Kultur

Alois Nebel – der nächste Ehrenbürger von Jeseník

© Aerofilms
© negativ
Der Bahnhof Bílý potok, © negativ


Kalte Einsamkeit haucht den Betrachter an. Ein kleiner, heruntergekommener Bahnhof im Dunkel der anbrechenden Herbstnacht. Flackernde Laternen werfen einen matten Schein auf den bröckelnden Bau und Gleise, die ins Nichts führen. Vom kühlen Wind bewegt, ragen spitzzackige Tannen in das Bild. Der Maler Edvard Hopper hätte die Tristesse aus Licht und Schatten nicht besser einfangen können. An diesem Ort, Bílý potok im unwirtlichen Altvatergebirge (Jeseníky), lebt und arbeitet der Fahrdienstleiter Alois Nebel. Und wenn den Mittfünfziger die Angst beschleicht, dann greift er zum Fahrplan und liest... Jeseník 9:20, Lipová Lazně – zastávka 9:24, Lipová Lazně 9:30, Bílý potok 9:38....

„Wir haben damals aufgehört, Bier zu trinken, haben auf Nichtalkoholisches umgeschaltet, und dann ging´s los“, erzählt der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš über einen Abend mit seinem Freund, dem Musiker und Comiczeichner Jaromír 99 alias Jaromír Švejdík. Dem Dunst der Kneipe „Zum ausgeschossenen Auge“ im Prager Arbeiterviertel Žižkov entstieg damals ein neuer Held, die Comicfigur Alois Nebel. Alois Nebel ist mittlerweile zehn Jahre alt und hat sich vom Comic-Strip auf der letzten Seite einer Wochenzeitschrift über drei Comic-Bände bis auf die Kinoleinwand hochgearbeitet. Halb Comic, halb Spielfilm begeistert die Geschichte des wortkargen, nachdenklichen und irgendwie schrulligen Fahrdienstleiters nun das tschechische Kinopublikum. Vor dem offiziellen Start Ende September hat sie schon auf den Filmfestivals in Venedig und Toronto gepunktet und soll Tschechien sogar in Sachen „Oscar“ vertreten.

Gespenster der Geschichte

Der Erfolg dieser Geschichte war in Tschechien nicht vorhersehbar. Alois Nebel hat deutsch-tschechische Wurzeln und lebt in einer sich selbst überlassenen, nahezu entvölkerten Region im Nordosten des Landes, die bis zur Vertreibung 1945 deutsch besiedelt war. Und wenn der Nebel die hügelige Landschaft einhüllt, sieht der Fahrdienstleiter Gespenster: Die Züge längst vergangener Zeiten rattern und keuchen bedrohlich über ihn hinweg - Realität und Halluzination vermischen sich. „Alois ist ein Typ, der irgendwie davon wahnsinnig wird, von den Zügen, die durch seine kleine Station rollen und voll beladen sind mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und er muss das alles noch mal durchleben, was wir vielleicht am liebsten vergessen würden: den Zweiten Weltkrieg, die Vertreibung der Deutschen, die sowjetische Okkupation 1968, die graue Zeit der Normalisierung bis zur Wende“, beschreibt Jaroslav Rudiš das Schicksal seines stillen Helden.

Herbst 1989 - durch den nächtlichen Wald jagt ein Hund einer heißen Spur nach. Leuchtkugeln erhellen den Himmel für Sekunden. Die Augen der Grenzposten suchen fieberhaft die Gegend ab. Ein Unbekannter hat sich – mit einem Beil bewaffnet - über die grüne Grenze in die noch kommunistische Tschechoslowakei durchgeschlagen. Einzig eine vergilbte Fotographie trägt er in der Brusttasche bei sich und bricht so in die einsame Welt von Alois Nebel ein. Beide verbindet – ohne dass sie es ahnen - ein grausiges Erlebnis aus Kindertagen. Der stumme Unbekannte sucht einen Mörder und ist bereit, selbst einer zu werden. Und Alois? Sein Leben wird gründlich auf den Kopf gestellt. Bei all dem sorgt noch die Samtene Revolution dafür, dass nichts mehr ist, wie es war - und der Fahrdienstleiter nicht mehr ist, was er war. Alois Nebel wird vom Minimalisten Miroslav Krobot gespielt. Nein, Miroslav Krobot ist Alois Nebel - kein tschechischer Schauspieler, der mit weniger Worten die Rolle besser ausgefüllt hätte. Dem Regisseur Tomáš Luňák, dem Produzenten Pavel Strnad und den Comic-Vätern ist mit diesem Rail-Movie ein außergewöhnlicher Streifen gelungen. Der Weg vom Comic zum Film war jedoch steinig.

Das schwarzweiße Loch


Alois Nebel - Trailer

Wie bringt man 340 Seiten und drei Kilo Lektüre einer schwarzweißen Graphic Novel auf die Leinwand? „Schwierig war vor allem die technische Umsetzung“, sagt der Comiczeichner Jaromír Švejdík. Die Atmosphäre und die messerscharfen Konturen eines Schwarzweiß-Comic in einen Kinofilm zu übertragen, sei nicht leicht gewesen. „Wir haben über einen normalen Spielfilm und einen reinen Zeichentrickfilm nachgedacht. Aber der Mittelweg funktioniert am besten“, meint Švejdík. Der Mittelweg ist die Rotoskopie: Alle Szenen des Films wurden mit Schauspielern aus Fleisch und Blut gedreht. An die 30 Computer-Grafiker aus Tschechien und Deutschland machten sich dann an die Arbeit und verwandelten Gesicht für Gesicht, Szene für Szene in bewegte Comic-Bilder. Filmtechnisch eine Grauzone, in der immer wieder die reale Welt durchschimmert. „Wenn wir einfach einen normalen realen Wald gezeigt hätten, dann wäre er längst nicht so romantisch, so hart und so bedrohlich gewesen, wie er am Ende im Film erscheint“, meint Zeichner Švejdík. Und tatsächlich - das Schwarzweiß des Films verschluckt den Zuschauer und spuckt ihn erst mit dem Abspann wieder aus.

Seine Vorpremiere hatte der Film übrigens im Ort Jeseník, und damit in der Region, in der nicht nur Alois Nebel lebt, sondern aus der auch sein Zeichner Jaromir Švejdík und der Schauspieler Miroslav Krobot stammen. In einer republikweiten Abstimmung haben die Menschen in Jesenik ihrem Alois Nebel mit tausenden von Stimmen die Ehre erwiesen und ihn vor dem offiziellen Start zur Vorpremiere in ihr kleines Kino geholt. Die Freude ist Jaromir Švejdík immer noch anzusehen: „Alois Nebel wird langsam zum Ehrenbürger von Jeseník, und neben dem Herrn Doktor Prießnitz, dem Wasserheiler, wird er zur zweitwichtigsten Persönlichkeit aus Jeseník.“

Christian Rühmkorf
Copyright: Goethe-Institut Prag
Dezember 2011
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