Kultur

Ein Serienthriller zum Lesen

Foto: © Raiko Oldenettel

Der Student Raiko Oldenettel hat gerade seinen ersten Roman veröffentlicht – in zwölf Folgen

Foto: © Raiko Oldenettel
Raiko Oldenettel, 27, hat einen Science-Fiction-Thriller in zwölf Folgen geschrieben. Foto: © Raiko Oldenettel

Seine erste Geschichte hat Raiko Oldenettel in der vierten Klasse geschrieben. Jetzt hat der 27-Jährige seinen ersten Thriller veröffentlicht – als Serie in zwölf Folgen. Im Interview spricht er über kreative E-Book-Konzepte, die Probleme junger Autoren und das Eigenleben seiner Charaktere.

Raiko, Worum geht es im Konzept von JiffyStories?

Das Konzept ist denkbar einfach. Es ist den sehr beliebten Serienromanen entnommen, die früher in Heften erschienen. Durch den Verlauf der technologischen Entwicklung brauchte auch dieses Konzept eine neue Plattform. Die Idee des Residenz-Verlages war, in einer Art Casting vier Autoren aus Deutschland und Österreich für vier Genres zu finden, die jeweils einen Roman in zwölf Folgen schreiben. Die Folgen erscheinen, wie in Serien üblich, wöchentlich – in unserem Fall am Sonntag. Das ist so ähnlich wie beim Tatort, nur eben als Buch.

Kanntest du den Verlauf deiner Geschichte denn von Anfang an?

Ja und nein. Ein großer Vorteil des Autors ist es, wenn er sein Ende kennt und darauf hinarbeiten kann. In diesem episodischen Format ist das schwieriger: Man braucht einen Cliffhanger am Ende jeder Folge und muss in jeder einzelnen kleinere Spannungsbögen aufbauen. An meinem Serienroman habe ich drei Monate lang durchgearbeitet, was sehr anstrengend, aber auch spannend war. Letztlich hat mich die Form unterstützt: Man muss lernen, wie man Informationen über die Episoden verteilt. Irgendwann war dann der Drive drin.

© 2013 jiffy stories im Residenz Verlag

Hattest du das Gefühl, beim Schreiben dazuzulernen?

Ich war ehrlich gesagt selbst sehr erstaunt. Denn sobald ich das Personal hatte, habe ich von den Figuren selbst gelernt, wie sie eigentlich leben. Es ist eine verstörende, aber wunderbar treibende Kraft festzustellen, dass die Charaktere irgendwann ein Eigenleben entwickeln. Dann kommt es zum Beispiel vor, dass ein Charakter plötzlich zu dir sagt: „So etwas würde ich aber gar nicht sagen.“

Das heißt, die Charaktere haben die Geschichte verändert?

Ja, zum Beispiel bei den Schauplätzen. Ich hatte mir vorher natürlich ein Konzept zurechtgelegt, um zu wissen: Wo will ich wann sein? Durch die Eigenantriebskraft der Charaktere hat es sich aber schließlich so entwickelt, dass sich ganz neue Schauplätze auftaten. Ich hatte zum Beispiel vor, die Geschichte nur in einer einzigen Stadt spielen zu lassen. Doch jetzt gibt es zwei Kapitel, die außerhalb der Stadt angesiedelt sind. Das war auch für mich eine große Herausforderung, weil ich jetzt vor dem Problem stand, erklären zu müssen, wie eigentlich die Welt „da draußen“ aussieht.

Worum geht es denn in deinem Roman?

Mein Roman ist ein Science-Fiction-Thriller. Meine Idee war, ein Zukunftsszenario zu schaffen, das als Folge der Ohnmacht der Menschen gegenüber den derzeitigen Problemen entstanden ist. Das heißt, die Umwelt ist zerstört, die Wirtschaft ist zugrunde gegangen und die Welt ist zu jenem Ballungsraum zurückgekehrt, in dem die Menschen sich neu organisieren müssen. Und an dieser Stelle kommt es zu dem Prozess, in dem die gesellschaftlichen Schichten entstehen. Das ist der Rahmen meines Romans, in dem mein Held lebt.

Weißt du, wie viele Leser du hast?

Nein. Ich weiß natürlich von meiner kleinen, feinen Anhängerschaft, aber die große Zahl ist anonym. Allerdings bin ich jeden Tag gespannt, ob und welche Reaktionen kommen. Das Schöne an dieser Form von E-Book ist ja, dass man online viele Rezensionen bekommt. Da gibt es dann positive und kritische Stimmen. Ich freue mich auch über jede kritische Stimme. Es handelt sich ja hier um meinen ersten Science-Fiction-Thriller, und ich möchte richtig gut darin werden.

Romane in Serie – ist das die Zukunft?

Ich habe eine sehr realistische Einschätzung dazu – und die ist positiv. Die Leser möchten kurzweilig und eben auch in Serie unterhalten werden. Beim Konzept von JiffyStories geht es ja gar nicht vorrangig um den Spannungsaspekt, sondern darum, dass man Rückzugsorte schafft. Vielen Leuten geht es doch so, dass sie, wenn sie ein Buch mit 500 Seiten aufschlagen, denken: „Das schaffe ich nie“ und es dann wieder weglegen. Bei 30 Seiten pro Folge aber weiß jeder: Das kann ich. Hinzukommt, dass man nach einem schnellen Reinschauen feststellen kann, ob mir ein Buch gefällt oder nicht. Das erste Kapitel in unserem Format ist kostenlos, und selbst wenn ich drei oder vier Kapitel kaufe, habe ich nur drei oder vier Euro ausgegeben und nicht gleich ein ganzes Buch gekauft, das ich vielleicht gar nicht zu Ende lesen möchte.

Würdest du dir mehr solcher kreativer Konzepte auch von den großen Verlagen wünschen?

Deutschland ist da ein sehr schwieriger Markt. Viele Lizenzen, gerade bei jungen Autoren, kommen von außen. Gerade die Unterhaltungsliteratur ist sehr globalisiert. Aus wirtschaftlicher Sicht ist es auch verständlich, dass Verlage das finanzielle Risiko nicht eingehen wollen, junge Autoren aufzubauen, die sich etwas trauen. Allerdings könnten die Verlage etwas mehr Risikobereitschaft an den Tag legen und auch mal schauen, was eigentlich unser lokaler Markt alles zu bieten hat – man kann sich da die Biomärkte zum Vorbild nehmen. Es wäre doch schön, wenn sich auch wieder so eine Art Literaturstolz entwickeln könnte.


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Dezember 2013
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