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Die Medien, die wir verdienen?

Tschechischer und deutscher Journalismus

Foto (Ausschnitt):  Verbraucherzentrale Bundesverband, CC BY 2.0In Tschechien wird bereits seit einiger Zeit über einen Niedergang des journalistischen Ethos gesprochen, über die stärker werdende Sensationslust und eine Verwischung der Grenzen zwischen dem Boulevard und den öffentlich-rechtlichen Medien.

Diese Art von journalistischem Hyänentum ließ sich zum Beispiel im Mai 2011 beobachten, im Fall des früheren IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn. Die tschechischen Medien hielten es in der überwiegend Mehrheit nicht für nötig, sich mit der Unschuldsvermutung auseinanderzusetzen, sondern bombardierten die Öffentlichkeit mit Titeln wie „Nur Mut, hörte der sexsüchtige Strauss-Kahn bei seiner Rückkehr nach Frankreich“ (tyden.cz) oder „Video vom Spießrutenlauf: So gehen Prominente in die U-Haft“ (aktualne.centrum.cz). Ich fragte mich: „Ist das normal?“ Wird auch in den Medien westlicher Länder so damit umgegangen? Wohin führt uns das in 20 oder 30 Jahren? Wenige Wochen später hatte ich die Gelegenheit, hinter die Kulissen des deutschen Journalismus zu schauen und so Antworten auf einige dieser Fragen zu finden.

Screenshot: aktuálně.cz am 17. Mai 2011: „Video vom Spießrutenlauf: So gehen Prominente in die U-Haft“

„Ein deutscher Journalist schreibt in der Regel einen Beitrag am Tag. Die Zeit für eine fundierte Recherche und eine gute Vorbereitung des Textes ist kurz“, sagt Stefan Kornelius, Leiter des außenpolitischen Ressorts bei der Süddeutschen Zeitung. Und ich glaube, ich kann meinen Ohren nicht trauen. In den Redaktionen der meisten tschechischen Tageszeitungen wäre so etwas nicht möglich: Viele Journalisten schreiben täglich etwa vier Beiträge, folglich besteht für eine gründliche Suche nach Informationen und die Quellenprüfung keine Zeit. Im Ergebnis führt das häufig zu ungenauen oder sogar irreführenden Informationen. Im besten Fall stiftet das nur etwas Verwirrung, im schlechteren wird sogar aufgrund von Fehlinformationen gehandelt. Schuld an dieser verbreiteten Praxis ist die schlechte Wirtschaftslage der meisten Medien. Aber auch in Deutschland sind diese in der Krise (unter anderem wegen der starken Konkurrenz durch das Internet). „Schlimm ist das nicht, aber wir haben Probleme – genauso wie alle anderen Zeitungen im Land“, gesteht Kornelius.

Dennoch habe ich nicht das Gefühl, dass sich die meist gelesene deutsche überregionale Tageszeitung einschränken müsste. Ich gehe durch einige der Redaktionsräume. Im 12. Stock des Hochhauses herrscht große Geschäftigkeit. Jeder scheint gerade irgendwo anzurufen, macht Notizen oder ist auf dem Sprung ins Terrain. Es sind Dutzende Menschen. Vor dem schwarzen Gebäude steht eine Reihe Dienstwagen, ständig steigt jemand in einen und fährt weg. In Tschechien dagegen haben die Kürzungen die wichtigsten journalistischen Hilfsmittel beschränkt: Telefongespräche wurden reduziert, nur wenige Reporter gehen ins Terrain. Für die Recherche bleibt so nur noch das Internet übrig und die eigene Begeisterung. Um die ist es aber angesichts schlechter Bezahlung und geringer gesellschaftlicher Akzeptanz des Berufs meist nicht gut bestellt. Journalisten haben bei der letzten Umfrage zur Marktforschung nur Platz zwölf belegt, noch hinter zum Beispiel den Landwirten.

Foto (Ausschnitt):  Jorge Díaz (xurde), CC BY-SA 2.0
Die Süddeutsche Zeitung ist die meist gelesene deutsche überregionale Tageszeitung. Foto (Ausschnitt): Jorge Díaz (xurde), CC BY-SA 2.0

Ungeschminkt und ohne Federlesens

„Die Leser wollen das so. Wir entsprechen nur dem Geschmack der Massen.“ Das sind beliebte Phrasen der Chefredakteure, die – ob in Tschechien oder Deutschland – den Inhalt ihrer Druckerzeugnisse verteidigen. Das Niveau der Medien sei einfach so, wie wir anderen es fordern. Sie waschen die Hände in Unschuld. Die Gesellschaft bekomme, was sie verdiene.

So einfach ist es jedoch nicht. Die Medien beeinflussen die öffentliche Meinung, sie bestimmen, was wir für wichtig halten und welche Nachrichten wir übermittelt bekommen. In dieser Hinsicht haben die Redakteure eine Verantwortung für eine Masse von Leuten. Manche halten die Presse sogar für einen Grundpfeiler der Demokratie, als einen Raum für freie Diskussion und Meinungsäußerung. In diesem Sinn dienen die Medien nachweislich dem öffentlichen Interesse, zugleich lässt sich nicht leugnen, dass sie auch gezwungen sind, Privatinteressen zu vertreten. Der Einfluss des Anzeigenbereichs ist in heutiger Zeit sehr groß, und jeder weiß, dass sich Sex-Skandale der Prominenz, blutige Mordtaten und gezielt emotionale Darstellungen am besten verkaufen lassen. Dies alles hat sich in der letzten Zeit auch auf den Seiten der so genannten seriösen Zeitungen breit gemacht, dort tauchen mittlerweile mehr Fragezeichen und Ausrufezeichen auf als nötig. Mit der Wirtschaftskrise und den niedrigen Löhnen im Journalismus lässt sich dies indes nicht ausreichend begründen.

Der Boulevard hat bei den Verkaufszahlen immer die anderen Zeitungen weit übertroffen, und das in jedem europäischen Land. Es sieht zwar so aus, als ob etwas dran ist an dem Gerede vom bloßen Spiegelbild des (schlechten) Geschmacks der Massen. Falls die Journalisten aber unter einem Herdentrieb leiden, dann unterschätzen sie die ethischen Prinzipien, an denen sich ihr Beruf orientiert. Der tschechische Publizist Bohuslav Blažek hat vor kurzem sogar geschrieben, dass der Boulevard wie ein Magnet wirke, auf den alle Medien unweigerlich zustreben würden.

Was ist der Ausweg?

Foto (Ausschnitt):  Verbraucherzentrale Bundesverband, CC BY 2.0

Hajo Schumacher: „Wozu noch Journalismus?“ Foto (Ausschnitt): Verbraucherzentrale Bundesverband, CC BY 2.0

Ich habe Dutzende kompetente Anleitungen gelesen, welches der Ausweg aus der Krise des Journalismus ist. Der deutsche Journalist Hajo Schumacher kam 2010 in der Süddeutschen Zeitung zum Schluss, die derzeitige Lage könnte zu einer Neudefinition des Medienauftrags im digitalen Zeitalter führen. Das ist optimistisch. Schumacher hat dazu in der Diskussion unter dem Titel „Wozu noch Journalismus?“ zwölf Thesen formuliert, deren Gültigkeit sicher nicht an den Grenzen Deutschlands Halt macht. Hier zumindest einige davon:

  • Journalisten sollen nicht vorgeben, unabhängig und objektiv zu sein – sie sind es nicht.
  • Transparenz bei Absichten und Zielen
  • Erweiterung der Recherchemöglichkeiten
  • Die aktuelle Praxis des Stimmegebens ändern: nicht den Lauten, sondern den Klugen begünstigen
  • Theoretische Kontrolle

Für die tschechische und ostdeutsche postkommunistische Medienlandschaft, wo die Medien lange Jahre scharf zensiert wurden, würde ich noch den Mut hinzufügen. Den Mut sich klar zu werden, dass der Journalismus in der heutigen Welt eine wichtige Rolle spielt, und den Mut, den Beruf des Reporters ernst zu nehmen und ihm zu einem besseren gesellschaftlichen Ansehen zu verhelfen. Das bedeutet auch, ihm mehr Raum, Zeit und Geld zu verschaffen für eine gründliche Recherche. Und es bedeutet, den Journalisten bei ihrer Arbeit stärker entgegenzukommen und sich klar zu werden, dass das, was ich ihnen sage, heutzutage nicht mehr vom Geheimdienst gegen mich verwendet werden kann. Zudem sich nicht fürchten, offen zu sprechen und die freien Medien zu unterstützen. Also: Presse, Rundfunk und Fernsehen zu unterstützen und zu begreifen, dass sie schon lange nicht mehr zum marxistisch verstandenen Überbau gehören. Oder wie der tschechische Ex-Staatspräsident Václav Havel gesagt hat: „Auch wenn heutzutage immer mehr Wert auf die wirtschaftlichen Aspekte der Kultur gelegt wird, müssen wir vor allem diejenigen Seiten wahrnehmen, die sich nicht beziffern lassen.“ Genau, die Berufung als Journalist gut zu erfüllen, lässt sich nicht aufwiegen.

Hanka Sedláková
Übersetzung: Till Janzer

Copyright: Goethe-Institut Prag
April 2012

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