Comics als Gedächtnis

Foto: © Veronika Rollová

Impressionen vom Comic-Festival KomiksFEST! 2012 in Prag

Wer sich nicht vierteilte und zudem noch Urlaub nahm, für den war es aussichtslos, das gesamte Programm des Comic-Festivals zu absolvieren – so umfangreich war es. Im Folgenden also nur eine Auswahl dessen, was besonders bemerkenswert war.

Noch bevor das Festival überhaupt losging, haben sich die Organisatoren des KomiksFEST!es etwas Besonderes einfallen lassen und überraschten mit einer Benefiz-Auktion von sogenannten Vinyl Toys, signierte Figuren von 18 bedeutenden tschechischen Künstlern, Designern und Comic-Autoren. Diese wurden auf dem Portal aukro.cz versteigert, die Erlöse gingen zu Gunsten des Stiftungsfonds Pink Bubble, der krebskranken Kindern hilft. Dann folgte eine Woche voller Ausstellungen tschechischer und internationaler Comic-Autoren, thematischer Theater-Vorstellungen, Filmvorführungen und Podiumsgespräche. Höhepunkt des Festivals war die Verleihung der Comic-Preise Muriel und Arnal.

Alle Nominierten in der Kategorie beste Kurzgeschichte waren Autoren des Bandes Ještě jsme ve válce (Noch sind wir im Krieg), der vom Verein Post Bellum herausgegeben wurde. In der Prager Galerie MeetFactory fand eine gleichnamige Ausstellung statt. Dieses hochgelobte Projekt stellte den Besuchern in großen Formaten ausgewählte Comics aus dem erwähnten Buch vor. Ergänzt wurde dies durch die Aufführung eines Dokumentarfilms über Adolf Hoffmeister. Auf diese Ausstellung folgte dann die erste Präsentation der grafischen Arbeiten von Pavel Vošický mit dem Titel Patapolitický komiks in Tschechien – darin stellt er kommunistische Größen in komischen Situationen dar und zieht deren pompöse Darstellung auf Propagandaplakaten ins Lächerliche.

Comic als Spiegelbild der Realität

Am bemerkenswertesten war jedoch die erste Ausstellung in der MeetFactory mit dem Titel Geschichten des 20. Jahrhunderts. Dabei ging es nicht um Fiktion, sondern um 13 wahrhaftige Berichte von Zeitzeugen, welche von Mitgliedern des Vereins Post Bellum aufgezeichnet und an 13 bedeutende tschechische Comic-Zeichner zur visuellen Verarbeitung weitergegeben wurden. Dies ist ohne Zweifel ein aktueller Trend: Der Comic als eine Form, mit dem sowohl persönliche Geschichten als auch komplexere historische Ereignisse aufgezeichnet und dargestellt werden können. Da hierbei reale Begebenheiten erzählt wurden, kamen darin nicht nur Helden vor. Jedenfalls nicht im klassischen Sinn des Wortes.

Foto: © Veronika Rollová

Grafische Arbeiten von Pavel Vošický mit dem Titel Patapolitický komiks, Foto: © Veronika Rollová

So hat beispielsweise Mikuláš Kroupa, der Vereinsvorsitzende von Post Bellum, die Geschichte von Petr „Berounský“, einem Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes StB aufgezeichnet. Auf der Texttafel neben dem Comic beschreibt er in erster Linie, wie wechselhaft Petr seine eigenen Taten bewertet. Nach der Ausstrahlung einer Radiosendung, die sich mit seinem Schicksal beschäftigte, hörte er nämlich auf, sich mit seinem eigenen Versagen auseinanderzusetzen. Stattdessen fing er damit an, die Ereignisse zu verharmlosen, wobei er andere und sich selbst davon überzeugen wollte, dass es sich eigentlich um keine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit gehandelt habe. Wir haben es also mit der Geschichte eines konkreten Menschen zu tun, der aus „lauter guten Gründen“ eine Menge schwerer Fehler begangen hat. Sein Schicksal teilen jedoch in gewisser Weise eine ganze Reihe weiterer Menschen, die sich in kritischen Momenten ähnlich entschieden haben wie er.

Krieg mit den Augen eines Soldaten

Zu einem interessanten Vergleich forderte die Ausstellung Mein Heldenleben des italienischen Autors Igort heraus. Mit dem erwähnten Zyklus Noch sind wir im Krieg verbindet diese Story das Interesse an einzigartigen menschlichen Erfahrungen, die von komplizierten Umständen beeinflusst werden und in denen der Charakter des Erzählers zweideutig bleibt. Mein Heldenleben erzählt die Geschichte eines Mannes, der Soldat wurde, um helfen zu können. Stattdessen verlangte der Krieg jedoch etwas ganz anderes von ihm. Zunächst bemüht er sich, mit der schweren Situation zurechtzukommen. Auch in den Briefen an seine Familie verschweigt er seine aus der Kriegsrealität resultierende Desillusionierung.

Foto: © Veronika Rollová

Geschichten des 20. Jahrhunderts: Noch sind wir im Krieg, Foto: © Veronika Rollová

Als er im Laufe eines einzigen Nachmittags gezwungen wird, zwei unbewaffnete und wehrlose Menschen zu erschießen, kommt es zu einem Bruch in seinem Leben. Er selbst endet mit zwei amputierten Beinen im Rollstuhl. Obwohl die Situation in Tschetschenien von den Medien relativ gut dokumentiert wurde, lässt sich die tatsächliche Härte der Kriegsbrutalität und die Lebenstragik aller Beteiligten viel besser an einem konkreten Schicksal nachvollziehen.

Einen interessanten Kontext für die Wahrnehmung des Werks stellte – im Gegensatz zur MeetFactory mit ihren neutralen Ausstellungsräumen – das muntere Treiben im Antiquariat dar. Das permanente leise Gemurmel der Gespräche zwischen Verkäufer und Buchfreund bildete einen bemerkenswerten Kontrast zu den Angehörigen der russischen Armee, die in die tschetschenische Hauptstadt Grosny geschickt wurden.

Veronika Rollová
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
März 2013

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