Kultur

Rebellische Kunst zwischen Prag und Berlin

Foto: © Luděk Pešek Pachl, www.rebelart.deFoto: © Luděk Pešek Pachl, www.rebelart.de
Luděk Pešek Pachls neuester Streich: quadratische Acrylbilder, die deutlich an die Hakenkreuzflagge erinnern. Foto: Robert Sedmik / © Luděk Pešek Pachl, www.rebelart.de

Luděk Pešek Pachl kann man mit Fug und Recht einen Rebell nennen. Der Punk-Künstler malt nur, was er will und betreibt nebenbei in Berlin einen „Tuzex“-Laden.

Luděk Pešek Pachl provoziert gerne. Sein neuester Streich sind ein Meter mal ein Meter große Acrylbilder, die deutlich an die Hakenkreuzflagge erinnern – nur ist in der Mitte kein Hakenkreuz zu sehen, sondern Darth Vader, Krtek [Der kleine Maulwurf des tschechischen Animationsfilmers Zdeněk Miler, in Deutschland vor allem bekannt aus der Sendung mit der Maus, Anm. d. Red. ] oder die Friedenstaube. Warum der tschechische Künstler, der heute in Berlin lebt, gerne provoziert, wird schnell klar.

Geboren wurde Luděk Pešek Pachl 1971 in Most (Brüx). Das Leben in der nordböhmischen Stadt ist geprägt durch die Schwerindustrie, den Kohlebergbau und die Chemieindustrie, die eine verwüstete Landschaft zurücklässt. Hier fängt Ludek als Kind an, mit Wachsfarben an den Wänden seines Zuhauses herumexperimentieren. Seit er 24 ist, malt er professionell, aber die Ursprünge seiner Kunst liegen für ihn in seiner Kindheit: „Ich habe damals irgendeinen dämlichen Kinderpreis bekommen – ein Buch von irgendeinem DDR-Schriftsteller, es hieß Autostop in die Ferien. Ich habe das Buch nie gelesen, es flog gleich ins Regal“, erinnert sich Luděk.

Er malte damals ein Kesselhaus, das hinter dem Haus der Familie stand. „Wie alt ich damals war, weiß ich echt nicht mehr. Sagen wir mal 13. Folgen hatte es jedenfalls schreckliche – ich male nämlich bis heute und dementsprechend sieht es auch aus“, grinst der 42-Jährige.

Vom Rebell zur „Rebel Art“

Anpassen wollte er sich schon damals nicht: „Ich habe abgelehnt, diese kommunistische Scheiße zu malen, mit einem vorgegebenen sozialistischen Thema, rauchende Fabriken und Frieden.“ Seinen Widerwillen gegen das kommunistische System zeigte er auch durch sein Aussehen: „Damals hatte ich so Spezialklamotten von meiner Tante aus den USA. Wenn man sie ein bisschen bearbeitet hat, waren es super Punkklamotten. Nach der Schule wurde ich oft von der kommunistischen Polizei gefickt. Und so ging es die ganze Zeit bis in die Nachwendejahre“, erzählt er. Ein Punk stieß natürlich im damaligen Sozialismus auch bei Eltern und Lehrern nicht gerade auf Begeisterung. „Ich musste der Lehrerin morgens immer zeigen, was ich für Klamotten anhabe – wenn sie nicht einverstanden war, musste ich zurück nach Hause mich umziehen. Probleme hinter jeder Ecke an jedem Tag im Jahr.“

Luděk Pešek Pachl führt durch eine seiner Ausstellungen.

Als 1989 die Wende kam, war Ludek gerade 18 Jahre alt. Sofort ging er auf Europareise, lebte unter anderem drei Jahre lang in Neapel. Was hat er damals gehofft, zu finden?

„Ich hab mir wahrscheinlich nichts erhofft, ich wollte nur viel sehen. Möglichst viel und möglichst weit weg. Es waren eher so Reisefantasien, es war wohl eine Art Genugtuung für die 18 Jahre im Kommunismus und dann kam die Euphorie dazu. Es war super“, sagt Pachl.

1998 verschlug es Pachl nach Berlin, wo er seitdem lebt. Es war sozusagen „um die Ecke“, nach Neapel war es ihm mittlerweile zu weit. Eine Verkettung von Zufällen, das kulturelle Leben, ein Angebot von seinem Kumpel Dlouhý schließlich ließen ihn im Berlin der späten Neunziger Wurzeln schlagen – und das obwohl er am Anfang nur ein paar Brocken Deutsch konnte.

Hier entstehen seine Bilder, die er selbst als „Rebel Art“ bezeichnet. Darin wimmelt es von Bezügen zur Popkultur – der deutschen und der tschechischen. Seine Werke sind ironisch und provokativ.

Botschafter für Tschechien

Das hat er gemeinsam mit der Kunst von Roman Týc und der Gruppe Ztohoven. Als Luděk vor zwei Jahren von dessen Verurteilung wegen der manipulierten Ampelmännchen hörte, war er sauer: „Das Ganze ist natürlich eine Sauerei. Seine Verurteilung ist irgendwie unglücklich aber auch positiv zugleich. Unglücklich, weil so etwas in einem demokratischen System nicht passieren darf, oder zumindest nicht passieren sollte. Aber auch positiv, weil er jetzt bekannt geworden ist und ins Bewusstsein der Leute gelangt ist. Aber um welchen Preis? Sei es ihm zu Gute gehalten und den tschechischen Gesetzgebern zum Vorwurf gemacht“, meint Luděk heute dazu.

Er selbst habe bisher keine solchen Probleme wegen seiner Kunst gehabt, aber das komme vielleicht noch, meint er. „Auch wenn die Kunst frei sein muss. Das ist ja allgemein bekannt – die Frage ist wie immer, was Kunst ist und was nicht und wer das Recht hat, darüber zu entscheiden“, sinniert er.

Für ihn bedeutet Kunst absolute Freiheit. Sein Motto: „ Ich male, was ich will, wann ich will, womit ich will, worüber ich will und worauf ich will. Ich bitte Sie, verbieten, etwas zu malen? So was hat es hier schon gegeben...“

Foto: © Luděk Pešek Pachl, www.rebelart.de
Luděk Pešek Pachl vor seinem Werk „Der Pädophilenmord II.“ (2008). Foto: © Luděk Pešek Pachl, www.rebelart.de

Neben der Malerei führt er in Berlin den Laden Tuzex, benannt nach der Handelskette „Tuzex“ (von tuzemský export, deutsch etwa „Inlandsexport“), in dem er „typisch Tschechisches“ verkauft – krtek, pivo, tatranky. Es gibt auch einen Altar für Karel Gott.

Im Tuzex organisiert er einen deutsch-tschechischen Stammtisch, tschechische Filmabende, und Debatten, zu denen nicht nur Tschechen, Deutschen und Slowaken kommen, sondern auch Polen, Argentinier, Amerikaner. „Man könnte sagen, dass ich eine Art Aufklärung über Tschechien betreibe“, freut sich Luděk.

Ulli Mascher

Copyright: Goethe-Institut Prag
Juni 2013
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