Kultur

Besessen vom Hochsitz

Foto: © Martin NejezchlebaFoto: © Martin Nejezchleba
Mitglieder der Künstlergruppe Posedlí (Die Besessenen): Hana Čekanová (28), Jára Mašek (30) und Bára Doušová (24). Foto: © Martin Nejezchleba

Im Frühjar 2010 entstand im Cafe Anděl in Plzeň (Pilsen) unter Einfluss einiger Flaschen Wein die Künstlergruppe Posedlí (Die Besessenen). Mitglieder sind unter anderem ein Grafiker, eine Andrologin, eine Bildhauerin, ein Architekt und ein Kernphysiker. Man entschied sich, dass das, was man gemeinsam schaffen würde, im Zeichen des Hochsitzes stehen sollte. Dieser Einfall brachte ihnen unerwarteten Ruhm und verschiedene Nominierungen für den Czech Grand Design ein, den bedeutendsten Designpreis Tschechiens. Heute sitzen Jára Mašek (30), Bára Doušová (24) und Hana Čekanová (28), drei Mitglieder der Posedlí, im Prager Cafe Kaaba und diskutieren darüber, womit man die 20 Folien für Pecha Kucha in Plzeň füllten könnte. Bára hat über weite Teile des Gesprächs ein Lausbubengrinsen im Gesicht, und wenn Jára mit seinen Kolleginen nicht einer Meinung ist, zitiert er seinen Namensvetter Cimrman.

Wovon seit ihr eigentlich besessen?

Hana: Wir sind besessen von Hochsitzen. Und diese Begriff bezeichnet nicht nur das Objekt unseres Interesses, aber auch unsere Arbeitsweise. Ohne eine gewisse Portion Besessenheit würde das wahrscheinlich nicht funktionieren.

Warum Hochsitze? Weil man von ihnen eine schöne Aussicht hat?

Jára: Wir haben festgestellt, dass Hochsitze das beste sind, was wir machen können. Sie sind nicht nur hinsichtlich des Designs und der menschlichen Schaffenskraft interessant...

Hana: …aber es ist auch jeder anders. Ein Hochsitz ist volkstümliches Designprodukt, gleichzeitig Architektur, ein Kontrast von Stadt und Natur.

Jára: Und es stellt ein typisches Bauwerk unserer mitteleuropäischen Landschaft dar.

Bára: Es gibt ziemlich viele davon, aber bisher hat sich ihnen keiner gewidmet. Niemandem ist es eingefallen, sie aus künstlerischer Sicht zu erfassen.

Jára: Also haben wir uns vorgenommen einen Atlas der Hochsitze zu schaffen. Wir wollten sie nur kartografieren, und plötzlich haben sich daraus komplett andere Themen entwickelt. Ein Hochsitz kann wie eine Übersicht über das Design funktionieren, es haben sich da zu viele Hirschchen und ähnliche dekorative Elemente verbreitet.

Also mögt Ihr einfach keine Hirsche?

Bára: Sagen wir mal, am Anfang schon. Aber es gibt zu viele von ihnen.

Jára: Und von wo sonst könnte man sie besser vertreiben, als von einem Hochsitz?

Und was genau erschafft ihr so besessen?

Hana: Im ersten Jahr den Atlas der Hochsitze. Das Buch haben wir auf eigene Kosten herausgegeben und es wurde für den Czech Grand Design als Entdeckung des Jahres und in der Kategorie Grafikdesign nominiert. Das hat uns ziemlich angetrieben, und wir haben uns gedacht, dass es lustig wäre, nach und nach in allen Kategorien nominiert zu werden.

Jára: Im nächsten Jahr war es schon reines Kalkül. Wir haben uns im Industriedesign ausprobiert, weil es uns Spaß macht und wir dachten, dass wir damit Erfolg haben müssten. Wir haben ein Gestell entwickelt, das sich als zweitpraktischste Sache der Welt herausgestellt hat. Es hat über 400 Verwendungszwecke. Ursprünglich haben wir aus Draht einen Unterbau für einen Hochsitz geschweißt. Dieses Gestell funktionierte als Blumentopf, als Bierkiste, Anhänger…

Hana: …und als Handtasche oder auch als Tischchen.

Jára: Und dann passierte etwas Unvorhersehbares: mit diesen total schiefen Gestellen, von denen jedes völlig unterschiedlich aussah, weil wir erst deswegen schweißen gelernt hatten, wurden wir für den Czech Grand Design-Preis nominiert, diesmal in der Kategorie Design.

© Posedlí
© Posedlí

Welche Nominierung strebt ihr noch an?

Jára: Ich will jetzt nicht, dass das wie Eigenlob klingt. Wir haben ursprünglich versucht, uns nicht komplett lächerlich zu machen.

Hana: Außer Bára hat keiner von uns an der Kunsthochschule studiert. Leute, die studieren und sich schrecklich bemühen, damit damit man auf sie aufmerksam wird und sie um Himmels Willen irgendwann nominiert werden, denen fehlt der Überblick. Uns war immer der Gedanke wichtiger als die Realisation.

Jára: Die Realisation hinkt bei uns wiederum etwas, weil wir unser eigenes Geld dafür ausgeben.

Bára: Wichtig ist diese Übersicht. Durch die unterschiedlichen Hintergründe der Gruppenmitglieder haben wir eine größere Übersicht als jemand, der nur ein Fach studiert.

Also erst habt ihr den Atlas gemacht, dann das Gestell und was kam dann?

Jára: Mit dem Gestell haben wir ein bißchen den tschechischen Heimwerkern gehuldigt, die Schweißarbeiten selbst erledigen. Im Jahr 2012 wollten wir die Geschicklichkeit unserer Mütter, Großmütter und Urgroßmütter würdigen.

Bára: Dazu haben wir Schnittmuster entwickelt: für einen Rock, ein Oberteil, Hosen und ein Kleid.

Jára: Das ganze lief unter dem Label Odbaby (VonOmi). Das Jahr 2012 war das Europäische Jahr der Senioren und wir haben die junge und die ältere Generation zusammengebracht. Unsere Mütter und Großmütter können hervorragend nähen, aber die Optik hinkt etwas hinterher. Deswegen haben wir eine Kollektion herausgebracht, die man im Paket sogar mit den Stoff bei uns kaufen konnte. Dann musste man das der Großmutter zum Sonntagsessen mitbringen und sie bitten, es zusammenzunähen. Und damit hatten wir es auf den Preis für die beste Fashion abgesehen.

Hana: Aber leider wurden wir nur für die Neuentdeckung des Jahres nominiert.

Schon wieder?

Jára: Ja, sie haben uns zum zweiten Mal neu entdeckt.

Welche Nominierung fehlt euch also noch?

Hana: Es fehlen noch Foto, Fashion, Schmuck, Ruhmeshalle, Geschäft des Jahres, Hersteller des Jahres.

Und an welcher Kategorie arbeitet ihr jetzt?

Jára: Naja, nach 2012 ist unsere Gruppierung zerfallen.

Bára: Sie ist überhaupt nicht zerfallen.

Hana: Sagen wir mal, wir haben nichts mehr geschaffen.

Habt ihr Euch zerstritten?

Bára: Nein.

Jára: Naja so ein bißchen schon. Es gab Reibereien wegen der Frage, ob wir das alles etwas professionaller aufziehen sollten.

Foto: © Posedlí
Foto: © Posedlí

Zurück zu der Kleidung: sieht man da auch das Motiv des Hochsitzes?

Jára: Es handelt sich um Bekleidung für einen Hochsitz oder die Stadt. Diese Hochsitze sind mit der Zeit eher zur Metapher geworden. Jetzt wollen wir aber zu ihnen zurückkehren und sie auf der PechaKucha Night in Plzeň präsentieren.

Erzählt mir mehr darüber…

Jára: Wir wissen noch nicht genau, wie das aussehen wird. Aber bei der PechaKucha ist es so, dass sich die Leute gerne selbst profilieren. Ich stelle mir da etwas anderes vor. Ich wünsche mir, dass wir den Leuten etwas beibringen.

Was werdet ihr ihnen beibringen?

Jára: Vor zwei Jahren haben wir in Brno im Rahmen der Ausstellung Město uprostřed obory (City in the centre of game preserve) Workshops veranstaltet, an denen keiner teilgenommen hat, weil Ferien waren. Wir haben die Hochsitze im Umkreis von Brno kartografiert und dazu so eine Typologie entwickelt. Wir haben da ein Labor eröffnet, in dem jeder erfahren konnte, wie man einen Hochsitz richtig beschreibt, welche die Verhaltensregeln es da oben gibt. Das Thema ist wirklich ein weites Feld. Deswegen möchten wir daraus, wie man Hochsitze wirklich vollkommen beschreibt, eine Wissenschaft machen, die Posedologie (Hochsitzologie). Wir wollen Lehrbücher herausgeben, die Republik bereisen und unterhaltsame Vorlesungen über Hochsitze halten.

Werdet ihr die Posedologie auch in Plzeň lehren?

Jára: Ich würde in Plzeň gerne den Leuten auf etwa 18 Folien verschiedene Hochsitze zeigen und ihnen beibringen, wie man sie beschreibt. Wir beziehen sie in den Vortrag mit ein, wollen sie aufrütteln irgendwie aktiv zu werden.

Warum sollte die Menschheit etwas über Hochsitze lernen und darüber, wie man sie beschreiben kann?

Jára: Weil es ein geniales Ausflugsziel ist. Ich habe ziemlich viele besucht und bin auf alle raufgeklettert, um sie auszuprobieren.

Darf man das überhaupt?

Hana: Ein Herr aus der Waldschule hat uns gesagt, dass man nur dann nicht hinaufdarf, wenn es ein Schloss gibt.

Ist so ein Hochsitz nicht ein schrecklich einsamer Ort?

Hana: Naja, wenn zum Beispiel ein Paar hinaufgeht...

Das ist nach Euren Regeln erlaubt?

Hana: Es kommt auf die Maße und den Typ des Hochstizes an.

Die Künstlergruppe Posedlí tritt am 23. Mai im Rahmen der PechaKucha Night in Plzeň auf.

Martin Nejezchleba
Übersetzung: Hanna Sedláček

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Mai 2014

    Pecha Kucha

    Pecha Kucha ist eine wirksame Medizin gegen eine Todesart, die man unter Akademikern „Death by PowerPoint“nennt. Es handelt sich dabei um eine Art der Präsentation, bei der Langeweile verboten ist. Die Teilnehmer kommen überwiegend aus künstlerischen Berufen. Es stehen ihnen 20 Folien und 20 Sekunden für jede davon zur Verfügung, um ihr Projekt, ihre Idee oder was auch immer vorzustellen. Pecha Kucha begann im Jahre 2003 in Japan, heute gibt es Pecha Kucha in 784 Städten in aller Welt – darunter zehn tschechische.

    Mariánské Lázně (Marienbad),  Plzeň (Pilsen), Prag, Železný Brod, Ústí nad Labem (Aussig an der Elbe), Znojmo, Brno (Brünn), Zlín, Olomouc (Olmütz), Ostrava (Ostrau)
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