten) mal hört, wenn so ein erfahrener Verkäufer vor der Tür steht, der in der Tat sehr freundlich ist und ohne Unterlass redet. Mir ist klar geworden, dass die Leute gerne plauschen und den unerwarteten und unbekannten Besuch als willkommenen Anlass sehen, etwas über ihre Enkel oder die heutigen „schweren“ Zeiten zu erzählen.

Nie wieder, ich verspreche es

Zu lustigen Situationen kam es auf beiden Seiten. Mit einer Frau sprachen wir durchs Fenster, das sie gerade sauber machte, so nahm sie die Gratulation in Gummihandschuhen entgegen. Ein Herr drohte wiederum, dass er den Nationalausschuss [Verwaltungsorgan der kommunistischen Tschechoslowakei, Anm. d. Übers] benachrichtigt. Und eine andere Frau hat uns eine potentielle Käuferin buchstäblich vor der Nase weggezerrt – es war wahrscheinlich ihre Tochter.

Allgemein lässt sich beobachten, dass sich eher ältere Menschen manipulieren lassen. Und die taten mir auch am meisten leid. Ich wollte diesen im Grunde genommen netten Menschen am liebsten mitteilen, dass ich solche Verkaufspraktiken zutiefst verabscheue und sie selbst bei erfolgreich absolvierter Schulung auf keinen Fall ausüben werde.

Petra Fujdlová
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
Mai 2013

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