Kultur

Late Night statt Prime Time

DPA

Auf der Suche nach der Kultur im deutschen Fernsehen


Foto: Thore Siebrands

Dieter Moor, der „Popeye des guten Geschmacks“, Foto: Siebbi, CC BY 3.0


Zu den Gewohnheiten unserer Zeit gehört es, den Fernseher einzuschalten. Bis zu 223 Minuten täglich verbringen die Deutschen im Durchschnitt vor der Glotze. Von den immer flacher werdenden Geräten lassen sie sich unterhalten, informieren oder sogar bilden. Das ist fester Bestandteil der Alltagskultur. Doch wo steckt die Kultur im Deutschen Fernsehen zwischen Doku-Soaps und Casting-Shows?

Kultur und Fernsehen – das schließt sich gegenseitig aus. Diesen Eindruck vermitteln zumindest Fernsehzeitungen. Neben ganzseitiger Werbung für Das Supertalent oder den nächsten spektakulären Block-Buster erscheint die Kultur als sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen.

Nachmittags zum Beispiel ist die Suche sinnlos, nahezu töricht. Sie führt durch diverse Doku-Soaps, Gerichtshows oder schmalzige Telenovelas mit Titeln wie Sturm der Liebe oder Herzflimmern – Die Klinik am See. Der Fremdscham-Faktor ist hoch, von Kultur jedoch keine Spur.

Der Kampf um die Quote

Ob private oder öffentlich-rechtliche Programme – überall laufen Sendungen, die vor allem aus einem Grund existieren: Sie bringen Quote. Eine Anforderung, die die Kultur nicht erfüllt. Auf privaten Sendern existiert sie deshalb so gut wie nicht. Es sei denn, das, was Dieter Bohlen in Shows wie DSDS regelmäßig der Bevölkerung vorführt, verdient diese Bezeichnung. Wohl kaum.

Kultur-Formate sind Minderheitenprogramme. Bei den Öffentlich-rechtlichen werden sie deswegen abgeschoben – weg von den attraktiven Sendeplätzen, hinein in die tiefe Nacht. Ganz ausklammern können die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten die Kultur aber nicht, denn ihre gesetzliche Pflicht ist es, den zahlenden Zuschauer mit dem Nötigsten zu versorgen. Sie sollen also nicht nur unterhalten, sondern müssen auch informieren und bilden. Besser spät als nie. Ob Magazine, Literatursendungen oder anspruchsvolle Filme – erst nach 22:00 Uhr darf die Kultur im Fernsehen auftreten. Wenn es dann soweit ist, taucht plötzlich der Popeye des guten Geschmacks auf dem Bildschirm auf – Dieter Moor. So bedeutsam wie kein zweiter präsentiert er in seinem Magazin Titel Thesen Temperamente kulturelle Neuheiten. Allerdings sind die meistens so en vogue, dass sich natürlich auch die Kollegen von ZDF aspekte darum kümmern müssen.

Wieder tobt der Kampf um die Quote. Diesmal: ARD gegen ZDF – auf ausgewogene, wiederholungsfreie Berichterstattung kann der Zuschauer lange warten. Da sieht es bei den regionalen Programmen schon etwas friedlicher aus. Magazine, wie west.art oder Stilbruch kümmern sich vor allem um das Kulturelle vor Ort.

Kein Platz für kritische Auseinandersetzungen

Trotzdem funktionieren die Kultursendungen im Deutschen Fernsehen fast alle nach dem gleichen Rezept: Man nehme eine, in 99% der Fälle, austauschbare Moderatorin, stelle sie in ein mal mehr, mal weniger schickes Studio und lasse sie fünf Beiträge à fünf Minuten anmoderieren. Begrüßung, Verabschiedung. Fertig. Hinzu kommt, dass die Beiträge, wenn überhaupt, dann nur positive Kritik enthalten – der wenige Sendeplatz muss schließlich für Empfehlenswertes genutzt werden. Wirklich kritische Auseinandersetzungen haben oft keinen Platz.

Etwas spannungsreicher sieht die Berichterstattung auf Sendern wie 3sat oder arte aus. Kultur schon am helllichten Tag – in ganz vielfältigen Gewändern. Als Konzertmitschnitt, Künstlerporträt oder Klassiker der Filmgeschichte. Hier ist sie nicht an den Rand des Tages und der Aufmerksamkeit gequetscht, sondern steht im Mittelpunkt. Das halten die Programmmacher wohl für eine geniale Idee: separate Sender für Kultur. Die kulturelle Information und Bildung wird einfach ausgelagert, damit die Unterhaltung anderswo ungehemmt weitergehen kann. Das neueste Reservat heißt ZDF kultur. Damit versucht das Zweite Deutsche Fernsehen seit Mai dieses Jahres, Hoch- und Popkultur miteinander zu verbinden. Das scheint nach dem Prinzip „Hauptsache es ist jung, bunt und bewegt sich“ zu funktionieren. Man möchte den Programmmachern entgegen schreien: „Bitte nicht alles aufpoppen, nur weil es um Popkultur geht!“.

Eine Ausnahme gibt es jedoch. Bauerfeind mit der gleichnamigen Katrin Bauerfeind. Das ist wichtig, denn diese Sendung hat Persönlichkeit. Die Moderationen sind intelligent und witzig, ohne albern zu sein. Die Beiträge unkonventionell – es geht zum Beispiel um das Weltretten von der Couch aus. Aber das Tollste sind die Interviews. Da sitzen nicht Journalist und Protagonist, sondern zwei alte Bekannte, so scheint es. Ein informativer Plausch unter Freunden und der Zuschauer hört einfach gern zu. Mehr davon!

Andrin Schumann

Copyright: Goethe-Institut Prag
März 2012
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Unter Alltagskultur wiederum versteht man Gewohnheiten, Gebräuche und Gegenstände des Alltags. Dazu gehören beispielsweise Esskultur, Mode, Werbung oder Sport. Musik, Bildende Kunst, Literatur und darstellende Künste werden hingegen als Hochkultur bezeichnet. Allerdings wird das Gegensatzpaar Hochkultur – Alltagskultur seit dem Ende der sechziger Jahre zunehmend in Frage gestellt. Grund dafür ist die massenmedial verbreitete Alltagskultur, genannt Popkultur. Diese findet in der Gesellschaft immer mehr Anerkennung.

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