Leben

Was die Deutschen an Obama finden

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In Berlin feierten Hunderte Obamas Wiederwahl. Warum ist der US-Präsident so beliebt?

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Barack Obama und sein Vizepräsident Joe Biden auf der Wahlparty in Berlin, Foto: Isabelle Daniel

Um Punkt 5.16 Uhr am 7. November 2012 kannte die ganze Welt das Wahlergebnis der jüngsten US-Präsidentschaftswahlen. In Berlin glaubten viele schon früher zu wissen, dass Amtsinhaber Barack Obama über seinen Herausforderer Mitt Romney triumphieren würde. Im Berliner Kino „Babylon“ feierten Hunderte amerikanische und deutsche Obama-Unterstützer eine Wahlparty. Schon bevor die ersten Wahllokale auf der anderen Seite des Atlantik schlossen, war hier von „Obama’s Re-Election Party“ die Rede.

„Ich garantiere dir, dass Obama gewinnt“, versicherte mir mein amerikanischer Bekannter Christopher Wochen vor dem 6. November. Da saßen wir gerade vor einer aufgeschlagenen Zeitung, die ein immer knapper werdendes Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Kandidaten prophezeite.

Christopher ärgert sich darüber, dass viele Europäer den Amerikanern die richtige Wahlentscheidung nicht zutrauen. „Die Deutschen tun so, als wäre Obama ihre persönliche Entdeckung – und die Amerikaner zu dumm zu erkennen, dass er der bessere Kandidat ist“, kritisierte Christopher und wollte von mir wissen: „Warum willst du eigentlich unbedingt, dass Obama gewinnt? Wenn er mit dem gleichen politischen Programm in Deutschland kandidieren würde, hätte er keine Chance.“

Tatsächlich hätten Umfragen zufolge 91 Prozent der Deutschen Obama ihre Stimme gegeben.Wahlsiege in dieser Höhe erreichen sonst höchstens Diktatoren. Und die müssen dafür erst die Abstimmung kräftig manipulieren. Hinzu kommt, dass Christopher recht hat: Das Programm der amerikanischen Demokratischen Partei ist allenfalls mit den politischen Vorstellungen der konservativsten Kreise der FDP vergleichbar und wäre in Deutschland absolut nicht mehrheitsfähig. Trotzdem hat Obama hier höhere Beliebtheitswerte als Angela Merkel und Peer Steinbrück zusammen.

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Merchandise im Babylon, Foto: Isabelle Daniel

Wahlparty mit den Demokraten

Was macht Obama für die Deutschen so sympathisch? Und welche Gründe hatten die tatsächlich Wahlberechtigten, ihm ihre Stimme zu geben?

Ich ging zum „Election Night Watch“ der Democrats Abroad in Berlin, um zu fragen. Beruhigt und beunruhigt zugleich stellte ich fest, dass es den meisten Deutschen geht wie mir selbst: Die Sympathie für Obama ist extrem emotional – und nicht wirklich begründet. Amerikaner hingegen haben für ihre Wahlentscheidung oft ganz pragmatische Gründe, die wenig bis nichts mit Obamas außenpolitischen Positionen zu tun haben. Und das sind doch eigentlich die einzigen, die uns Europäer direkt etwas angehen.

Kristin, 23, ist als begeisterte Obama-Anhängerin sofort identifizierbar. Sie trägt einen Obama-Pullover. Die Fremdsprachensekretärin war schon öfter – „aber immer nur kurz“ – in den USA,. „Ich interessiere mich normalerweise gar nicht für Politik“, gibt sie unumwunden zu. „Aber für amerikanische irgendwie schon. Und vor allem Obama finde ich einfach toll.“

Warum? Eine charismatische Persönlichkeit sei er eben; weil man ihn zusätzlich, anders als den Bundespräsidenten, direkt wählen könne, hätte man als Amerikaner außerdem wohl eher das Gefühl, mit seiner Stimme etwas erreichen zu können.

„Konservativ und religiös“

Tatsächlich wird der US-Präsident ähnlich indirekt gewählt wie der deutsche Bundespräsident – über Wahlmänner nämlich. Und dass viele Amerikaner eben nicht das Gefühl haben, mit ihrer Stimme etwas erreichen zu können, zeigt schon ein Blick auf die Wahlbeteiligung: Die liegt deutlich unter derjenigen in den meisten europäischen Ländern.

Für Anglistik-Studentin Stephie ist Obama vor allem ein Symbol der Weltoffenheit. Ein Jahr hat die 19-Jährige bei einer mormonischen Familie im US-Bundesstaat Kentucky gelebt, deren Mitglieder begeisterte Anhänger von Mitt Romney waren. Dass letzterer überhaupt Präsidentschaftskandidat werden konnte, führt Stephie auf den Stellenwert von Religion in den USA zurück. „Die Leute sind sehr viel konservativer als in Europa“, sagt sie.

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Stephie und Kristin unterstützen Obama, Foto: Isabelle Daniel

„Obamacare“ ist der wichtigste Programmpunkt

Viele Amerikaner, die ich auf der Veranstaltung treffe, begründen ihre Sympathie für Obama weniger mit dessen politischem Programm als mit ihrer Antipathie gegenüber den Republikanern. „Ich bin nicht sicher, ob ich die Positionen der Gegenseite tolerieren kann“, sagt Alison aus New Jersey. Sie trägt einen großen Aufkleber am Arm, auf dem steht: „I voted!“

Der wichtigste Punkt in Obamas Parteiprogramm ist für sie die Gesundheitsreform. Erst seit es „Obamacare“ gibt, sind ihre Eltern krankenversichert. Weil gerade diese innenpolitischen Maßnahmen entscheidend für viele Amerikaner seien, sei ein anderes Ergebnis als ein Sieg Obamas gar nicht realistisch, sagt Alison um kurz vor Mitternacht, als das offizielle Ergebnis noch in stundenweiter Ferne liegt.

Auch für Jerry aus Virginia ist jede andere Entscheidung als für die Demokraten abwegig. Das war nicht immer so. Frei nach Winston Churchill sagt er: „Wer mit 20 Jahren kein Liberaler ist, hat kein Herz, wer mit 40 Jahren immer noch einer ist, keinen Verstand.“ Bei ihm sei es umgekehrt gewesen, erzählt Jerry. Mit etwa 20 Jahren kam er als konservativer US-Soldat nach Deutschland. „Europa hat mich liberal gemacht“, sagt Jerry.

Alison und Jerry kennen keinen einzigen in Deutschland lebenden Amerikaner, der republikanisch gesinnt wäre. „Man hätte es als Republikaner auch sehr schwer hier“, glaubt Alison. Ich muss wieder daran denken, dass Obama und Romney aus europäischer Perspektive politisch eng beieinander liegen.

 
Copyright: Goethe-Institut Prag
November 2012

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