Kultur

Alles ist erleuchtet

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Aus 6000 ausgebrannten Glühbirnen haben die kanadischen Künstler Caitlind r.c. Brown und Wayne Garrett ihre „Cloud“ geformt. Foto: © Signal

Vier Tage lang zeigte das Signal Festival Prag in einem ungewohnten Licht. Mit rund einer Viertelmillion Besuchern war der erste Jahrgang des Lichtfestivals das bisher größte Kulturevent in der Hauptstadt.

Wenn die Tage kürzer und die Schatten länger werden, beginnt die Saison für Lichtkunst. Die größten Lichtkunstfestivals finden in Lyon, Sydney, Moskau, Berlin und Eindhoven statt. Nun hat auch die tschechische Hauptstadt mit dem Signal Festival ihr Light Art Festival. Vom 17. bis 20. Oktober fand in diesem Jahr der erste ambitionierte Jahrgang statt.

Über dreißig Installationen von tschechischen und internationalen Lichtkünstlern, die rund 250.000 Besucher anlockten, brachten die Stadt nach Einbruch der Dunkelheit zum Leuchten: Da stand plötzlich ein Leuchtturm auf dem Petřín, das Tanzende Haus war in buntes Licht getaucht und am Moldauufer schien eine helle Wolke zu schweben. Aus 6000 ausgebrannten Glühbirnen haben die kanadischen Künstler Caitlind r.c. Brown und Wayne Garrett ihre Cloud geformt. Kombiniert mit Ketten zum An- und Ausknipsen wird aus den handelsüblichen Glühbirnen, die sonst auf dem Müll landen würden, eine interaktive Skulptur. Das Projekt des kanadischen Künstlerduos soll dazu anregen, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander zu setzen: „Für die Skulptur haben wir alte, ausgebrannte Glühbirnen in unserem Umfeld gesammelt. Wir wollen das Publikum dazu aufzufordern, alltägliche Haushaltsgegenstände neu zu überdenken, sie in einem alternativen Kontext wahrzunehmen“, so die kanadischen Künstler.

Soziale Fragen in der Lichtkunst

Ein paar Meter weiter moldauaufwärts fluoresziert am größten Touristenmagneten Prags die Installation von Jakub Nepraš. In einem Bogen der Karlsbrücke hängt eine von einem Netz aus Seilen umschlungene Motte. Auf ihr sind abwechselnd die Flügel eines Nachfalters und alte Filmaufnahmen zu erkennen, die immer wieder von projizierten Wellen fortgespült werden. Ein poetisches Bild für ein Phänomen, das als Gentrifizierung beschrieben wird. Überteuerte Mieten und kommerzielle Interessen verändern allerorts die Stadtzentren. Die ursprünglichen Bewohner und die Atmosphäre dieser Orte verschwinden langsam und machen einer touristischen Fassade und neuen, zahlungskräftigeren Mietern Platz. Auf den dünnen Flügeln von Jakub Nepraš‘ Nachtfalter durchbrechen die ursprüngliche Atmosphäre des Ortes ebenso wie die im Hintergrund ablaufenden kommerziellen Entscheidungsprozesse diese herausgeputzte Fassade nur noch fragmentarisch.

Der kritische Umgang mit dem urbanen Raum und sozialen Fragen zeigt sich immer wieder in der Lichtkunst. Konzepte von öffentlichem Raum und Ideen aus der Stadtplanung werden verhandelt. Und letztendlich bedeutet Kunst im öffentlichen Raum auch, sich mit der Identität einer Stadt und ihrer Bewohner auseinander zu setzen. Nicht wenige der internationalen Lichtkünstler sind Architekten. So wie zum Beispiel Pierre Schneider und François Wunschel vom Pariser Studio 1024 architecture. Die beiden Franzosen haben mitten im Herzen der Prager Altstadt, auf dem Altstädter Ring, einen futuristischen HyperCube mit einer audiovisuellen Lasershow installiert, an dem die Grenzen zwischen Zukunft und historischer Vergangenheit verschwimmen sollen.

Ein Blick in ihre Heimat Frankreich zeigt auch, wie die Zukunft des Signal Festivals aussehen könnte. In Lyon begann man bereits 1989 damit, öffentliche Plätze und Gebäude kunstvoll zu beleuchten. Seit 2001 zieht die Fête des Lumières (Das Fest der Lichter) jedes Jahr zu Anfang Dezember über vier Millionen Besucher an. Mittlerweile hat sich das Festival über das Stadtzentrum hinaus auch in Vororte und Randbezirke ausgedehnt. Manche der Installationen bleiben über das Festival hinaus als Kunst im öffentlichen Raum bestehen – gerade in den banlieues, den sozialen Brennpunkten, ist das auch ein Versuch, Orte wiederzubeleben, sie buchstäblich in einem neuen Licht zu zeigen.

Drei Jahre von der Idee bis zur Umsetzung

Unterdessen ist in Prag bereits der zweite Jahrgang des Signal Festivals in Planung. Festivaldirektor Martin Pošta ist noch ganz überwältigt von der positiven Resonanz auf den diesjährigen ersten Festivaljahrgang. „Der beste Festivalmoment für mich war sicher, als ich mir eine Weile frei genommen habe und am Samstag durch die Straßen gelaufen bin. Die platzten aus allen Nähten, die Metro hat es nicht mehr geschafft, die vielen Leute zu transportieren und um 23 Uhr war die Stadt ein einziges Gedränge. Ich habe noch nie im Leben so viele Menschen auf den Straßen gesehen. Da wurde mir klar, dass hinter dieser kulturellen Explosion das Signal Festival steht“, freut sich Pošta. Zwischen der Idee und der Realisierung des Signal Festivals liegen ganze drei Jahre: „Die Jungs von The Macula kamen damals mit der Idee, ein paar Künstler nach Prag einzuladen. Die Idee war ursprünglich viel bescheidener als das, was uns letztendlich gelungen ist.“

Das Projekt „Khôra“ auf dem Náměstí Míru (Friedensplatz) war ein echter Publikumsmagnet. Foto: © Signal

The Macula, das sind Dan Gregor und Amar Mulabegovič aus Prag. Ihr Projekt Khôra auf dem Náměstí Míru (Friedensplatz) war ein echter Publikumsmagnet. Mit der Technik des so genannten Video Mappings haben sie die Kirche der Heiligen Ludmila zu einem mystischen, surrealen Ort werden lassen, der in keine feste Form mehr zu passen schien, ließen es regnen und schneien. Beim Video Mapping wird eine Oberfläche – wie die Fassade der Kirche – zu einer Art Bildschirm für die Projektion. Mit Hilfe spezieller Software wird das reale Objekt ausgemessen, die virtuelle Projektion ahmt die Abmessungen des realen Objekts, auf das es projiziert wird, nach und kann es so neu gestalten. Hinter einem großen Mapping wie Khôra stecken rund vier Monate Arbeit. „Die Kirche der Heiligen Ludmila war für uns eine ganz natürliche Wahl, wir wohnen in der Nachbarschaft und als Ort erfüllt sie alle Voraussetzungen für Mapping-Installationen“, erklären The Macula. „Wir haben uns schon lange darauf gefreut, dass wir gerade auf dieser Kirche Mapping für ein breites Publikum machen können und dank des Festivals hat das schließlich auch geklappt“. Das Prager Publikum auf dem Friedensplatz kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und belohnte das Künstlerduo mit tosendem Applaus.

Ulli Mascher

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Dezember 2013
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