Leben

Zu Fuß nach Rom

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Auf Pilgerreise in die Ewige Stadt

Foto: © Ladislav Zibura
Noch 100 Kilometer bis nach Rom, Foto: © Ladislav Zibura

Unterwegs schlief er auf Wiesen voller Schlangen, polnische Einwanderer fragten ihn nach Arbeit, und beinahe wurde er von einem Auto überfahren. Zweimal wurde er als verrückt bezeichnet. Zunächst fassten sich die Stammgäste einer abgelegenen Böhmerwälder Kneipe an den Kopf, und dann zeigten auch die Einwohner im italienischen Siena wenig Verständnis. Der 20-jährige Student Ladislav Zibura ließ sich jedoch nicht abschrecken. Er hatte sich nämlich ein klares Ziel gesteckt: Aus der südböhmischen Kreishauptstadt České Budějovice zu Fuß nach Rom zu gehen. Das ist ihm nach 37 anstrengenden Pilgertagen gelungen. Bei der Ankunft in der italienischen Hauptstadt hatte er 1400 Kilometer in den Beinen. Und er war um 12 Kilo leichter.

Aus České Budějovice brach er am 20. Juni 2012 auf. „Ich ging genauso wie die mitteleuropäischen Pilger von der Türschwelle meines Hauses los. Nach einem kurzen Zwischenstopp in meinem Lieblingscafé brach ich Richtung Passau und Innsbruck auf. Die Pilgerreise nach Rom ist in Vergessenheit geraten, früher absolvierten das Hunderttausende, für manche war es auch eine Strafe,“ erläutert Ladislav.

Als „zum Pilgern verurteilt“ fühlte sich Zibura aber nicht. Und das obwohl er hauptsächlich auf Asphalt ging, entlang von belebten Straßen und Autobahnen – eine Alternative gab es nämlich nicht. „Wanderwege gibt es in Italien nicht. Vom Laufen auf heißem Asphalt bekommt man natürlich unzählige Blasen. Die erste Blase machte sich am neunten Pilgertag bemerkbar. Ich dachte schon, dass ich nicht weitermachen kann. Ich habe mir sogar neue Schuhe gekauft, aber richtig geholfen hat das nicht“, erzählt Zibura und weist darauf hin, dass man beim Laufen entlang von Straßen stets hellwach sein muss, um auf entgegenkommende Autos zu achten.

Der mangelnde Komfort wurde noch einerseits durch die extreme Hitze und andererseits durch den 20 Kilo schweren Rucksack gesteigert, den der Pilger auf dem Rücken trug. Dieser beinhaltete Essgeschirr, einen Kocher, Schlafsack, Zelt und ein paar Kleidungsstücke. Zibura hatte zunächst auch ein Notebook dabei, dessen er sich aber schon nach ein paar Kilometern entledigte. Mit seinem Plan, über seine Pilgererlebnisse via Facebook zu berichten, war es dann nichts mehr. Täglich schaffte er etwa 40 Kilometer. „Für einen jungen Menschen ist so ein Weg wirklich kein Problem. Der Mensch ist dafür geschaffen, dass er so etwas bewältigt. Wichtig ist es vor allem viel zu trinken, ich habe täglich etwa 10 Liter Wasser konsumiert. Oft bin ich in Cafés gegangen, wo ich mich wenigstens für einen Augenblick wie ein Mensch fühlte. Alle vier Kilometer habe ich eine Pause gemacht und mir die Schuhe ausgezogen,“ erzählt der 20-jährige Student.


Gastfreundlichkeit überall

Für die Reise hatte der Pilger 260 Euro zur Verfügung, das Übernachten in Hostels oder Pensionen kam also nicht in Frage. Das war auch gar nicht geplant, Zibura nächtigte unter freiem Himmel. „Ich schlief auf Wiesen, in Parkhäusern, auch in Abflussrohren. In bestimmten Gegenden Italiens ist Wildcampen sogar legal“, erzählt der Pilger. Unterwegs aß er nur das billigste Essen und bat die Einheimischen um Wasser. „Von denen wurde ich auch oft nach Hause eingeladen. Ich habe festgestellt, dass es überall auf der Welt tolle Menschen gibt. Ganz anders als in der medial konstruierten Welt, wo der Anschein erweckt wird, dass jeder jeden nur beklauen und ermorden will. Die Menschen in Deutschland überboten sich in ihrer Gastfreundschaft geradezu“, so Zibura.

Es passierte jedoch auch, dass der Journalismus-Student, der auch das Budweiser Studentenfest Majáles organisiert, enttäuscht wurde. „Einmal näherte sich ein gewaltiger Alpensturm und ich überlegte, wo ich mich verstecken könnte. Ich fragte also eine Bäuerin, ob ich nicht bei ihnen auf dem Hof übernachten könnte. Sie sagte, dass ich mir mein Zelt draußen im Hof aufbauen könne. Nach einer Stunde kam der Sturm, mein Zelt stand unter Wasser. Es kam aber niemand, der mich nach drinnen bat“, so der 20-Jährige.

Über den Brenner-Pass dauerte die Alpen-Überquerung nur einen Tag. Ladislav Zibura ging auf dem uralten Pilgerweg Via Francigena über Verona, Bologna und Siena bis nach Rom. Unterwegs traf er Polen, die mit einem Lieferwagen Europa durchquerten, afrikanische Einwanderer, die vergeblich einen Job suchten, aber auch einen Universitätsprofessor aus Bologna sowie eine Prostituierte.

Foto: © Ladislav Zibura
Der Grenzort Brenner, wo Ladislav italienischen Boden betrat, Foto: © Ladislav Zibura

Viva Italia!

Die Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise konnte er in Italien unmittelbar wahrnehmen. „Ich hatte den Eindruck, dass dort die Mittelschicht verschwunden ist. Ich sah entweder heruntergekommene und halbverlassene Gebäude, in denen Arme hausten, oder mit Stacheldraht umzäunte Prunkbauten der Reichen“, berichtet der Student. Der Lebensstil der Italiener, die er unterwegs traf, war ihm nicht unbedingt sympathisch. Die jungen Italiener, die er ansprach, konnten überhaupt kein Englisch und interessierten sich auch kaum für das, was um sie herum geschah. „Das hat mich ein wenig irritiert. Aber ich froh, dass ich durch meine Reise die Möglichkeit hatte, einen Einblick in die Mentalität eines anderen Landes zu bekommen,“ so Zibura.

Einige italienische Autofahrer drückten ihm die Daumen und munterten ihn auf. Eine Kollision mit einem Fahrzeug konnte er dennoch nicht ganz vermeiden. „Als ich einmal einen Straßenübergang überquerte, ging ich davon aus, dass das herankommende Fahrzeug abbremst. Das ist allerdings nicht passiert. Als der Zusammenprall schon unausweichlich schien, rammte ich meine Gehstöcker auf den Asphalt und sprang zurück. Das Auto streifte mich dann nur. Der Fahrer war vollkommen geschockt und suchte nach meinen gebrochenen Beinen“, erzählt der Pilger mit einem Lächeln im Gesicht.

Rom erreichte Ladislav Zibura in den frühen Morgenstunden, und so konnte er die Sehenswürdigkeiten der historischen Stadt vor fast menschenleerer Kulisse genießen. „Ursprünglich wollte ich das Ortseingangsschild mit Schampus begießen“, lacht er. Ganz zufällig ist er auch eines der Gesichter einer Kampagne geworden, die für die Pilgerreise in die italienische Hauptstadt wirbt. Zurück nach Tschechien ging es per Bus und mit den letzten drei Euro in der Tasche. „Meine Eltern haben mich zuhause nur vorsichtig umarmt, sie meinten, ich sähe aus wie ein Obdachloser“, erzählt Ladislav und lacht.

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Am Ziel: Der Petersplatz im Vatikan, Foto: © Ladislav Zibura

Die Welt hautnah erleben

Mit seiner Pilgerreise wollte Ladislav Zibura an diese mittelalterliche Tradition anknüpfen und gleichzeitig auch die Natur intensiv erleben. Einsam fühlte er sich nicht, bis nach Innsbruck wurde er sogar noch von einem Freund begleitet. Im vergangenen Jahr absolvierte er auch die bekannte Pilgerreise nach Santiago de Compostela. „Das ist was ganz anderes, alles ist auf die Pilger abgestimmt, Übernachtungsmöglichkeiten, Waschmöglichkeiten, markierte Wege. Letzten Monat haben meine Eltern diese Pilgerreise absolviert“, erklärt der Student.

Zibura plant noch eine weitere Reise, die zu den drei bedeutendsten christlichen Pilgerreisen gehört. Sie wird die mit Abstand schwerste sein – der junge Mann will nämlich nach Jerusalem. „Diesen Gedanken habe ich trotz der schwierigen Situation in einigen arabischen Ländern nicht aufgegeben. Ich will in der Südtürkei starten, wegen der aktuellen Situation kann ich Syrien aber nicht durchqueren. Deshalb werde ich von der Türkei aus Richtung Bulgarien und Griechenland gehen. Von dort aus geht es mit dem Schiff nach Israel, wo die Pilgerreise zu Ende geht. Insgesamt werden das rund 1000 Kilometer Fußweg sein, ich werde etwa einen Monat und wieder alleine unterwegs sein,“ plant Zibura.

Am meisten freut er sich auf die sprichwörtliche muslimische Gastfreundschaft. „Pilgerreisen haben dort eine große Tradition, die im Islam fest verankert ist. Pilgern wird große Ehrfurcht entgegengebracht. Mit meiner Pilgerreise möchte ich auch zeigen, dass die Muslime in Wirklichkeit ganz anders sind, als sie von den heutigen Medien dargestellt werden“, erläutert Ladislav Zibura.

Jan Škoda
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
Februar 2013

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