Kultur

Hausaufgabe: „Tatort“ schauen!

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An der Philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität in Brno veranstaltet die DAAD-Sprachassistentin, Franziska Lange, ein Seminar über die deutsche Krimiserie „Tatort“. Der Titel des Seminars lautet „Der Tatort als Spiegel der Gesellschaft“ und lässt erahnen, dass es um mehr gehen wird, als gemeinsam wöchentlich den aktuellen „Tatort“ zu besprechen.

Lehrreiches am Sonntagabend

Jede Woche zu Seminarbeginn stellt Franziska Lange die gleiche Frage: „Haben es alle geschafft, sich den aktuellen Tatort anzusehen?“ Das ist spätestens mit der Einführung des Livestreams und der Online-Mediathek auf der ARD (Abkürzung für Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland) auch in Tschechien möglich. Fast alle StudentenInnen nicken. Erste Meinungen werden geäußert. Franziska sammelt an der Tafel stichpunktartig den Titel der Folge, die Namen der Ermittler und den Drehort. Anschließend leitet sie durch gezielte Fragen zum Plot der Folge die Diskussion ein. Es zeigt sich, wie geeignet die Serie für den Fremdsprachenunterricht ist, denn was für einige Seminarteilnehmer als notwendige Hausaufgabe begann, hat sich mittlerweile zur willkommen Abwechslung neben dem Studienalltag entwickelt: das Tatort-Schauen stellt nicht nur eine gute Sprachübung dar, sondern erfordert zudem die Auseinandersetzung mit der deutschen Gesellschaft.

Foto: © Ina HartmannIch hatte von der Serie bereits aus einem anderen Seminar von Frau Lange erfahren, deshalb finde ich es gut, dass sie jetzt ein ganzes Seminar nur zum Tatort anbietet. Ich finde es gut, dass ich durch die Sendung neues über die deutsche Kultur lerne und natürlich ist das Schauen auch jedes Mal eine kleine Hörübung für mich zu Hause.

Jakub J.

Das Konzept der Serie basiert auf einer Kombination eines klassischen Ermittlerkrimis und Themen, die sich durch eine gesellschaftspolitisch relevante Aktualität auszeichnen. Mit Hilfe der Krimiserie werden die tschechischen Germanistikstudenten dazu angeregt eigene Meinungen zu gesellschaftlichen Problemstellungen zu beziehen und gemeinsam zu besprechen. Durch den Anspruch der Sendung auf eine realitätsnahe Abbildung der deutschen Gesellschaft und ihrer Schattenseiten, kann die Serie als „erlebte“ Landeskunde im Seminarraum gelten.

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„Tatort“-Schauen: nicht nur Sprachübung, sondern auch Gesellschaftskunde. Foto: © Ina Hartmann

Identitätsstiftendes Kultphänomen

Die Idee eines Tatort-Seminars entstand vor rund einem Jahr, als Franziska selbst noch Studentin an der Universität Leipzig war. Zusammen mit anderen Deutsch-als-Fremdsprache-Studenten bearbeitet sie in einem kulturwissenschaftlichen Seminar die Fragestellung, wie man anhand des popkulturellen Mediums Tatort landeskundliche Aspekte für den Fremdsprachenunterricht aufbereiten kann. Die Tatsache, dass die Krimireihe seit rund 40 Jahren produziert wird und innerhalb der letzten Jahrzehnte zur beliebtesten Serie im deutschen Fernsehen mit einer Einschaltquote von bis zu zwölf Millionen Zuschauer avancierte, macht sie zum attraktiven Gegenstand des Fremdsprachenunterrichts.

Foto: © Ina HartmannVor dem Seminar kannte ich die Serie nicht, aber mittlerweile schaue ich mir in der Woche manchmal bis zu drei Tatort-Folgen an. Ich mag die Sendung gerne, vor allem weil ich sie durch das Seminar vielseitiger wahrnehme. Es war auch wichtig für mich, dass neben Frau Lange andere Muttersprachler am Kurs teilnehmen, die die Serie aus einer ganz anderen Perspektive betrachten können als die tschechischen Studenten und somit interessante Diskussionen entstehen.

Anna F.

Eine Krimireihe mit jahrzehntelangem Format und fester Sendezeit: Für einige tschechische Germanistikstudenten mag das eher nach einer Sendung für ihre Großeltern klingen. Tatsächlich jedoch lockt die Sendung ältere wie jüngere Generationen regelmäßig vor den Fernseher. In einigen Freundeskreisen konnte sich das gemeinsame Tatort-Schauen sogar als feste Institution am Sonntagabend etablieren. Mittlerweile veranstalten auch viele Bars und Kneipen am Sonntag Tatort-Abende für Fans und Neulinge. In einigen deutschen Städten geht der Trend des kollektiven Tatort-Erlebnisses sogar soweit, dass Jubiläumsfolgen auf öffentlichen Plätzen übertragen werden und das jeweilige Ermittlerteam der Premiere und der anschließenden Diskussion beiwohnt.

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Franziska Lange leitet an der Uni Brno ein Seminar über die deutsche Krimiserie „Tatort“. Foto: © Ina Hartmann

Zweifelsohne verbinden viele Tatort-Zuschauer neben den erwünschten Spannungsmomenten, ein soziales Ereignis mit der Krimiserie, das ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt. So kann die erste Frage am Montagmorgen in der Arbeit oder der Uni schon mal lauten, ob man den gestrigen Tatort gesehen hat und wie man ihn fand. Der Stellenwert der Serie ist in der deutschen Gesellschaft folglich hoch und für etliche Fans ist sie längst zum Kult in der deutschen Medienwelt geworden.

Foto: © Ina HartmannFür mich ist der Tatort primär eine Hörübung. Ich finde die Themen, die wir im Zusammenhang mit der Serie im Seminar besprechen, interessant und habe das Gefühl, nach jedem Kurs etwas Neues über Deutschland erfahren zu haben.

Petr S.

Die deutsche Vielseitigkeit

„Im Vordergrund des Seminars sollen einerseits die Diskurse, die der Tatort aufgreift und verarbeitet und andererseits die Diskurse, die der „Tatort“ selbst initiiert, stehen“, sagt Franziska. Die Studenten sollen sich außerhalb des Seminars nicht nur den aktuellen Tatort (oder ältere Folgen) ansehen, sondern sich zu ausgewählten Themenschwerpunkten, wie beispielsweise Rechtsextremismus, zur Serie informieren. Anschließend wird zu den einzelnen Schwerpunkten im Seminar referiert und diskutiert. Den Studenten eröffnet dies einen Zugang zur deutschen Kultur, der ein möglichst breites Spektrum an eigenen Gedanken und Sichtweisen zulässt und keine Schwarz-Weiß-Schablone über die deutsche Kulturlandschaft legt. Die deutsche Kultur ist vielseitig und das föderalistische Konzept der Serie spiegelt genau das wider.

Seit 1970 hat der „Tatort“ den gleichen Vorspann. Die Musik komponierte Klaus Doldinger.

Ina Hartmann

Copyright: Goethe-Institut Prag
Mai 2013
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Die Krimiserie „Tatort“

Der 1970 gestartete Tatort ist die am längsten laufende und derzeit beliebteste Krimireihe im deutschen Sprachraum. Die Erstausstrahlung läuft in der Regel sonntags zur Hauptsendezeit. Im Gegensatz zu anderen Fernsehkrimireihen sind bei ihren Tatort-Produktionen die einzelnen Rundfunkanstalten der ARD jeweils für ihr Sendegebiet zuständig. Jede Rundfunkanstalt verfügt über mindestens ein Ermittlerteam. Gegenwärtig wird in 16 deutschen Städten und Regionen ermittelt – hinzukommen ein schweizerisches und ein österreichisches  Ermittlerteam. Die beteiligten Rundfunkanstalten produzieren unabhängig voneinander an festen Drehorten – bevorzugt Großstädte - und legen dabei, im Vergleich zu anderen deutschen Krimiproduktionen, ein besonderes Augenmerk auf das Lokalkolorit der jeweiligen Region. Lokale Eigenarten, Feste, Landschaften, Bräuche und Traditionen, aber auch die gesprochene dialektale Sprache, waren und sind wichtige Nebenakteure des Tatort. Um die Verständlichkeit des Handlungsablaufes zu wahren, wird heutzutage jedoch nur noch Hochdeutsch in der Serie gesprochen, vereinzelt sprechen Nebenfiguren mit dialektaler Färbung. Ausnahmen bilden die österreichischen und schweizerischen Produktionen – für den Schweizer Tatort existieren jeweils eine Synchronfassung in Schweizerdeutsch und Standarddeutsch und bei österreichischen Sendungen müssen sich ungeübte Ohren manchmal ein bisschen mehr anstrengen, um den Dialogen der Protagonisten folgen zu können.

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