Job

„Eine Frage der Ordnung!“

Foto: Janika Rehak

Alltag einer Archivarin

Mit 22 Jahren Leiterin des Rotenburger Stadtarchivs: Jana Judel ist der Beweis, dass Archivare nicht immer alte Männer mit Hornbrille sein müssen. Was reizt eine junge Frau an mühsamer Verwaltungsarbeit? Ist der Job wirklich so trocken, wie viele denken? Was hat sich am Berufsbild des Archivars verändert?

Foto: Janika Rehak
Klassischer Papierkram, Foto: Janika Rehak

Jana, unter einem Archivar stellen sich viele einen verschrobenen älteren Herren mit Rauschebart und dicker Brille vor, der in dunklen Kellern hockt und in verstaubten Akten wühlt. Was sagst du zu diesem Klischee?

Dahinter steckt schon ein Funken Wahrheit. Dieser Typus ist in der Realität durchaus noch anzutreffen. Allerdings haben sich sowohl die Arbeitsbedingungen als auch der Ausbildungsweg verändert. Früher haben Archivare tatsächlich in dunklen Magazinräumen im Keller gearbeitet. Mittlerweile verfügt aber fast jeder über einen separaten Büroraum mit PC – über der Erde! Außerdem gab es früher noch die Tätigkeit des Archiv-Assistenten. Inzwischen ist dafür aber der Ausbildungsweg zum „Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste“, kurz FAMI, eingerichtet worden. So gesehen sind die Assistenten von früher die Archivare von heute. Nichtsdestotrotz muss ein Archivar manchmal noch stickige Dachböden oder dunkle Keller aufsuchen, um dort seiner Arbeit nachzugehen.

Was hat dich denn an diesem Job gereizt?

Ich habe mich schon während der Schulzeit für Geschichte interessiert und auch aktiv Ahnenforschung betrieben. Dabei konnte ich den Stammbaum meiner Familie bereits bis ins Jahr 1780 zurückverfolgen.

Gerade die deutsche Bürokratie steht ja in dem Ruf, Unmengen an Papierkram zu produzieren. Wird das tatsächlich alles aufbewahrt?

Nein, das wäre aus Platzgründen gar nicht möglich. Jedes Archiv hat einen bestimmten Zuständigkeitsbereich. Das heißt, ihm sind zum Beispiel Standes- oder Bauämter zugeordnet. Wird das dort produzierte Schriftgut nicht mehr benötigt, wird es ans Archiv weitergereicht. Der Archivar wählt dann diejenigen Unterlagen aus, die dauerhaft aufbewahrt werden sollen. Das ist der eine Teil der Archivarbeit. Das andere ist die Auswertung privater Nachlässe. Das ist sehr spannend, denn manchmal stimmen das Offizielle und das Private nicht überein. Zum Beispiel wurden während des Nationalsozialismus Dokumente manipuliert, beschönigt, vernichtet, eben den Wünschen des Regimes angepasst. Private Tagebücher oder Briefe zeichnen da unter Umständen ein viel realistischeres Bild, wie es den Menschen wirklich ging.

Foto: Janika Rehak
Verwaltung digital, Foto: Janika Rehak

Hast du da ein Beispiel?

Was mich einmal sehr bewegt hat, war der Brief eines kleinen Mädchens an seinen Vater, der an der Front gekämpft hat. Sie hat sehr anschaulich von ihrem Alltag erzählt, dass ihr die Situation große Angst machte und wie sehr sie ihren Vater vermisste. Man konnte ihre bedrückende Lebenswelt richtig nachempfinden.

Im Nachbarkreis Verden hat niemand Geringerer als Baywatch-Star David Hasselhoff seine Wurzeln gefunden. Hat Rotenburg auch berühmte Persönlichkeiten hervorgebracht?

Bekannte Personen schon, zum Beispiel einige Musiker, Sportler und Schriftsteller, die es zumindest zu regionalem Ruhm geschafft haben. Frank Carstens, der Co-Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft, dürfte wohl die derzeit bekannteste Figur sein. Mit jemandem von Hasselhoffs Format kann Rotenburg aber leider nicht dienen.

Wie genau findest du dich eigentlich bei dem vielen Material zurecht?

Das ist eine Frage der Ordnung. Man muss die Sachen richtig abheften, beziehungsweise wissen, wo suchen muss. Wenn etwas dagegen falsch abgeheftet wird, dann findet man es, wenn man Pech hat, nie wieder. Natürlich gibt es auch immer wieder Verluste, zum Beispiel durch Wasser-, Feuer-, oder Kriegsschäden. Bei uns in Rotenburg ist außerdem einiges durch die Verlegung des Archivs verloren gegangen. Das ist ziemlich seltsam, denn eigentlich war es nur ein Umzug von einem Gebäude ins andere. Keine 500 Meter Luftlinie! Wohin die Sachen verschwunden sind, wissen wir bis heute nicht.

Bist du privat denn auch so ordentlich?

Nein, da nehme ich das komischerweise nicht so genau (lacht). Aber bisher habe ich alles wirklich Wichtige trotzdem immer wiedergefunden.

Foto: Janika Rehak

Jana Judel, mit 22 Jahren die Leiterin des Stadtarchivs Rotenburg, Foto: Janika Rehak

Das Interview führte Janika Rehak

Copyright: Goethe-Institut Prag
Mai 2012

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