Kultur

Shakuhachi - einsame Töne sehnen sich nach Fortsetzung

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Marek Matvija

Die Geschichte der japanischen Flöte reicht zurück bis ins 8. Jahrhundert, allerdings ist die traditionelle spirituelle Musik bis heute nicht gealtert: Shakuhachi-Musiker bereichern die Avantgarde-Musik, unterschiedliche Performances oder auch Orchesterkonzerte. Sogar Ultraschall erzeugt das japanische Musikinstrument. Wie es sich anfühlt, sich der Shakuhachi hinzugeben, erzählt Marek Matvija, einer der besten tschechischen Shakuhachi-Spieler.

Wann drangen die Shakuhachi-Töne zum ersten Mal in Ihr Leben ein?

Als ich siebzehn war, habe ich Zazen praktiziert, das ist eine Form der Zen-Meditation. Dabei sitzt man still da und schaut angestrengt und lange gegen eine Wand. In die Abgeschiedenheit, wo die mehrtägige Meditation stattfand, kam dann der japanische Mönch Edjun Lechika. Zwischen dem Meditieren zog er einmal eine Flöte aus Kunststoff heraus und begann darauf zu spielen. Das spirituelle Spiel auf der Shakuhachi nennt man auch Sui-Zen oder Wehendes Zen. Es basiert auf der Atmung. Mir gefiel dieses Flötenspiel außerordentlich gut. Ohne es zu wissen hab ich bereits nach dieser Musik gesucht, als ich Didgeridoo spielte, bei dem mich vor allem die Arbeit mit der Tonfarbe interessierte. Aber meiner Erfahrung nach spielt das auf dem Didgeridoo eine geringere Rolle als auf der Shakuhachi, vor allem in der traditionellen spirituellen Shakuhachi-Musik, die nicht rhythmisch ist.

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Ist es für einen Tschechen schwierig, Informationen darüber zu bekommen, wie man auf dieser Flöte spielt?

In Europa erleben wir gerade einen großen Boom. Es gibt hier sogar einige meisterhafte Shakuhachi-Spieler. Die European Shakuhachi Society leistet viel, sie informiert darüber, wo und wann internationale Workshops stattfinden. Auch moderne Technologien helfen, zum Beispiel ist es möglich, Shakuhachi-Unterricht via Skype zu nehmen. Informationen darüber, wie man spielt, vor allem wenn es um westliche Musik geht, können wir auch im Internet bekommen. Aber wenn jemand traditionell spielen möchte, ist der persönliche Kontakt mit Gelehrten wichtig. Gemeinsam mit dem Shakuhachi-Spieler, Komponist und Ethnomusikwissenschafter Vlastislav Matoušek organisiere ich in Prag eine der größten Veranstaltungen dieser Art, das Prague Shakuhachi Festival. Es gelingt uns, jedes Jahr die absolute Elite japanischer und europäischer Spieler nach Prag zu holen. Teil des Festivals sind intensive Workshops, bei denen man innerhalb weniger Tage eine Menge lernen kann. In die Musik eintauchen und an nichts anderes denken - so habe ich meine Technik grundlegend verbessert.

Können Sie auch außerhalb der Workshops Unterricht bei den Meistern nehmen? Persönlich und auf Entfernung?

Zur Zeit lerne ich bei Kifú Mitsuhashi, der auch Vlastislav Matoušek unterrichtete. Wir sehen uns alle sechs Monate, entweder in Japan oder irgendwo in Europa. Aber auch bei anderen Spielern habe ich viele Gelegenheiten gehabt, etwas zu lernen. Da hat Europa einen klaren Vorteil. In Japan ist es nicht gern gesehen, den Unterricht eines anderen Meister zu besuchen, aber in Europa ist man viel offener. Der Gedanke, sich zusammenzutun, kommt aber auch langsam nach Japan. Dabei half das World Shakuhachi Festival, das alle vier Jahre stattfindet und wo auch japanische Musiker feststellen konnten, dass es Vorteile hat, sich mit Musikern anderer Schulen und Stile zu treffen. Es entstand eine paradoxe Situation: In Japan gibt es immer weniger Spieler, dafür entwickelt sich die Gemeinschaft außerhalb Japans sehr stark.

Können Sie zwischen den Shakuhachi-Spielern in Europa und Japan weitere Unterschiede beobachten?

In Japan folgt die größte Gruppe von Spielern der Schule Tozan, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstand und inspiriert ist von melodiösen, strahlenden und fröhlichen Tendenzen der damaligen westlichen Musik, die aus der Romantik hervorgingen. Doch die meisten westlichen Shakuhachi-Musiker widmen sich der nicht melodiösen und arrhythmischen Musik, es überwiegt die sonische und tief spirituelle traditionelle Musik. Wegen ihrer Timbre- und Tonvielfalt stellt die Shakuhachi ein gefragtes Instrument in der zeitgenössischen und avantgardistischen Musik dar. Man kombiniert sie auch mit Live-Elektronik, bei verschiedenen Performances, in seltenen Fällen auch in der Popmusik. Auf der ganzen Welt entsteht heute eine Menge neuer Kompositionen für Shakuhachi und Orchester.

Wenn Sie das spielen, was Sie fühlen, gelangen Sie dabei durch die Arbeit mit der Atmung in einen meditativen Zustand?

Die Shakuhachi ist ein unglaublich aufrichtiges, fast grausames Instrument. Jegliche Unvollkommenheit im Atem oder Spannung - nicht nur in den Fingern, in den Lippen oder im Hals, sondern auch irgendwo anders im Körper zeigt sich sofort, wenn man auf der Shakuhachi spielt. Damit der Ton klangvoll und schön wird, ist es wichtig, dass der ganze Körper locker ist. Und damit kommen wir der Meditation ein Stück näher. Ich erinnerte mich an eine Anekdote des professionellen Spielers Christopher Yohmei Blasdel, der das Angebot seines Freundes annahm und sich die Alphawellen im Gehirn während des Shakuhachi-Spiels messen ließ. Ihre Produktion war sehr stark. Ich möchte noch die Dissertation von David Bidel erwähnen, der die Töne einiger Spieler, darunter auch Blasdel, verglich. Es ging um eine Spektralanalyse des Klangs und dabei zeigte sich, dass der Klang der Shakuhachi auf einigen Tönen in das unhörbare Spektrum reichte. Diese Flöte produziert also auch Ultraschall. Wenn man locker ist, dringt auch dieser Ultraschall in den ganzen Körper ein.

Mich würde interessieren, wie Sie sich dann nach einem Konzert fühlen?

Man fühlt sich gut, aufgeladen. Wie könnte ich das beschreiben… Es ist ungefähr so wie nach dem Sex.

Woraus wird die Shakuhachi hergestellt? Benutzt man dafür ein spezielles Material?

Die ersten Exemplare aus dem 8. oder 9. Jahrhundert existieren noch und befinden sich im Shosoin-Tempel. Sie haben eine etwas andere Form, aber in ihrer Konstruktion sind sie mit der gegenwärtigen Shakuhachi-Flöte verwandt. Diese antiken Flöten sind sowohl aus Bambus als auch aus Stein - aus Nephrit. Seit dem 17. Jahrhundert verwendete man dann Madake-Bambus, die geläufigste Bambusart in Japan. Bei Madake handelt es sich um festes, hartes Material, aus dem man ein Gerüst oder Haus bauen kann und er kann auch als Waffe verwendet werden. Vor allem im Westen versucht man, die Flöten auch aus Holz oder Kunststoff herzustellen. Eine gute Bambusflöte kostet nämlich eine Menge Geld, die Preise beginnen bei 700 bis 1000 Dollar.

Wie schwer ist es, so eine Flöte zu bekommen?

Übers Internet kann man sie bestellen. Falls man aber ein begeisterter Zuhörer oder Spieler ist, kann man über uns einen bestimmten Meister kontaktieren und eine Flöte für ein bestimmtes Genre anfordern. Der Meister wählt sie dann aus. So ist es besser, außerdem verbindet es die Menschen.

Sie waren dreimal in Japan. Haben Sie sich dort richtig einstimmen können?

Ich hoffe, das richtig formulieren zu können. Die Melodie beim Shakuhachi-Spiel ist nicht rhythmisch, aber sie pulsiert. Dieses Pulsieren ist nicht regelmäßig und dadurch entsteht eine Spannung. Der Rhythmus verlängert sich plötzlich, oder er verkürzt sich, so entwickelt sich ein pulsierendes Spiel von Schlägen, die schneller oder langsamer werden. Solche Tonmuster gibt es in Japan überall.

Zum Beispiel?

Wenn man zum Beispiel auf dem Land unterwegs ist und Jungs auf großen Taiko-Trommeln spielen: bum............................. bum.............................bum........................., - mit riesigen, fast beunruhigend langen Pausen spielen sie so zum Beispiel zehn Minuten lang, und dann werden sie auf einmal schneller. Dieses Gefühl ist kolossal! Es bildet sich eine breite, monumentale Fläche, sodass auch eine minimale Beschleunigung dieser Fläche einen gewaltigen Eindruck hinterlässt. Diese Spannung ist quer durch die japanische Kultur bemerkbar, zum Beispiel in der Struktur der San-Kyoku, einer Kammermusik, in denen es um unerfüllte Liebe geht. Auch spirituelle Kompositionen für die Shakuhachi sind oftmals Kompositionen über Sehnsucht. Der einsame Ton formt Sehnsucht nach Anknüpfung und Fortsetzung, allerdings kommt der weitere Ton erst dann, wenn wir die Hoffnung schon fast verloren haben. Wenn heutzutage jemand unerfüllte Liebe erlebt, sieht er sich meist mit einem pragmatischen Zugang konfrontiert: such dir einen Neuen, und das Problem ist gelöst. Aber dieser existenzielle Schmerz, der in der Komposition zur unerfüllten Liebe erzeugt wird, verbleibt darin und formt für den Menschen einen sonderbaren Knoten, der erotisch und sehr traurig zugleich ist.

Wissen die Leute überhaupt, was eine Shakuhachi ist?

Anfangs begreifen sie nicht, was ich da mache, es klingt komisch für sie. Auch meine Familie brauchte Zeit, bis sie angenommen haben, dass ich das mit der Shakuhachi ernst meine. Dieses Instrument ist schließlich anstrengend und man macht anfangs extrem langsam Fortschritte. Außerdem habe ich in einer Zeit begonnen, in der in Tschechien und in ganz Europa die Infrastruktur für den Unterricht beinahe gänzlich fehlte. Aber sind Sie vielleicht schon darauf gestoßen, dass Shakuhachi in der zeitgenössischen japanischen Kultur viele sexuelle Konnotationen besitzt? Für die dortigen Teenager bedeutet Shakuhachi nämlich Fellatio. Meine Bachelorarbeit habe ich über die symbolische Funktion der Shakuhachi und der slowakischen Fujara geschrieben, und ich habe auch ein paar Screenshots von Facebook, wo der Übersetzer die Shakuhachi so übersetzte. Man kann also über die primäre Bedeutung dieses Wortes im heutigen Japanisch diskutieren. Der erotische Aspekt ist ein unausweichlicher Bestandteil des Spiels auf der Shakuhachi, auch wenn ihn kaum jemand erwähnt.

Das Interview führte Karolína Opatřilová
Übersetzung: Julia Miesenböck

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Dezember 2014

    Marek Matvija

    Marek Matvija wurde im Jahr 1985 in Prag geboren. Er ist Filmschaffender, Cutter sowie Kameramann und konzentriert sich vor allem auf Dokumentar- und Independentfilme. Außerdem ist er einer der besten Shakuhachi-Spieler in der Tschechischen Republik. Auf der japanischen Flöte spielt er schon seit mehr als zehn Jahren. Er ist Co-Organisator des Prague Shakuhachi Festivals und im Jahr 2016 wird er im Ausschuss des World Shakuhachi Festivals tätig sein. Zur Zeit studiert Matvija am Zentrum für audiovisuelle Studien der FAMU.

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