Kultur

Dek(k)antierte Verwandlung

Foto: Martina Root | © DJKTFoto: Martina Root | © DJKT
Kafkas „Verwandlung“ im Josef-Kajetán-Tyl-Theater in Plzeň (Pilsen)

Das Ballettensemble des Josef-Kajetán-Tyl-Theaters in Plzeň (Pilsen) serviert Kafkas „Verwandlung“ grotesk, absurd und existenzialistisch. Leider aber kommt alles auf einem goldenen Tablett, gründlich vorgekaut. Welche Verwandlung also hat das Publikum zu erwarten?

Das Ensemble DekkaDancers, das für die westböhmische Bühne choreografiert hat, sucht in Tschechien seinesgleichen. Die beiden ehemaligen Ballettsolisten des Nationaltheaters Viktor Konvalinka und Tomáš Rychetský gründeten es vor neun Jahren gemeinsam mit dem Fotografen Pavel Hejný. Sie wollten Inszenierungen realisieren, für die im Betrieb des großen Theaters keine Kapazitäten waren. Vor drei Jahren übernahmen ihre Ballettkollegen Ondřej Vinklát, Štěpán Pechar und Marek Svobodník die Zügel. Die Abende nach ihren Proben und Vorstellungen investieren in zusätzliche Trainings.

Das Gießen durch den Raum

Štěpán Benyovszký, einer der Choreografen, spricht im Programmheft vom „Übergießen der Formen auf die Bühne, sowie dem Übergießen einer Stimmung von der Komik in die Ernsthaftigkeit, vom Absurden ins Realistische“. Dieses Prinzip charakterisiert Bewegung und Tanz ganz allgemein, gilt aber vorbehaltlos für die Pilsner Inszenierung der Verwandlung. Im ersten Bild umgrenzt Gregor Samsa mit Klebeband den Spielraum, löst ihn so aus der Gesamtheit der Welt grenzenloser Möglichkeiten. Wir verfolgen seinen sorgfältigen Aufbau, wenn er einzelne Möbelstücke auf den Boden geradezu malt. Dabei ist das einzige reale Objekt auf der Bühne sein riesiges Bett. Doch nicht mal das garantiert Stabilität. Seine krummen Beine erwecken den Eindruck, es könne jederzeit fortschwimmen oder zerbrechen.

Die Bühnenaufteilung funktioniert hervorragend. Gregors Abschnitt ist verdunkelt, der Rest der Wohnung, dort wo sich Vater, Mutter und Schwester bewegen, ist in ein weiches Licht getaucht. So entsteht der Effekt von zwei parallel ablaufenden Handlungssträngen. Jeder Zentimeter der Bühne wird genutzt. Gleichzeitig handelt es sich um eine Aufforderung: Der Zuschauer wählt selbst, wohin er seine Aufmerksamkeit richtet. Anschließend ist er eingeladen, die Eindrücke zu einem Ganzen zusammenzufügen. Damit erschöpft sich jedoch auch schon die Herausforderung der Imagination des Publikums. Weitere Uneindeutigkeiten regen dessen Vorstellungskraft eher weniger an.


Die DekkaDancers kleiden Kafkas 103 Jahre alte Erzählung in ein groteskes Gewand, entkleiden es aber nur bedingt wieder. Im Gespräch mit dem Tschechischen Fernsehen verriet einer der Choreografen und Co-Regisseur Štěpán Pechar, es handele sich um eine „pittoreske Geschichte“, und in diesem Sinne verlaufe auch die ganze Handlung im Wohnzimmer: Die Tänzer verlagern die Bühnenhandlung, indem sie pantomimisch Gegenstände modellieren und damit präzise aneinander anknüpfen. Eine Niedlichkeit, evoziert durch die Kombination aus einer trappelnden Familie, die vor Gregor davonläuft, Kostümen in adrettem Weiß und Gesichtern mit expressiven Grimassen, bewahrt das Stück davor, aus der Verspieltheit zu fallen.

Ein merkwürdiger Augenblick, der den Zuschauer aus seiner Ausgelassenheit reißt, ist das Intermezzo zwischen Gregor und seiner Schwester. Es ist ein Moment, in dem die Idylle des imaginären Ballspiels am Sonntagnachmittag endet, der auf der anderen Seite aber den Ball des Unbegreiflichen zurück ins Spiel wirft. Der vertrauensvolle Dialog, während dessen Markétka (Kristýna Potužníková) Gregor (Richard Ševčík) aus seinem Zimmer treibt und ihm hilft die Schwelle zum Gemeinschaftsraum zu übertreten, gibt der Geschichte eine plastische Dimension. Gleichzeitig geht sie über die Erzählungsvorlage hinaus. Die Schwester weist hin auf die Schwelle als eine Verbindung zweier Welten, und nicht als unüberwindlichen Wall, errichtet auf Kontrasten. Mit einem kurzen Schnitt kehrt die Szene jedoch leider im Nu zurück ins Idyll.

Das Abgießen der Normalität

Das zweite markante Element sind die Gruppenchoreografien, in denen sich momentweise die Spannung verdichtet. Gregor bekommt nach dem Aufwachen einen kollektiven Körper, die Käferphysiognomie gestalten sechs weitere Tänzer, mit denen sich Samsa ständig in seinem Zimmer bewegt. Sie erreichen das nicht durch Aufkleben peinlicher Beinchen, sie breiten sich im Raum tatsächlich aus wie eine Einheit. Das mehrfache Abtasten des Raumes in Verbindung mit der Suche nach dem eigenen Platz bestimmt so die Unvorhersehbarkeit der Bewegung und fängt das ursprüngliche Entsetzen ein, das die Verwandlung hervorgerufen hatte.

Der Schwarze Käfer aber verliert die Kontrolle über den Raum in dem Moment, als er in die Finger der weißen Kittel gerät, die versuchen, die Andersartigkeit zu fesseln in bewährten Mustern des Bekannten, und sie in die Form einer vermeintlichen Normalität zu gießen. Die Musik Hauschkas resoniert hier stark und unterstreicht den zwecklosen Kampf gegen alle, die über das Leben eines anderen hereinbrechen, um dessen Unterschiedlichkeit abzuschleifen und sie in eine Konfektionsgröße zu pressen. Die anfangs komische Flucht vor Gregor, während derer die ganze Familie im Zimmer umherlief, verwandelt sich allmählich in eine Jagd, der sich weitere Tänzer in Arztkitteln anschließen. Diese Jagd ist nicht mehr begrenzt, von keinem Klebeband, keinem Raum, keinem Interieur, keinem Exterieur. Alle umzingeln Gregor, zerren ihn von der Bühne und versuchen den Käfer aus ihm herauszuschütteln. Im indifferenten Weiß verschmilzt die Schwester mit einer unbekannten Frau, der Vater unterscheidet sich nicht mehr von einem Passanten, der auf Gregor eintritt.

Kein Tropfen zu viel

Die Macher haben versprochen, dem Publikum in Pilsen einen Blick in Gregors Kopf zu gewähren. Damit wollen sie ein breites Spektrum möglicher Interpretationen bieten. Das ist zwar gelungen, allerdings bleibt nicht ein Quäntchen Ungewissheit zurück, nichts, das irgendetwas problematisieren, das Fragen stellen und den Zuschauer zwingen würde, sich auch nach der Vorstellung noch mit der „Verwandlung“ auseinanderzusetzen, und sich selbst zu verwandeln. Alle Kanten sind sorgfältig geglättet. Der Bühnendarbietung selbst lässt sich im Prinzip also nichts vorwerfen. Gerade diese Perfektion aber ist es, die Kafka zu einem gewissen Grad betäubt.

Kristýna Boháčová
Übersetzung: Max Zaloudek

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Februar 2018
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