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Im interkulturellen Garten verwurzelt

Foto: © Allmende KontorFoto: © Allmende Kontor
Hochbeete des interkulturellen Gartens auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, Foto: © Allmende Kontor

Gärtnern in der Stadt ist als Urban Gardening ein Trend. Manchen bietet der urbane Garten darüber hinaus Verwurzelung, Deutschkurs, Austausch und ein Stück (neue) Heimat. Interkulturelle Gärten sind für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ein Treffpunkt – aber auch Boden unter den Füßen und Erde in den Händen.

Gerda Münnich ist in das Thema komplett reingerutscht. Im Spreewald groß geworden, wohnt sie nun schon seit mehr als 50 Jahren in Berlin. Sie studierte Bankorganisation, dann Finanzwirtschaft und Angewandte EDV – heute wird dieser Studiengang Wirtschaftsinformatik genannt. Als Ausgleich brauchte sie schon immer Pflanzen und Grün um sich herum. „Ich wollte vor zwölf Jahren eigentlich nur den ersten Gemeinschaftsgarten für Migranten in Berlin unterstützen. Und plötzlich war da neben dem Gärtnern auch das Thema Integration und die Gartenorganisation aktuell.“

Münnich ist eine der Mitbegründerinnen des Wuhlegartens: 2003 entstand weit im Osten Berlins dieser erste interkulturelle Garten. Der Garten liegt in einem Stadtteil, der von Spätaussiedlern aus unterschiedlichen Teilen der ehemaligen Sowjetunion geprägt ist. Diese hätten den Garten gerne ganz für sich übernommen. Doch bei der Vergabe der Gartenbeete wurde der Migrantenanteil im Stadtbezirk ganz bewusst gespiegelt: ein Drittel ex-sowjetisch, ein Drittel vietnamesisch und ein letztes Drittel für „den Rest der Welt” – einzelne Neugärtner aus mehreren Ländern weltweit.

Analphabeten treffen auf Akademiker

Besonders zum Thema Integration bekam das Projekt von Anfang an viel Aufmerksamkeit. Gemeinsam wurden Beete angelegt, Feste gefeiert, die Nachbarn waren neugierig und Integrationsbeauftragte kamen vorbei. Ein so interessanter Ort und das im Berliner Osten – das war oft die erstaunte Reaktion der Besucher. Das müsste bei uns im Stadtteil doch auch funktionieren, dachten daraufhin viele.

Verschiedene interkulturelle Gärten entstanden in den folgenden Jahren – Münnich kennt sie alle: „Wir wurden immer gelobt, aber keiner in Politik und Verwaltung war für diese neuen Gärten richtig zuständig. Von Amt zu Amt gab es die verschiedensten Ansprechpartner“, erinnert sich Münnich. Um den Überblick zu behalten, um ihre Bestrebungen zu vernetzen und darüber zu informieren, musste eine Arbeitsgemeinschaft her. Und diese brauchte wiederum einen Standort – am liebsten natürlich einen Garten. 2010 ergab sich die langersehnte Chance auf eine gemeinsame Info- und Vernetzungsstelle für neue und bestehende interkulturelle Gärten: Zwei Jahre nach der Schließung des Flughafens Tempelhof ließ die Stadt Pionierprojekte auf dem Feld zu. Das Allmende-Kontor – so nannten sie sich nun – bekam 5.000 Quadratmeter auf dem Feld. Die 250 Hochbeete und die Beratungs- und Vernetzungsstelle sind inzwischen über die Grenzen von Berlin und Deutschland hinaus bekannt geworden.


In Berlin gibt es heute bereits mehr als 100 interkulturelle Gärten, weitere sind im Aufbau. Gärtnern zur Unterstützung von Integrationsprozessen hat für Münnich einen entscheidenden Vorteil: „Unsere Gärten sind leicht zugänglich, jeder kann kommen, es kostet keinen Eintritt, man muss sich nicht erklären. Zudem müsse man sich zum Gärtnern nicht besonders kleiden, man braucht keine Angst zu haben, etwas nicht zu können. „Keiner fragt dich hier nach Beruf oder Einkommen“, so Münnich. Und in dieser lockeren Atmosphäre können die Menschen ungezwungen miteinander ins Gespräch kommen. Analphabeten treffen im Garten auf Akademiker, auch wenn sie im Alltag kaum miteinander zu tun haben und vielleicht nicht in die gleichen Gaststätten gehen würden. „Manche können vielleicht besser reden und organisieren, andere wollen lieber nur gärtnern. So kann jeder seine Aufgabe und seinen Platz im Garten finden.“

Es geht um das friedliche Zusammenleben unterschiedlichster Menschen

Deutschkenntnisse werden gefördert, obwohl die Beherrschung der Sprache keine Voraussetzung ist. Da die Muttersprachen so divers sind, einigt man sich ganz pragmatisch schnell auf Deutsch. „Man will und muss kommunizieren, etwa um organisatorische Dinge zu regeln. Wir sagen aber nicht: Hier wird nur Deutsch gesprochen“, erklärt Münnich. Wenn sich zum Beispiel Frauen aus fernen Ländern im Garten kennenlernen und sich hier in ihrer Muttersprache unterhalten können, bedeute dies für manch eine auch ein Stück Heimat und erleichtere ihr die Ankunft in der Fremde.

Dem Begriff der Integration steht Münnich kritisch gegenüber: „Eigentlich geht es um das normale friedliche Zusammenleben unterschiedlichster Menschen. Viele praktizieren dies tagtäglich ohne den Begriff vor sich her zu tragen – das ist doch das Entscheidende!“ Und sie betont, dass sich mit den neu Zugewanderten immer auch etwas in Deutschland verändere. Es geht ihr nicht um Anpassung, sondern darum, dass die Menschen voneinander lernen und sich akzeptieren. In den Gärten hat jeder etwas für die Gemeinschaft zu bieten. Die Beete der Nachbarn werden aufmerksam beobachtet. „Saatgut wird hier selbst vermehrt und untereinander getauscht, Teile der Ernte verschenkt, es wird zusammen gekocht und gegessen.“ Und manchmal entsteht daraus sogar ein kleines Geschäft: Im Pyramidengarten in Berlin-Neukölln etwa, wo die Gärtnerinnen aus ihrer Ernte Chutneys und Fruchtaufstriche herstellen und verkaufen.

Werte muss man praktizieren und vorleben

„Wir haben Normen und Werte, die man nicht aufgeben darf. Die Frage ist, wie man dies Menschen, die neu ins Land kommen, richtig vermittelt“, so Münnich. Und wieder sei das gemeinsame Gärtnern eine Lösung: „Zum Beispiel die Gleichberechtigung von Mann und Frau: die kann man nicht einfach nur erklären, man muss sie praktizieren und vorleben.“ Gleichzeitig seien Gärten in arabischen Kulturen akzeptierte Orte, wo Frauen sich aufhalten und austauschen können. „Diese Freiräume bräuchten aktuell die Flüchtlinge.“ Das müssten auch nicht unbedingt Gärten sein, findet Münnich. Aber: „In den meisten der Herkunftsländer findet das Leben nach der Arbeit draußen statt. Und was braucht der Mensch außer einem Dach über dem Kopf? – Einen Garten!“, da ist sich Gerda Münnich sicher.

Christine Bertschi

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Januar 2016
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