Kultur

Totalniy futbol

Foto: © Kirill Golovchenko

Der Glaube an die Kraft des Fußballs

Foto: © Suhrkamp / Kirill GolovchenkoEs wird Zeit, nach Mittel- und Osteuropa zu schauen. Es wird Zeit, diese alten europäischen Kulturlandschaften zu entdecken. Es wird Zeit, die eigenen rückständigen Stereotypen, die man über Polen oder die Ukraine hegt, über Bord zu werfen und sich offen und neugierig zu zeigen. Am 8. Juni 2012 hat die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine begonnen – das erste große Fußballfest, das nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Ländern des einstigen Ostblocks stattfindet. Es wurde auch langsam Zeit.

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan, Jahrgang 1974, wünscht sich, dass „diese Meisterschaft eine wunderbare Gelegenheit zur Vereinigung und Verständigung werden wird“. Denn: „Was hätte sie sonst für einen Sinn?“ Zhadan, der aus der ost-ukrainischen Stadt Charkiw stammt, ist fußballverrückt. Wie die meisten seiner Landsleute. Seine Romane, Geschichten und Bücher sind wilde, rasante, poesiegewaltige Zeichnungen post-sowjetischer Lebenswege.

Umbruch und Neuanfang

Mit Totalniy Futbol (Fußball Total) hat er als Herausgeber das wohl beste Buch zur Europameisterschaft vorgelegt. Es ist ein Buch, das die Gastgeberländer besser zu verstehen hilft – indem es von ihrer Fußballkultur erzählt. Acht polnische und ukrainische Autorinnen und Autoren waren in den EM-Städten unterwegs und haben Geschichten über die dortigen Vereine mitgebracht. Sanfte, wilde, harte, liebevolle Geschichten über Menschen, Fußballer und Fans; bewegende Geschichten über zwei Länder, deren Fußballkultur in den vergangenen 20 Jahren einen tiefgreifenden Umbruch und einen steinigen, holprigen Neuanfang erfahren haben.

Nicht alle Kapitel haben die mitreißende literarische Qualität, die ein Schriftsteller wie der Ukrainer Juri Andruchowytsch aus den Tasten zaubern kann. In einem herzerweichenden Text meditiert er über das zahlenverliebte Fußballverständnis der Spieler- und Trainerlegende Walerij Lobanowski. Sehr humorvoll reist man mit der in Hamburg lebenden polnischen Autorin Natasza Goerke nach Posen: „Die Polen sind nicht schlecht im Küssen“, schreibt Goerke, „das kann ich selbst bezeugen. Und auch mit Talenten sind sie reich gesegnet. Außerdem kann niemand auf der Welt so herrlich in Schwermut versinken wie wir, die lustigen Polen – die Paradoxie des Clowns.“

Foto: © Suhrkamp / Kirill Golovchenko
Komplettiert wird das Buch durch die Schwarz-Weiß-Fotos von Kirill Golovchenko. Foto: © Suhrkamp / Kirill Golovchenko

Für seinen Beitrag war Zhadan in der Industriestadt Donezk unterwegs. Weil er weiß, dass, wer in der Ukraine über Fußball spricht, auch über Politik sprechen muss, erklärt er uns Lesern/innen die haarsträubenden, zuweilen absurd-grotesken Verflechtungen zwischen Politik und Fußball in seinem Land. Komplettiert wird das literarische Fußball-Roadmovie Totalniy Futbol durch die so melancholischen wie ironischen Schwarz-Weiß-Fotos von Kirill Golovchenko.

Eine gute Hoffnung

Zhadan tritt in seinem Land als einer der klarsten Kritiker des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch auf. In der Süddeutschen Zeitung sprach er sich neulich für einen Boykott der gegenwärtigen Regierung seines Landes aus, aber gegen den Boykott der Fußballspiele. Zhadan glaubt an die Kraft des Fußballs. Im Vorwort des Buches schreibt er: „Der Fußball trägt den Sieg über die Politik davon, nur die Stadien vereinen die Ukrainer: In den Stadien werden sie die Präsidenten auspfeifen und die Nationalhymne singen […] Irgendwie hat es der Fußball geschafft, über all dem zu stehen […].“ Es ist Zhadans Hoffnung, dass die Menschen, die Fans, dass der Fußball stärker ist als jegliche Politik. Es ist eine gute Hoffnung. Also auf nach Polen, auf in die Ukraine!

Serhij Zhadan (Hrsg.): Totalniy Futbol: Eine polnisch-ukrainische Fußballreise (edition suhrkamp 2012, 242 S., 18.90 €)


In Zusammenarbeit mit fluter.de, dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung

ist freier Journalist und schreibt vor allem über Weißrussland.

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Juni 2012
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