Kultur

Anne Frank im Comic

© Carlsen Verlag, Hamburg 2010

Eine Graphic Novel zeichnet die Biographie des Holocaust-Opfers nach

© Carlsen Verlag, Hamburg 2010
© Carlsen Verlag, Hamburg 2010

Anne Frank gilt weltweit als Symbol der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Doch ihre traurige Berühmtheit stellt Historiker und Künstler, die sich mit der Aufarbeitung dieses Teils der deutschen Geschichte beschäftigen, vor eine Herausforderung: Mit Anne Franks Einzelschicksal verbindet sich die Chance, eine riesige Zielgruppe für ein historisches Thema zu gewinnen – aber auch das Risiko, ihre Biographie kommerziell auszuschlachten. Der jetzt auch auf Tschechisch erschienene Comic „Das Leben der Anne Frank – eine grafische Biografie“ wählt einen sensiblen künstlerischen Zugang zur Familiengeschichte der Franks. Der größtenteils gelungene Comic hat aber eine große Schwäche – und die ist grafischer Natur.

An der Frage, wie angemessen die Aufarbeitung des Holocaust in Comicform ist, scheiden sich die Geister. Während manche Historiker und Feuilletonisten eine Verharmlosung darin sehen, die Geschichte des „Dritten Reichs“ und seiner Opfer vereinfacht in Illustrationen darzustellen, sehen andere darin eine Möglichkeit, Geschichte für ein breites Publikum begreifbar zu machen. In Deutschland haben Comics als pädagogisches Medium keine Tradition – und das, obwohl schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Holocaust-Überlebende und deren Kinder begannen, ihre Erfahrungen auch illustrativ festzuhalten.

Die Comic-Autoren Sid Jacobson und Ernie Colón haben das Leben von Anne Frank zum Thema einer Graphic Novel gemacht. Er ist eine Mischung aus Familiengeschichte, Wiedergabe des berühmten Tagebuchs und historischen Exkursen, die sich an ein jüngeres Publikum richtet. Gelungen ist den Autoren, die spezifische Familiengeschichte der Franks in den allgemeinen historischen Rahmen einzuordnen. Von beeindruckender Genauigkeit ist die Nachzeichnung der Orte, an denen Anne Frank und ihre Eltern lebten und ihren Alltag verbrachten. Irritierend für den Leser wirkt hierbei lediglich die allzu unproblematische Darstellung der Emigration der Familie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Obwohl darauf verwiesen wird, dass die Familie seit Generationen in der Region Frankfurt am Main lebte, wirkt die Ausreise der Franks in die Niederlande im Comic eher wie ein freiwilliger Umzug als ein unter den massiven Verfolgungsstrategien der Nazis erfolgter Schritt.

© Carlsen Verlag, Hamburg 2010
© Carlsen Verlag, Hamburg 2010

Hitler als entmenschlichter Bösewicht

Die eigentliche Schwäche des Comics aber ist die grafische Darstellung der Nationalsozialisten. Dass Comics mehr als andere literarische Medien von Überspitzung und Karikierung Gebrauch machen müssen, steht außer Zweifel. In der Graphic Novel geschieht jedoch das, was auch in frühen künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeiten zum Holocaust häufig passiert ist und heute als fatal gilt: die Dämonisierung der Nationalsozialisten. So erscheint Hitler als entmenschlichter Bösewicht, dessen Handlanger von der SS zum Teil sogar ohne Gesichtszüge auskommen, wenn sich darin nicht gerade die pure Skrupellosigkeit spiegelt.

Die adäquate Darstellung von Tätern und Opfern in Kunst und Literatur ist eine enorme Herausforderung – und nicht zuletzt Geschmackssache. Dennoch ist die moderne Geschichtsschreibung bemüht, das überholte Bild der Täter als das personifizierte Böse durch ein differenzierteres zu ersetzen. Die eigentliche Unbegreiflichkeit des Holocaust besteht gerade in der Tatsache, dass es normale Menschen waren, die für Mord und Verfolgung verantwortlich waren. Schwarzweißmalerei führt immer auch zu einer Relativierung, weil sie weite Teile der Gesellschaft von ihrer Verantwortung entbindet. Auch muss es einem jungen Publikum durch diese Darstellung ein Rätsel bleiben, wie ein als verrückter Außenseiter gezeichneter Hitler Millionen von Wählern von seinem menschenverachtenden Programm überzeugen konnte.

Es ist dem klassischen Comicstil geschuldet, dass Das Leben der Anne Frank stellenweise wie eine Superheldengeschichte wirkt, in der die Heldin am Ende vom Bösen besiegt wird. Daraus aber grundsätzlich abzuleiten, dass Aufarbeitung von Geschichte nicht auch in Comicform stattfinden kann, wäre falsch. Das Leben der Anne Frank macht deutlich, wo die Chancen unkonventioneller Geschichtsschreibung liegen – und woran Künstler in Zukunft noch arbeiten müssen.

Ernie Colón und Sid Jacobson: Das Leben von Anne Frank. Eine grafische Biografie, 160 Seiten, gebundene Ausgabe, Carlsen Verlag 2010


Copyright: Goethe-Institut Prag
Oktober 2013

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