Kultur

Der Majáles trotzt dem Wetter und dem Mainstream

Jan Junek

Der größten tschechischen Studenteninitiative geht es nicht nur um lebendige Kultur sondern auch um die Förderung einer Zivilgesellschaft

Nový majálesový král? Foto: © Jan Junek
Der neue Maikönig? Foto: © Jan Junek

Früher waren es spontane Studentenveranstaltungen, die den Frühling, das Studentenleben und die alternative Kultur zelebrierten. Nach der Revolution wurde aus dem „Majáles“ (Maifest) meist eine Parade von Sponsoren und massentauglicher Bands, an der die Studenten nur als zahlende Zuschauer beteiligt waren. Das ist aber glücklicherweise nicht in allen tschechischen Städten so. Das Maifest im südböhmischen České Budějovice (Budweis) versucht schon seit zehn Jahren zu den Wurzeln zurückzukehren. Vierzig junge Erwachsene stellen in ihrer Freizeit und ohne Honorar ein vielseitiges Festival lebendiger Kultur auf die Beine, auf dem sich die ganze Stadt trifft. Es sei denn, das Wetter ist schlecht.

Der Budweiser Majáles hielt die südböhmische Kreishauptstadt in diesem Jahr vom 6. bis zum 11. Mai in Atem. Über 160 Künstler traten überall in der Stadt auf – die Hauptbühne war in einem der Stadtparks. Doch auch der zentrale Platz Otakars II., die Clubs, Cafés, Theater, ja sogar das Rektorat der südböhmischen Universität wurden mit Leben gefüllt. Am Moldauufer entstand ein provisorisches Autokino, in dem Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ gezeigt wurde.

Zu den Veranstaltungen, die die Besucher mit einem freiwilligen Eintrittsgeld wertschätzen konnten, kamen dieses Jahr aber nicht nur junge Menschen. Die Vision der Organisatoren war es nämlich, auch die älteren Jahrgänge, die Eltern und Großeltern anzulocken. „In diesem Jahr haben wir eine große Kampagne gestartet. Zehntausend Haushalte in der Stadt haben einen Einladungsbrief bekommen. Der Majáles hat für jeden etwas zu bieten, schließlich sind wir das größte Non-Profit-Festival des Landes“, sagt Ladislav Zibura, einer der Mitorganisatoren. „Im Programm gab echte Highlights, wie der Auftritt des südböhmischen Theaterorchesters oder der Young Fathers. Unter der Woche waren die Veranstaltungen am besten besucht – man kann gar nicht sagen, was genau die meisten Besucher angezogen hat. Eigentlich war es immer voll. Und das Programm war sehr vielfältig.“


In den ersten Tagen des Majáles sah es so aus, als ob 2013 der erfolgreichste, meistbesuchte und problemloseste Jahrgang werden würde. Aber an dem Wochenende, an dem das gesamte Programm mit Künstlern wie Lenka Dusilová, Shugo Tokumaru und Vladimír 518 im Park auf einer großen, offenen Bühne stattfinden sollte, fing es an zu regnen. Und es regnete so stark, dass fast niemand kam. Das ist für ein kostenloses Festival, das zu einem Teil von den Einnahmen der Bars und Imbissstände abhängig ist, eine Katastrophe.

Jetzt müssen die Organisatoren den Bars, die noch nicht einmal die eigenen Investitionen erwirtschafteten, einen Einnahmeausfall von 140.000 Kronen (etwa 5600 Euro) erstatten. „Das war das größte Problem. Wir hatten tolle Vereinbarungen mit den Bars ausgemacht und wenn so viele Besucher wie im letzten Jahr gekommen wären, dann hätten wir noch Geld für das nächste Jahr gehabt. Mit einem solch apokalyptischen Wetter hatten wir bis dahin noch keine Erfahrungen gemacht. Neben dem Regen war es noch dazu kalt, so dass die Besucher nicht so viel gegessen und getrunken haben wie üblich. Wir haben erwartet, dass es schlecht sein wird, aber dass wir noch die Thekenkräfte mitbezahlen müssen, wäre uns nicht eingefallen.“ sagt Zibura und fügt hinzu, dass das Team jetzt mit den Sponsoren verhandelt, die das Haushaltsloch wieder füllen könnten. Außerdem verzichten einige Künstler auf ihre Honorare. Eine ähnliche Situation gab es schon im Vorjahr, aber eine Spendensammlung der Fans hat damals geholfen. „Dieses Jahr wollen wir sie aber nicht wieder belasten. Die Unterstützung der Fans ist groß und wir schätzen sie sehr, aber diesmal wollen wir das anders lösen“, sagt Zibura. Finanziert wird der Majáles normalerweise von Zuschüssen, Stiftungen und privaten Einrichtungen.

Vítání slunce. I na Majálesu se začínalo rozcvičkou. Foto: © Jakub Hemala
Die Begrüßung der Sonne. Auch das Maifest wird mit Morgengymnastik begonnen. Foto: © Jakub Hemala

Das schlechte Wetter war allerdings nicht das einzige Problem mit dem der Majáles 2013 konfrontiert wurde. Der Stadtverwaltung gefiel es nicht, dass die Oberfläche des Parks aufgrund des Wetters beschädigt wurde. Mit anderen Worten: ein Teil des Parks wurde zertrampelt. Dafür drohte eine Strafe, eine weitere Strafe wiederum dafür, dass die Veranstalter nicht die genaue Anzahl der Bars angegeben hatten. „All dies ist bereits Geschichte. Beide Strafen wurden zurückgezogen – das ist fair. Wir haben zwei Tage wir damit verbracht, das Grundstück zu reparieren, weil es wirklich sehr matschig war. Ich bedauere ein bisschen, dass niemand über das gute Programm unter der Woche redet, das eine Rekordbesucherzahl hatte. Es waren 120 tolle Veranstaltungen, die praktisch immer voll waren. Und doch reden wir hauptsächlich über den zertrampelten Park, den wir mittlerweile wieder in Ordnung gebracht haben“, meint Zibura.

Die Zukunft ist ungewiss

Die Vorbereitungen fürs nächste Jahr haben bis jetzt noch nicht begonnen. Das Team organisierte im Juni nur ein Benefizkonzert. „Das Konzept planen wir irgendwann im September, dann werden wir das Geld für das nächste Jahr zusammentreiben und erst dann, wenn wir eine Vorstellung über das Budget haben, können wir anfangen, uns konkrete Künstler auszusuchen. Bis jetzt steht aber noch alles in den Sternen“, sagt Zibura. Neben der Konzeption und Bemühungen um Fördermittel wird das Team auch darüber diskutieren, wie man Problem, die das Wetter mit sich bringen könnte, in Zukunft vermeiden kann. Eine Lösung wäre, den Majáles auf Ende Mai zu verschieben, da das Wetter dann meist stabiler ist. „Eine andere Lösung könnte sein, Eintritt zu verlangen, was die meisten Veranstaltungen unserer Größe tun. Wenn Menschen sich im Vorfeld Tickets kaufen, kommen sie unabhängig vom Wetter. Das wollen wir aber nicht, wir wollen für alle zugänglich bleiben. Ich befürchte auch, dass Zeltkonstruktionen nicht helfen würden. Ein Festival mit ein paar hundert Besuchern, die an einem Tisch sitzen und Bier trinken, ist kein Festival. Da könnten wir den Majáles auch gleich im Fernsehen übertragen“, findet Zibura.

Jeder Moment zählt

Biertrinkend am Tisch sitzen die Organisatoren des Festivals bestimmt nicht. Zumindest nicht ständig. Die vierzig aktiven Schüler und Studenten widmen der Organisation des Maifestes das ganze Jahr über (nicht nur) Freizeit. Man braucht eine Presseabteilung, einen Musik-Dramaturgen und einen Dramaturgen für die Straßenkunst. Letztere Aufgabe übernahm in diesem Jahr die 21-jährige Marcela Macháčková. „Ich bin das zweite Jahr dabei, letztes Jahr war ich aber nur eine Art Beraterin. Das Beste war, als ein Künstler ankam und man ihm ansehen konnte, dass ihm der Majáles Spaß macht und dass er unsere Arbeit wirklich schätzt. Unvergleichlich waren außerdem einige Programmpunkte wie DJ Tvyks oder Young Fathers“, erzählt Macháčková. Nächstes Jahr will Zibura noch mehr Künstler in die Stadt locken. „Mich fasziniert es jedes Jahr aufs Neue, was wir als Studenten auf die Beine stellen können und wie es uns jedes Jahr gelingt, den Majáles einen Schritt weiter zu bringen“, fügt Zibura hinzu.

Amatérští divadelníci zaplnili město o majálesovém týdnu. Foto: © Jakub Hemala
Während der Maifestwoche bevölkern Laientheatergruppen die Stadt. Foto: © Jakub Hemala

Am Budweiser Majáles wird in Internetdiskussionen manchmal bemängelt, dass keine Mainstream-Gruppen einladen werden, die als Zugpferde für höhere Besucherzahl sorgen würden. Populäre Bands wie Mandrage zu engagieren sei aber laut der Veranstalter kein akzeptabler Preis für mehr Leute vor der Bühne: „Dass wir interessante und unbekannte Bands einladen, ist eines der wichtigsten Merkmale unseres Festivals. Weil wir keinen Eintritt verlangen, können wir es uns leisten, Besucher nicht um jeden Preis haben zu müssen und so in der Dramaturgie kreativer zu sein. Dieses Jahr haben wir Künstler aus 16 Ländern hergebracht, die praktisch jedes musikalische Genre vertreten. Der Wunsch, Bands einzuladen, die im Radio rauf und runter laufen und auf den meisten kommerziellen Festivals spielen, ist wie in ein exotisches Restaurant zu gehen und sich Bier und Schnitzel zu bestellen,“ umreißt Zibura das Konzept.

Ein Teil des Gesamtkonzeptes ist es auch, eine gesunde Zivilgesellschaft zu schaffen. Der Majáles eint den Veranstaltern zufolge auch diejenigen Budweiser, denen es nicht egal ist, was um sie herum passiert. „In die Durchführung der Veranstaltung sind hunderte Menschen eingebunden. Ohne sie wäre das alles nicht möglich. Sie wollen etwas für ihre Umgebung tun. Dies ist eine sehr starke Botschaft. Vor zehn Jahren ist es gelungen eine Gruppe Studenten zusammenzutrommeln, die es nervte, dass in České Budějovice so wenig los ist. Aus einem eintägigen Festival wurde zehn Jahre später das größte Non-Profit-Festival Tschechiens. Und das ist meines Erachtens nach eine Zivilgesellschaft.“ sagt Zibura.

Jan Škoda
Übersetzung: Tatyana Synková

Copyright: Goethe-Institut Prag
Juli 2013

    Über den Majáles

    Der Majáles, also das Maifest, ist eine Feier des Frühlings, der Studentenschaft. Sie ist scherzhaft und auch kritisch gegenüber dem Establishment. Die Tradition des Maifestes reicht zurück bis ins 15. Jahrhundert. Manche Historiker datieren seine Anfänge „nur“ bis ins 18. Jahrhundert zurück. Die zentrale Veranstaltung des Majáles war immer ein (kostümierter) Studentenumzug verbunden mit der Wahl des Maikönigs. Im Jahr 1847 war der Majáles verboten – die Feierlichkeiten gingen nämlich mit Erscheinungsformen des Patriotismus und der Freiheit des Denkens einher, was der damaligen Staatsmacht nicht behagte. Auch nach 1948 (nach der Machtübernahme der Kommunisten) wurde der Majáles verboten. Erst 1956 wurde der studentische Majáles wieder erlaubt. Er wurde jedoch konsequent vom kommunistischen Apparat überwacht. Nach der Revolution knüpften die meisten Maifeste nicht an diese Tradition an – ihr Ziel ist es hauptsächlich kommerziellen Gewinn zu erzielen. Solche Veranstaltungen gibt es zum Beispiel in Prag, Brno oder Plzeň. Authentische studentische Maifeste kann man außer in České Budějovice auch noch in Prag und Klatovy erleben.

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