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Der Prager Knödelkönig

Foto: Sarah Borufka

Mit einer Beilage zum Erfolg

Foto: Sarah Borufka
Knödel, Foto Sarah Borufka

Klein, rund und unscheinbar: Böse Stimmen finden wenig Gutes am tschechischen Knödel. Trotzdem ist die böhmische Küche ohne ihn undenkbar und die Tschechen lassen auf ihn nichts kommen. Dass man mit einem guten Knödel nur gewinnen kann weiß auch Petr Kosiner – der hat den Knödeln nämlich sein Leben verschrieben.

Verkehrslärm und triste Häuserfronten – auf den ersten Blick wirkt Prags Straße Dukelských hrdinů ungemütlich und trostlos. Trotzdem pilgern Menschen aus der ganzen Stadt hierher.

Was sie suchen? Den Knödel. Und zwar den von Petr Kosiner. Der hat nämlich vor sieben Monaten hier ein echtes Spezialgeschäft aufgemacht. Den ersten und einzigen Knödelladen von ganz Prag. Damit hat der 45-jährige Geschäftsmann mitten in der Wirtschaftskrise einen Glücksgriff getan: Er kommt mit der Herstellung der in Tschechien heiß geliebten Beilage kaum nach, so Kosiner.

„Im Durchschnitt machen wir pro Tag so an die 400 bis 500 Knödelteigrollen, dazu kommen dann noch unsere Obstknödel, die zähle ich dabei gar nicht mit. Das hängt auch davon ab, was für Obst gerade auf dem Markt zu haben ist. Bei der Nachfrage müsste ich drei- bis viermal so viel produzieren. Deswegen ziehe ich bald in eine größere Küche.”

Petr Kosiner steht oft selbst hinter der Ladentheke und berät Stammkunden persönlich. Mittlerweile zählen einige der bekanntesten Prager Gaststätten zu seinen Abnehmern. Dabei war seine Knödelkarriere keineswegs selbstverständlich – auch als Schreiner, Kellner und Musiklehrer hat er sich versucht. Aber erst als Koch kam die zündende Idee, eine Beilage zur Hauptsache zu erklären, sagt er.

„Natürlich bin ich nicht ganz blind da rein gegangen. Während meiner Zeit als Koch war ich einer der wenigen, die ihre Knödel noch selber gemacht haben, anstatt sich beliefern zu lassen. Die meisten Köche können das heute ja gar nicht mehr. Damals habe ich einer Metzgerei, die uns Fleisch lieferte, eine kleine Probe zugeschickt, und die meinten: Daraus solltest Du ein Geschäft machen, so gute Knödel macht kaum einer!“

Gesagt, getan. Jeden Morgen steigt Kosiner in seinen Lieferwagen, um die Großkunden zu beliefern. Nach seinen Vormittagsrunden durch die ganze Stadt kauft er dann alle nötigen Zutaten, und fängt gegen zwei Uhr an, die Waren für den nächsten Tag herzustellen. Oft dauert das bis in die späten Abendstunden. Vor Mitternacht kommt der Kleinunternehmer selten ins Bett. Aber leicht war der Anfang nicht. Kunden zu gewinnen war ein Problem, sagt Kosiner – das Knödelgeschäft sei hart, und die Großproduzenten schreckten vor nichts zurück.

Foto: Sarah Borufka

Petr Kosiner, Foto Sarah Borufka

„Die Konkurrenz ist riesig. Ich würde sagen, dass gerade bei den Knödeln mehr Wettbewerb herrscht, als bei anderen Lebensmitteln. Großkunden, die pro Woche tausende Knödelrollen abnehmen, sind oft ohne Bestechungsgelder nicht zu gewinnen. Und die größten Spieler auf dem Markt schaffen es natürlich auch, den Preis unglaublich zu drücken. Für die meisten sind die Kosten ja auch immer noch der wichtigste Faktor.“

Da überzeugt der Prager Knödelkönig lieber durch Qualität. Und wer seine Knödel erst einmal probiert hat, kann von ihnen offenbar nicht lassen. Mittlerweile sind Kosiners Knödel in aller Munde – und auch das Sortiment wächst stetig. Kartoffelknödel, Semmelknödel, Kräuterknödel, Obstknödel, Knödel mit und ohne Fleisch. In Zukunft möchte er glutenfreie Knödel verkaufen – bislang noch eine Marktlücke. Alleine kann er das kaum noch bewältigen. Deshalb sucht der erfolgreiche Unternehmer momentan auch nach einem Geschäftspartner - damit in seinem Leben bald auch wieder Platz für etwas anderes als Knödel ist.

Sarah Borufka

Copyright: Goethe-Institut Prag
Februar 2012

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