„Es hat mich nicht mehr losgelassen“

Interview mit der Comicautorin Paula Bulling

Foto: © Paula Bulling
Paula Bullings Comic „Im Land der Frühaufsteher“ dokumentiert den politischen und gesellschaftlichen Umgang mit Asylbewerbern/innen in Sachsen-Anhalt. Foto: © privat

Flüchtlingspolitik wird in jedem Bundesland Deutschlands anders gehandhabt. Paula Bulling, 26, dokumentiert in ihrem in groben Schwarzweißbildern ausgeführten Debüt-Comic den politischen und gesellschaftlichen Umgang mit Asylbewerbern/innen in Sachsen-Anhalt. Sie hat sich selbst mit in die Bilder gezeichnet; die Lesenden können sie also bei ihren Recherchen zum Thema begleiten – bei ihren Besuchen in verschiedenen Asylbewerberheimen, im Afroshop, bei einer Freundin am Küchentisch oder bei einer Demo gegen die Residenzpflicht für Asylbewerber/innen.

Aus dieser Perspektive erzählt Bulling nicht nur von den einschränkenden staatlichen Auflagen für Asylbewerber/innen wie Arbeitsverbot, Essensmarken oder räumlicher Abschottung, sondern auch von Polizeigewalt, tagtäglichem Rassismus und Ignoranz. Sie thematisiert auch die Schwierigkeit, als weiße Autorin über Flüchtlinge, die Schwarze sind, zu sprechen. So gelingt es ihr, Machtverhältnisse lesbar zu machen – und damit eine politische Position einzunehmen. Mit fluter.de-Autorin Liz Weidinger sprach sie über ihre Arbeit an der Graphic Novel.

Paula, dein Comic widmet sich einem Thema, das zu selten in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird. Warum hast du es gewählt?

Genau aus diesem Grund: Weil mehr darüber gesprochen werden sollte. Rassismus und Flüchtlingspolitik sind wichtige und dringende Themen, gerade jetzt durch den bundesweiten Streik der Flüchtlinge. Ganz praktisch bin ich durch die Flüchtlingsselbstorganisation „The VOICE Refugee Forum“ mit der Problematik in engeren Kontakt gekommen – und die hat mich dann einfach nicht mehr losgelassen.

Abgelegene Flüchtlingsheime

Du hast ein halbes Jahr lang intensiv recherchiert. Wie hat sich das ergeben?

Ich habe damals in Halle Illustration studiert und hatte während des Wintersemesters 2008/2009 viel Zeit, in Sachsen-Anhalt unterwegs zu sein, um mit Asylbewerbern/innen zu sprechen und Flüchtlingsheime zu besuchen. Die liegen ja oft nicht in Städten, sondern abgelegen auf dem Land. Es ist rein logistisch gar nicht so einfach, diese Orte überhaupt zu erreichen. Während der Recherchen habe ich Menschen und Orte gezeichnet, Fotos gemacht und manchmal auch Gespräche aufgenommen.

Und wie ist daraus ein Comic entstanden?

Nach meinen Recherchen habe ich angefangen, daran zu arbeiten und bin gleichzeitig auch „no lager halle“ beigetreten, einer Gruppe, die Kontakte in Flüchtlingsheime aufbaut und hält, Kampagnen organisiert und vieles mehr. Künstlerisch war ich auf der Suche nach der richtigen Form, um die komplexen Zusammenhänge beschreiben zu können. Anfangs habe ich einfach Erlebnisse gezeichnet, über die ich noch weiter nachdenken wollte. Und als ich gemerkt habe, dass aus diesen Fragmenten etwas entsteht, habe ich begonnen, mich konkreter mit Aufbau und Inhalt eines Buches zu beschäftigen.

Du dokumentierst in deinem Comic auch Probleme, auf die du bei der Recherche gestoßen bist. Beispielsweise die Schwierigkeit, als weiße Autorin über Flüchtlinge, die Schwarze sind, zu sprechen.

Mir war sehr wichtig, nicht von außen auf ein Problem zu zeigen, sondern auch mein eigenes Wirken zu reflektieren. Ich bin auch froh, die Szene auf der Demonstration im Buch zu haben. Darin geht es darum, dass mich ein Bekannter auf das größte Problem des Comics anspricht, nämlich ob ich als weiße Autorin eines Comics über Asylbewerber/innen nicht die diskursive Struktur reproduziere, in der Weiße über Schwarze sprechen und damit die „Wahrheit“ über ein bestimmtes Thema für sich beanspruchen. Dieses Problem ist für mich bis heute nicht gelöst. Es zu thematisieren ist der erste Schritt.

Arm und zur Untätigkeit gezwungen

Nicht nur deine eigene Positionierung wird in dem Comic anschaulich dargestellt, sondern auch die einschränkenden Lebensverhältnisse der Asylbewerber/innen. Sie erhalten zum Teil nur Gutscheine für Essen und Kleidung. Inwieweit haben Armut und Asylpolitik etwas miteinander zu tun?

Sie sind untrennbar miteinander verbunden. Erst im Sommer hat das Bundesverfassungsgericht eine Revision des Asylbewerberleistungsgesetzes angeordnet. Die Leistungen wurden gerade auf die Höhe der Hartz-IV-Sätze angehoben. Das heißt, Asylbewerber/innen lebten bis vor kurzem unter dem Existenzminimum. Die Auszahlung der Sätze steht auch immer in Zusammenhang mit der Mitwirkung an bürokratischen Prozessen – was oft bedeutet, an der eigenen Abschiebung mitzuwirken. Armut oder die Androhung von Armut sind also auch eine Form der Kontrolle. Und die materielle Armut geht mit der Armut an Möglichkeiten einher. Beides zusammen bewirkt die gesellschaftliche Isolation, die für viele so schlimm ist.

Armut wird nicht als Grund anerkannt, um als Flüchtling Asyl zu bekommen. Im Gegensatz zu politischer Verfolgung oder der Bedrohung des Lebens, beispielsweise aufgrund einer bestimmten Religionszugehörigkeit oder Staatsangehörigkeit.

Ich sehe es sehr kritisch, dass wirtschaftliche Gründe, deretwegen sich jemand ein neues Zuhause sucht, nicht gelten. In meinem Comic tauchen keine Gründe für die Flucht der Asylbewerber/innen auf, weil ich ganz klar die Diskussion darum vermeiden wollte, wer ein Recht hat, hier zu sein, und wer nicht. Mein nächstes Buch, das ich zusammen mit meinem Kollegen Maman Salissou Oumarou mache – im Comic heißt er Farid –, wird sich auf einer anderen Ebene mit Fluchtgründen beschäftigen. Wir wollen die Geschichte eines jungen Mannes aus Niger erzählen, der seine Heimat verlässt. Salissou schreibt die Geschichte und entwickelt das Szenario, ich mache die Zeichnungen. Kommendes Jahr fahren wir nach Niger, um dort zu recherchieren und danach die Arbeit an dem Buch zu beginnen.



Paula Bulling: Im Land der Frühaufsteher (Avant-Verlag 2012, 125 S., 17.95 €)


In Zusammenarbeit mit fluter.de, dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung

Liz Weidinger
schreibt für Zeitungen und Online-Magazine. Sie lebt in Hamburg.

fluter.de
Januar 2013
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