Leben

Von Prag nach Berlin

© sAgd

Ich habe zwei Jahre in Prag gelebt. Und obwohl ich ein Stadtmensch bin und Großstädte liebe, musste ich aus Prag wegziehen. Prag war für mich nicht nur Hauptstadt, sondern auch eine Art Insel, genauso wie dies heute Berlin für mich ist. Diese beiden Inseln unterscheiden sich jedoch diametral voneinander, und das vor allem im unterschiedlichen Zugang zum Anderssein und zur (Nicht-)Multikulturalität.

„Liebes Prag, 
heute sind es vier Jahre, dass wir zusammen sind. Ich danke dir, dass du mir geholfen hast, mich zu verändern. Von einem gut gelaunten Menschen zu einem genervten. Von einer umgänglichen Person zur Menschenhasserin. Von einer Abstinenzlerin zur Alkoholikerin. Ohne dich hätte ich das nicht geschafft. 
In Liebe, Lucy."

Michaela Pňačeková

Prag. © Michaela Pňačeková


Genauso wie ich ist auch meine amerikanische Freundin Lucy nach einigen Jahren desillusioniert von Prag nach Berlin abgehauen. Aber was zieht uns nur nach Berlin? Ist es nicht zufällig das Gleiche, was uns einst nach Prag getrieben hat? Die Gründe, warum Amerikaner und Amerikanerinnen nach Prag gehen, sind natürlich andere, als jene, die Slowaken und Slowakinnen zu diesem Schritt bewegen. Mich als Slowakin reizte der Mythos Großstadt, den die Millionenstadt Prag schon seit Jahrhunderten ausstrahlt. Auch die Nähe der Sprache und Kultur machte mir mein Leben in Prag einfacher.

Die Motive meiner amerikanischen Freundin waren dagegen ganz andere. Für sie war Prag eine romantische Stadt an der Grenze zwischen Ost und West, wo eine vielfältige Subkultur herrscht. Ja, auch das war mal Prag. Am Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Kultur ohne Geld

Im neuen Jahrtausend hat sich in Tschechien das kulturelle Leben zeitgleich mit der politischen Situation verändert. Die neoliberale Politik in der Tschechischen Republik konzentriert sich mit ihren Reformen auf die Streichung von Ausgaben für nicht profitable Bereiche wie Bildung, Minderheitenpolitik und Kultur. Damit sterben nicht nur alle alternativen Projekte, sondern alles, was mit diesen Bereichen zusammenhängt. Die Prager Kultur liegt auf dem Sterbebett. (Als Beispiel kann das Theater Divadlo Komedie genannt werden, eine der künstlerisch bedeutendsten und fortschrittlichsten Prager Bühnen, die wegen mangelnder staatlicher und städtischer Unterstützung im Juni nächsten Jahres den Betrieb einstellt.)

Jan Kout

Berlin. © Jan Kout


Berlin bietet viel, aber was die Stadt am deutlichsten von Paris oder London unterscheidet und was sie so „angesagt“ macht, ist die Tatsache, dass man hier immer noch preiswert wohnen kann. Böse Zungen behaupten, dass die Gentrifizierung immer stärker um sich greift und man in Berlin vielleicht noch zwei oder drei Jahre billig leben können wird. Aber es ist gerade diese Möglichkeit, ohne viel Geld gut leben zu können, die dazu geführt hat, dass Berlin ein Anziehungspunkt für Kunst- und Kulturschaffende geworden ist, die hier eine pulsierende Subkultur geschaffen haben.

Die deutsche Subkultur zeichnet sich dadurch aus, dass junge Menschen kleine Einrichtungen als gemeinnützige Organisationen gründen, in denen sie als Freiwillige arbeiten und wo Konzerte, Ausstellungen und Theateraufführungen gegen ein freiwilliges Entgelt stattfinden. Ein Ziel dabei ist es zu zeigen, dass neue kreative Trends vor allem dort entstehen, wo finanzielle Zwänge keine große Rolle spielen. Während man in Prag solche Orte an einer Hand abzählen kann, findet man sie in Berlin, vor allem in bestimmten Stadtvierteln (Friedrichshain, Kreuzberg, Neukölln, Prenzlauer Berg), an jeder Ecke. Die Menschen sind in Sachen „Kultur“ ganz einfach engagierter und mutiger, und das hängt natürlich auch mit der Kulturpolitik des Staates zusammen.

Ausländer und Ausländerinnen

Meiner persönlichen Ansicht nach leben Ausländer und Ausländerinnen (vor allem die aus der EU) in Berlin besser. Aus der Slowakei und Tschechien war ich es gewohnt, dass die Auseinandersetzung mit Beamten einem Kampf zwischen Mächtigen und Untergebenen gleichen, deshalb habe ich mich psychisch auf ähnliche Zustände gefasst gemacht, als ich mich um meinen Aufenthaltsstatus kümmern musste. Ich war allerdings ganz schön überrascht, als ich auf dem Finanzamt einem Beamten begegnete, der lächelte und aussah, als würde er seine Arbeit mögen! Er half mir sogar dabei, ein Formular auszufüllen!

Jan Kout

Berlin. © Jan Kout


In Berlin gilt genauso wie überall, dass man bessere Chancen auf den Arbeitsmarkt hat, wenn man die Landessprache beherrscht. Mein Deutsch ist zwar immer noch nicht perfekt, aber dennoch habe ich hier in meinem Bereich (Kultur) bessere Arbeitsmöglichkeiten als in Prag. Obwohl ich in Brno studiert hatte, musste ich in Prag ganz von vorne anfangen. Neun Monate lang hatte ich einen Job im Kulturbereich gesucht, die Arbeit bekam ich dann schließlich auch nur aufgrund von Beziehungen. Auch wenn die Slowaken und Slowakinnen die größte Minderheit in Tschechien darstellen, herrscht unter den Tschechen die allgemeine Vorstellung, dass wer Tschechisch mit Akzent spricht, „einfach“ kein Tschechisch kann. Das war einer der häufigen Gründe, warum ich keine Arbeit bekommen habe. Und so hatte ich mich entschlossen, dass wenn ich schon einmal von vorne beginnen muss, ich es dann dort tue, wo ich das Gefühl habe, dass ich eine Chance bekomme und wo ich als Ausländerin einfacher leben kann. Also habe ich mir eine Stadt voller unterschiedlicher Kulturen und Identitäten ausgesucht, die ebenfalls an der Grenze zwischen West und Ost liegt. Man muss einfach nur in die U-Bahn steigen und je nach dem, wo man hinfährt, findet man andere Gesichter, Essgewohnheiten und Traditionen (das ehemals kommunistische Ostberlin ist jetzt trendy, während im Westen mehr Multikulti zu erleben ist).

Ach, Berlin...

Aber auch in Berlin ist nicht alles Gold was glänzt. Es ist die am höchsten verschuldete Stadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit (12,7 Prozent im September 2011) in Deutschland. Arbeit sucht hier so gut wie jeder. Auch ich. Prag muss allerdings sein Verhältnis zu Ausländern ändern (sowohl auf offizieller als auch auf persönlicher Ebene). Man muss dort begreifen, dass wir nicht nur zu Besuch sind, sondern dass wir der Stadt von Nutzen sind. Wir Ausländerinnen und Ausländer gehören nämlich zu Großstädten und sind ein Teil des jeweiligen Genius loci, denn Großstädte sollten Zentren der Vielfalt und Verschiedenheit sein.

Michaela Pňačeková 
stammt aus der Slowakei und lebt seit Januar 2011 in Berlin.

Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag 
Januar 2012

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