Leben

Das Comeback der Bronx

Foto: © Isabelle DanielFoto: © Isabelle Daniel
Bewohner Nord-Manhattans danken der Stadt für die Wiedereröffnung des Highbride-Parks. Foto: © Isabelle Daniel

Was der New Yorker Bronx weit vorauseilt, ist ihr schlechter Ruf. Kaum ein anderer Stadtbezirk in der westlichen Welt dürfte ähnlich negative Assoziationen wecken. Dank der Wiedereröffnung der alten High Bridge wachsen Manhattan und die Bronx nun zusammen – ein Vorbild für europäische Städte?

Der sich weit in den Nordosten New Yorks erstreckende Stadtteil Bronx gilt als unsicheres Pflaster. „Schock“ dürfte eine Untertreibung für den Gemütszustand sein, in den ich einige meiner amerikanischen Freunde versetzte, als ich beschloss, während meiner Forschungsarbeit in New York in der Bronx zu wohnen. Selbst mein Vermieter, ein gestandener Manhattaner, den es vor einigen Jahren in die Bronx verschlug, empfahl mir, bestimmte Straßenzüge und nach Sonnenuntergang sogar eine ganze U-Bahn-Linie zu meiden.

Tatsächlich schlägt sich die allmählich einsetzende Gentrifizierung der Bronx bislang noch wenig sichtbar nieder im Stadtbild, das auf den ersten Blick nach wie vor von Obdachlosigkeit, Drogen und Armut geprägt ist. Anders als im ehemaligen Problembezirk Brooklyn, wo heute ein Luxusneubau neben dem nächsten entsteht und das tägliche Joggen im Prospect Park zu einem Vergnügen gehört, dem auch so manche Hollywood-Prominenz nachgeht, zeugen viele Gebäude in der Bronx von Verwahrlosung und einem erstaunlichen Desinteresse internationaler Investoren.

Leere Fabrikgebäude ohne Künstler

Alte Fabrikgebäude, die in den meisten europäischen Städten längst zu schicken Lofts oder Künstlerateliers umgebaut worden wären, stehen rund um den Grand Concourse, einer der Hauptverkehrsadern im Norden New Yorks, kurz vor dem Verfall. Der Ignoranz gegenüber einem Stadtteil, von dem aus man touristische Hauptattraktionen wie den Times Square oder das Metropolitan Museum of Art in weniger als einer halben Stunde erreichen kann, steht die Statistik der New Yorker Polizei (NYPD) entgegen: 2014 verzeichnete sie 94 Mord-, mehr als 300 Vergewaltigungsfälle und knapp 4.000 Raubüberfälle in der Bronx. Obschon diese Zahlen für New York wie für die gesamten USA überdurchschnittlich sind, ist die Kriminalitätsrate in der Bronx in den vergangenen 25 Jahren drastisch gesunken. So zählte das NYPD im Jahr 1990 noch 653 Morde und fast 18.000 Raubüberfälle in der Bronx.

Die Bronx als grüner Zufluchtsort

Und noch etwas passt, allein schon historisch, nicht zur schlechten Reputation der Bronx: Denn neben all die Geschichten über düstere Hinterhöfe und gefährliche Straßengangs gesellte sich schon immer das Motiv der Bronx als grünem Zufluchtsort. Für die Stadtbewohner, für die es bereits Ende des 19. Jahrhunderts eng in Manhattan wurde, war die grüne und nach allen Seiten von Wasser umgebene Bronx die nächstliegende Oase der Entspannung. So empfahl die auflagenstarke Illustrierte Harper’s Weekly ihren Lesern im Jahr 1880 die Bronx als Ausflugsziel: „Für Diejenigen, die nur wenig Zeit zur Verfügung haben, gibt es nichts Wohltuenderes als ein nachmittäglicher Ausflug zur High Bridge, wo die Landschaft entzückend ist und man eine Aussicht auf die großartige Konstruktion genießen kann, durch die die Wasserversorgung für ganz New York strömt. Machen Sie einen Spaziergang über die hohen Ufer oder setzen Sie sich auf eine der schattigen Bänke, um den Ruderern auf dem Hudson River zuzusehen.“

Highways über einstigem Ackerland

Zwar ist die „entzückende Landschaft“ weitgehend der Urbanisierung gewichen. Wo bis vor 100 Jahren noch Landwirte das fruchtbare Ackerland im Norden kultivierten, kreuzen sich heute die stadtinternen High- und Expressways der nördlichen City. Doch auch wer heute noch den Ausflugstipp der längst eingestellten Harper’s Weekly beherzigt, wird von seiner Aktualität überrascht sein. Zu beiden Seiten des Hudson Rivers erstrecken sich große Stadtwälder, von denen aus man einen spektakulären Blick auf die New Yorker Skyline genießen oder aber sich vor Lärm und städtischer Architektur ins Grüne flüchten kann.


Die „lässige Cousine der High Line“

Dieses historische Potential der Bronx will sich die Stadt New York nun zunutze machen und damit die Entwicklung der Bronx vorantreiben. Mit einem festlichen Akt wurde die über Jahrzehnte geschlossene und verwahrloste High Bridge, die in Harper’s Weekly so prominent geschildert wird, nach aufwändigen Renovierungsarbeiten im August 2015 wieder eingeweiht. Die High Bridge ist seit langem die erste Verbindungslinie zwischen der Bronx und Manhattan, in denen Fußgänger die jeweils andere Seite binnen weniger Minuten erreichen können. Die New York Times pries die Brücke bereits in der Woche ihrer Wiedereröffnung als „lässige Uptown-Cousine der High Line“, also jenem bei Touristen und Bewohnern überaus beliebten Park, der auf einer historischen U-Bahn-Linie verläuft und als Inbegriff des lebenswerten Manhattan gilt.

Die Wiedereröffnung der High Bridge sei das „Symbol unserer Kehrtwende“, sagt Angel Hernandez. Der Historiker bei der Historischen Gesellschaft der Bronx führt bereits seit ein paar Jahren Touristen durch seinen Stadtteil. Noch lieber als Touristen aus anderen Städten oder Ländern sei es ihm jedoch, wenn New Yorker aus anderen Stadtteilen kämen. „Noch nie ist mir hier jemand aus Staten Island begegnet“, bedauert Hernandez.

Aussicht auf die Wolkenkratzer

Noch lockt die High Bridge nur einen Bruchteil der Massen an, die täglich über die High Line schlendern. Auf den die Brückenpromenade säumenden Bänken finden bislang noch alle Flaneure Platz, die das Treiben der Ruderer auf dem Wasser vor dem Wolkenkratzerpanorama im Süden beobachten wollen. Zu weit weg erscheint den meisten Touristen diese am nördlichen Ende der New Yorker U-Bahn gelegene Attraktion. In den ersten Tagen nach der Eröffnung spazieren vor allem New Yorker aus allen Stadtteilen über die High Bridge. Viele hat die Ankündigung in der New York Times hergeführt. Für eine Familie aus dem Vorzeigeviertel Brooklyn Heights ist es der erste Ausflug in die Bronx überhaupt. Katie Ruther und ihre Verwandten nehmen die Wiedereröffnung ein Anlass, einen Teil New Yorks zu besuchen, den sie nur aus Erzählungen und den Medien kennen. Nach dem Spaziergang wollen sie sich ein karibisches Restaurant suchen. „Wir haben gehört, dass es hier gutes dominikanisches Essen gibt“, sagt die junge Frau.

Alles in zwei Sprachen

Die Blocks, die an beide Enden der High Bridge grenzen, sind tatsächlich sehr hispanisch geprägt. So viele lateinamerikanische Immigranten aus der ersten, zweiten oder dritten Generation leben hier, dass nahezu alle Informationen zweisprachig sind. Etliche Hinweisschilder, Arztpraxen und kleine Reparaturwerkstätten richten sich an ein spanischsprechendes Publikum. Trotzdem sind selbst dieser Teil Manhattans, der wenig mit der luxuriösen Stadtteilseite südlich des Central Parks gemein hat, und jener Teil der Bronx, der zur High Bridge führt, höchst verschieden. Während der Eingang zur Brücke auf der Bronx-Seite wegen der vielen Autobahnzufahrten schwer zu finden ist und statt karibischer Restaurants leer stehende Garagen das Stadtbild dominieren, findet auf der Manhattaner Seite, kaum dass man die Brücke passiert hat, am Wochenende ein kleiner Markt statt. Lokalbesitzer bestuhlen zur Mittagszeit die Außenfläche ihrer Bistros und auf den Bolzplätzen spielen Erwachsene und Kinder gemeinsam Baseball.

Ein sicherer Fußweg nach Manhattan

Für die Bewohner der Bronx ist der größte Nutzen der High Bridge, auf direktem Weg den Hudson River überqueren zu müssen, um diese geographisch so naheliegende Kiez-Atmosphäre miterleben zu können. Nähme man die U-Bahn, um denselben Weg zurückzulegen, man wäre fast eine Stunde unterwegs und müsste mehrfach umsteigen. Bis dato gab es nur einen Fußweg, der über den Hudson River von der Bronx nach Manhattan führte: Die Washington Bridge an der 181. Straße, eine Expressway-Brücke mit engem und schmutzigem Fußgängerpfad, deren Überquerung für Passanten wegen der rasenden Autos als äußerst gefährlich gilt.

Ein Vorbild für europäische Städte

Die Stadtentwicklung New Yorks könnte auch für europäische Städte ein Vorbild sein. Das findet Ricarda Pätzold, Diplomingenieurin am Deutschen Institut für Urbanistik (DIFU) in Berlin. Die Wiedereröffnung der High Bridge füge sich ein in die allgemeine Stadtentwicklungsstrategie, die die Stadt New York seit einigen Jahren verfolge und gehe weit über einen symbolischen Akt zur Vernetzung zweier Stadtbezirke hinaus. „New York setzt seit einiger Zeit vor allem auf Fußgänger- und Radfahrerfreundlichkeit. Davon zeugen die ganz prominent gesetzten Fahrradwege am Times Square. Dass solche Ansätze nicht nur in den Hochglanzvierteln wie Manhattan umgesetzt werden, ist ein ganz wichtiges Element in einer Stadtentwicklung, die Städte durchlässig machen will.“

Ein Projekt wie die High Bridge, das zu einer Aufwertung eines bislang vernachlässigten Stadtteils beiträgt, könne zwar zu klassischen Gentrifizierungsproblemen – das heißt vor allem Mieterhöhungen – führen. Das streitet auch Pätzold nicht ab. Dennoch: „Das Projekt stellt eindeutig eine Verbesserung für den Stadtteil wie für die ganze Stadt dar. Der Ansatz einer solchen Stadtentwicklung ist richtig. Andernfalls schafft man Enklaven innerhalb der Stadt.“

Investieren in die Verhinderung des Autofahrens

Zur Regulierung des Immobilienmarktes braucht es laut Pätzold andere Strategien. „In den meisten deutschen und europäischen Städten gibt es eine vergleichbare abgeschottete Situation wie in der Bronx nicht.“ Trotzdem bedauert Pätzold, dass sich europäische Städte „schwer damit tun“, Stadtentwicklungsstrategien aus den USA aufzugreifen. Gerade am Beispiel von New York zeige sich jedoch, dass sich ein Blick über den Ozean für die Stadtplanung lohnen würde. „Ein Vorbild für Europa könnte das Gesamtsystem der New Yorker Stadtentwicklung sein, das heißt in Fahrrad- und Fußgängerwege und damit in eine konsequente Verhinderung des Autofahrens zu investieren. Das erfordert ziemlich viel Mut.“

Angel Hernandez ist sich sicher, dass die High Bridge das Image der Bronx langfristig aufpolieren wird. „Weltweit ist die Bronx so etwas wie das Paradebeispiel für städtischen Verfall.“ Das soll sich aus seiner Sicht bald ändern. Hernandez verweist auf kunstvoll eingelassen Art-Deco-Verzierungen der Brücke, die sich auch in einigen der umgebenden Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert wiederfinden. „Wir waren zu lange im freien Fall“, sagt Hernandez. Die Zeit ist reif für ein Comeback der Bronx.


Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Januar 2016

    Bronx

    Die Bronx ist der am nördlichsten gelegene Stadtbezirk – zu Englisch: borough – von New York. Fast 1,4 Millionen der mehr als 8 Millionen New Yorker leben hier – kleiner ist nur der New Yorker Stadtbezirk Staten Island. Im Süden grenzt die Bronx an Manhattan – das ebenso beliebte wie enge urbane Zentrum der Metropole, wo mehr als 1,6 Millionen Menschen auf 60 Quadratkilometern leben. Die Bronx ist vor allem von der Multikulturalität ihrer Einwohner geprägt. 52 Prozent macht die hispanische Bevölkerung aus. Unzählige Einwanderer aus anderen Teilen der Welt zogen in den vergangenen 150 Jahren ebenfalls in die Bronx. Die Vielfältigkeit ihrer Bevölkerung spiegelt sich auch in der Liste der Musik- und Filmstars, die in der Bronx aufgewachsen sind. Zu ihnen gehören unter anderen Jennifer Lopez, Al Pacino und Stanley Kubrick.

    Überall auf der Welt leben Menschen für eine bessere Zukunft. Wir sammeln ihre Geschichten und zeigen, was heute schon möglich ist. jadumagazin.eu/zukunft

    Themen auf jádu

    Heute ist Morgen
    Oder ist es umgekehrt?! Und war nicht auch gestern schon mal Morgen? In was für einer Welt wollen wir gerne leben? Und wie lange wollen wir warten, bis sie Wirklichkeit wird? Mehr...

    Im Auge des Betrachters
    … liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

    Höher, schneller, weiter
    Gewinnen. Besser werden. Den inneren Schweinehund überwinden. Verlieren. Aufgeben. Scheitern. Warum Sport? In einem gesunden Körper ein gesunder Geist? Klar, wollen wir alle. Ein paar Geschichten vom Sport. Mehr...

    Dazugehören
    Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

    Themenarchiv
    Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...