Kultur

Kinder der Leere

Foto: © Bio IllusionFoto: © Bio Illusion
Die Helden des Films „Vejška“: Kolman (Jiří Mádl), Julie (Eva Josífková) und Kocourek (Tomáš Vorel jr.). Foto: © Bio Illusion

Regisseur Tomáš Vorel wartet mit seinem neuen Film Vejška auf, aber nicht mit neuem Inhalt. Die Helden des Film-Hits „Gympl“ verschlägt es an die Uni. Tatsächlich aber eher ans Gympl 2.0.

Es ist eine Regel des Filmgeschäfts: Wenn ein Film nur einigermaßen gut ankommt, werden so lange Fortsetzungen ohne wirkliche Invention gedreht, bis sich das Publikum mit Schrecken abwendet. Das ist sicherlich keine neue Erkenntnis, beschreibt aber im Großen und Ganzen ein Prinzip, das nicht nur in Hollywood, sondern auch in Tschechien gilt. Auch dort sind Fortsetzungen von erfolgreichen Streifen beliebt.

Ein solcher Film war vor sieben Jahren Gympl [etwa: „Gymmi“, umgangssprachliche Abkürzung von Gymnasium, Anm. d. Übers. ] des Regisseurs Tomáš Vorel. Der Film ist eine Komödie über junge Menschen, die sich jedoch von anderen Teenie-Komödien wohltuend abhob. Sie sah nicht aus wie ein zu lang geratener Werbespot und kam ohne da schmierigen Entjungferungsphantasien aus. Der Film hatte zwar seine Schwächen, aber er war originell, frech und ambitioniert. Und vor allem hatte er Erfolg. Gleich hinter Shrek und Harry Potter war Gympl der fünftmeistbesuchte Film in den tschechischen Kinos. Im Januar startete die Fortsetzung, diesmal mit dem Titel Vejška [umgangssprachliche Abkürzung von „Vysoká škola“, Tschechisch für „Hochschule“, also etwa „Uni“, Anm. d. Übers. ]. Ist der erwähnte Moment, an dem man sich mit Schrecken abwenden muss, etwa bereits eingetreten?

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Kolman (vorne) und Kocourek verbindet die gemeinsame Leidenschaft für illegales nächtliches Graffiti-Malen. Foto: © Bio Illusion

Freunde für immer?

In Vejška gibt es ein Wiedersehen mit den besten Freunden Kocourek (Tomáš Vorel jr.) und Kolman, die also das Gymnasium absolviert haben, aber immer noch mit den Tücken des Bildungssystems kämpfen. Kocourek will Grafik studieren an der Kunstakademie, wo aber nicht gerade jeder aufgenommen wird. Kolman studiert an der Wirtschaftsuni VŠE, was allerdings nur durch Betrug, Bestechung und mit Hilfe seines millionenschweren Vaters (Jan Kraus) gelingen konnte, dessen Beziehungen ihm bereits am Gymnasium alle Türen öffneten. Die beiden jungen Männer verbindet die gemeinsame Leidenschaft für illegales nächtliches Graffiti-Malen (nicht Sprayen, wie die beiden im Film mehrfach Eltern und Freunden erklären müssen). Der Regisseur nutzt das geschickt für zahlreiche attraktive Aufnahmen des urbanen Prags, vor allem der Straßen von Žižkov und der Gegend um Florenc.

Kocourek und Kolman entfremden sich allerdings gleichzeitig voneinander. Kocourek hat seit dem Abitur einen Selbstfindungsprozess durchgemacht: er will die feste Beziehung zur schönen Julie (Eva Josífková) aufrechterhalten, nicht koksen und vor allem nicht trinken. Letzteres fällt ihm nicht sonderlich schwer beim Anblick seiner durch billigen Wodka zugrunde gerichteten Mutter (die großartige Zuzana Bydžovská, die für Gympl den Filmpreis Böhmischer Löwe bekam). Kolman ist hingegen nach wie vor der gleiche arrogante Aufschneider, der mit jeder Koks-Line eine weitere Model-Kommilitonin mit Stöckelschuhen flachlegt. Auch in Bezug auf ihre Graffiti-Kunst distanzieren sie sich voneinander: Während Kolman kein Problem damit hat, für 10.000 Kronen einen Nachtclub in Žižkov mit roten Flamingos auszumalen, betrachtet Kocourek das als inakzeptable kommerzielle Prostitution. Dazu kommen Konflikte in der Beziehung zu Julie und weitere Probleme…

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…von denen es aber gar nicht so viele gibt! Vejška dauert gerade mal 80 Minuten (Gympl brachte es auf knapp zwei Stunden) und wirkt nicht zuletzt deshalb lediglich wie eine erweiterte Version des ursprünglichen Films, wie eine Art DVD-Bonus, der nach Jahren aus Versehen ins Kino gekommen ist. Viel Neues über die Helden erfährt man nicht in diesem Film, es gibt auch keine Weiterentwicklung: Wie auch in Gympl reiht Regisseur Vorel einzelne, abgeschlossenen Szenen einander (was der Schnitt durch ungewöhnlich lange Ausblenden verstärkt), ein markanter Spannungsbogen ist nicht erkennbar. Sicher, Kocourek wird nach einer misslungenen Aktion von der Polizei festgenommen, aber das hat man schon vor sieben Jahren gesehen. Vorel schwankt wieder zwischen Teenager-Komödie, einer absurd übertriebenen Karikatur und einem ernsteren, nicht ganz positiven Statement zur Generation der heutigen Mitzwanziger. Der Film bleibt insgesamt unbefriedigend, wenn auch der großartige Jiří Mádl, der die Rolle des coolen bad boy sichtlich genießt, der komödiantischen Ebene Leben einhauchen kann. („Das ist das erste und letzte Mal, dass ich arbeite!“)

Ein Lichtblick in diesem etwas gewollten Generations-Porträt ist der Rapper Vladimír 518 und sein Song Jsme děti prázdnoty (Wir sind Kinder der Leere), der die Szene begleitet, in der Kolman mit der Freundin des Freundes und einer blonden Hörsaal-Bekanntschaft tanzt – dass Kocourek bei dieser Party nicht mitmacht, ist bezeichnend. Er ist der einzige, der die Leere nicht mit weißem Pulver oder One-Night-Stands füllt und der nicht ziellos umherstreift; er ist vielmehr ein idealistischer Träumer mit Ambitionen. Den Flamingos, beziehungsweise der Arbeit für eine Firma, die den Film sponsert, kann er zum Schluss zwar nicht ganz aus dem Weg gehen – aber betrachten wir es so, dass irgendjemand die Produktion und die Dreharbeiten bezahlen musste.

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„Vejška ist die extended version zu Gympl, ein Bonus mit mehr oder weniger witzigen Szenen aus dem Leben zweier Loser.“ Foto: © Bio Illusion

Klischee für immer

Die heutige junge Generation, die nichts hat, an dem sie sich reiben könnte, wogegen sie aufbegehren könnte, für die Graffiti nichts mit Rebellion gegen ein System zu tun hat – man hätte sie doch viel genauer beobachten und darstellen können, als es Regisseur Vorel in seinem Film tut. Statt ätzender Satire wird der Film stattdessen durch bekannte Klischees und Stereotype (Vater in der Midlifecrisis verliebt sich in leichtes Luxus-Mädchen) oder Möchtegern-Witzfiguren (der ständig breite Dauerkiffer, der immer irgendwo auftaucht) geprägt. Vejška ist einfach die extended version zu Gympl, ein Bonus mit mehr oder weniger witzigen Szenen aus dem Leben zweier Loser – ein kleines Filmhäppchen, das einerseits nicht weh tut, aber auch alles andere als begeistert. Dazu ist der Film bei allen Vulgaritäten und nackter Haut viel zu zahm. Und vor allem konzeptlos.

Jan Škoda
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Februar 2014

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