Der Witz ist fehl am Platz

Foto (Ausschnitt): ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv | Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) | Com_M07-0074-0001 | CC BY-SA 4.0 Foto (Ausschnitt): ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv | Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) | Com_M07-0074-0001 | CC BY-SA 4.0
Max Frisch (links) im März 1958 bei einer Theaterprobe im Zürcher Schauspielhaus, Foto (Ausschnitt): ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv | Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) | Com_M07-0074-0001 | CC BY-SA 4.0

Was ist Humor? Danach fragte der Schweizer Schriftsteller Max Frisch in einem seiner berühmten Fragebögen. In der Philosophie gibt es eine Definition.

Ist Humor objektiv? Der Alltagsgebrauch des Begriffes suggeriert es. Da ist von „gutem“ und von „schlechtem“ Humor die Rede. Dies dient zwar in erster Linie der sozialen Abgrenzung und ist insofern subjektiv. Immerhin jedoch geht eine Unterscheidung zwischen gutem und schlechtem Humor von der Existenz des Humors als feststehender Größe aus. So mag ein Mensch einen schlechten Humor haben, humorlos ist er trotzdem nicht.

Danach, was Humor im Kern ist – und keineswegs nur danach, welche Funktion Humor erfüllt – fragte Max Frisch in einem seiner berühmten Fragebögen aus dem posthum veröffentlichten Tagebuch. Frischs Fragebogen bildete die Recherchegrundlage für diesen Artikel. Einer Gruppe von zehn Personen sowie einem Philosophen wurden einige von Frischs Fragen vorgelegt. Das Ergebnis war erstaunlich: Die Antworten der Umfrageteilnehmer ähnelten sich extrem.

Der feine Unterschied

Wovon sprechen wir, wenn wir von Humor sprechen? Max Frisch näherte sich dieser Frage über einen gedanklichen Umweg:

Wie unterscheiden sich Witz und Humor?

Für alle Befragten ist Humor entweder eine Lebenseinstellung, eine Fähigkeit oder eine Charaktereigenschaft. Witz bezeichneten die meisten Teilnehmer der Umfrage als situativ oder flüchtig. Im Gegensatz dazu sei Humor immer da. „Der Humor ist der Schirm aller Witze“, sagte eine Teilnehmerin, ein anderer Teilnehmer sieht den Unterschied in Aktivität und Passivität: „Witz kreiert, Humor konsumiert.“ Auch hier kommt ein objektives Humorverständnis zum Ausdruck, das ein Umfragekandidat mit den Worten auf den Punkt bringt: „Man kann Humor haben, ohne witzig zu sein.“

Lachen mit sich selbst

Bedeutet das, dass man – anders als für den Witz – kein Gegenüber braucht, um Humor zu haben – oder, mit Max Frisch gefragt:

Haben Sie Humor, wenn Sie alleine sind?

Alle Befragten antworteten auf diese Frage mit einem eindeutigen Ja und verwiesen entweder auf Beobachtungen im Alltag, die sie auch alleine zum Lachen bringen oder auf die Erinnerung an lustige Situationen, die auch im Nachhinein noch amüsant seien. Ob alle Umfragekandidaten ehrlich auf die im Anschluss an diese von Max Frisch gestellte Frage antworteten, ob sie noch Humor hätten abzüglich aller Witze, die auf Kosten Dritter gingen, sei dahingestellt. Kein Teilnehmer outete sich als jemand, der am liebsten über andere lacht. Im Gegenteil: Mehrere Befragte gaben zur Antwort, dass sie meist über sich selbst lachten – oder über eigentlich sinnlose Bemerkungen oder Wortspiele, die „einen trotzdem zum Lachen bringen“.

Gespalten zeigte sich die Gruppe der Befragten lediglich bei einer Frage, nämlich:

Wenn Sie von einem Menschen sagen, er habe Humor: Meinen Sie damit, dass er Sie zum Lachen bringt oder dass es Ihnen gelingt, ihn zum Lachen zu bringen?

Zwar reagierten auf diese Frage die meisten Teilnehmer impulsiv mit „beides“. Häufig wurde die Antwort jedoch im Anschluss korrigiert oder zumindest präzisiert. Tendenziell bedeutet humorvoll zu sein für die meisten der Befragten, andere zum Lachen bringen zu können – auch wenn das dem Unterschied widerspricht, den die meisten zwischen Witz und Humor sahen.

„Jeder kann lachen“

Für John Morreall besteht Humor in erster Linie darin, sich über etwas amüsieren zu können. Der emeritierte Philosophie-Professor am College of William and Mary im US-amerikanischen Williamsburg forscht und publiziert seit Jahrzehnten zum Thema Humor. Sein 2009 veröffentlichtes Buch Comic Relief: A Comprehensive Philosophy of Humor (Befreiung durch Lachen: Eine umfassende Philosophie des Humors) zählt zu den Standardwerken in der Humorphilosophie.

„Menschen werden mit der Fähigkeit zu lachen geboren. Babys lachen mit etwa vier Monaten zum ersten Mal. Was erlernt wird, ist die Fähigkeit, mit Worten Humor herzustellen. Diese Fähigkeit entwickelt sich bei manchen Menschen stärker, bei anderen weniger stark – ähnlich wie bei musikalischem Talent. Was jedoch jeder Mensch hat, ist die Fähigkeit, Inkongruität wahrzunehmen.“ Was bedeutet das?

Lachen über verletzte Erwartungen

Die Inkongruitätstheorie ist das vorherrschende Konzept in der Humorphilosophie. Sie besagt, dass Menschen von etwas amüsiert werden, das etwas Inkongruitäres, das heißt etwas Unpassendes oder Paradoxes aufweist, „etwas, das fehl am Platz ist und deshalb die Erwartungen des Adressaten verletzt“, erklärt Morreall. Weil die Wahrnehmung des Unangebrachten individuell ist, gibt es laut Morreall keine inhaltlichen Regeln für Humor. Humor kann also genauso bedeuten, über einen schlechten Witz zu lachen wie Ironie, Sarkasmus oder Zynismus – „jegliche Kommunikationsform, deren Intention es ist, Menschen zu amüsieren.“

Macht die Unterscheidung zwischen Witz und Humor also Sinn? Nein, findet der Philosoph. Witz, sagt Morreall, ist eine spezifische Erscheinungsform von Humor, und zwar eine clevere, verbale.


Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Oktober 2015

    Max Frisch

    Max Frisch (* 15. Mai 1911 in Zürich; † 4. April 1991 ebenda) war ein Schweizer Schriftsteller und Architekt. Mit Theaterstücken sowie seinen drei großen Romanen fand Frisch Eingang in den Schulkanon. Darüber hinaus veröffentlichte er Hörspiele, Erzählungen und kleinere Prosatexte sowie zwei literarische Tagebücher.

    Im Zentrum von Frischs Schaffen steht häufig die Auseinandersetzung mit sich selbst, wobei viele der dabei aufgeworfenen Probleme als typisch für den postmodernen Menschen gelten: Finden und Behaupten einer eigenen Identität, insbesondere in der Begegnung mit den festgefügten Bildern anderer, Konstruktion der eigenen Biografie, Geschlechterrollen und ihre Auflösung sowie die Frage, was mit Sprache überhaupt sagbar sei.

    Quelle: wikipedia

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