Von Kirmes zu Kirmes

Foto (Ausschnitt): Arne List, CC BY-SA 2.0

„Wenn wir Zuhause sind, fahren wir in Urlaub!“

Foto: Foto (Ausschnitt): Arne List, CC BY-SA 2.0
Foto (Ausschnitt): Arne List, CC BY-SA 2.0

Der 16-Jährige Mario Weber lebt in einer Schaustellerfamilie und reist neun Monate im Jahr von Kirmes zu Kirmes. Und wenn er dann schon mal zu Hause ist, packt ihn doch wieder das Fernweh…

Wie viele Schulen er denn in seinem Leben schon besucht hat? Mario Weber weiß spontan keine Antwort… Vielleicht waren es zehn? Vielleicht auch fünfzehn? Seitdem er denken kann, reist der 16-Jährige jedes Jahr von April bis Dezember mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder durch Nordrhein-Westfalen und Deutschland – von Kirmes zu Kirmes, von Stadt zu Stadt, von Schule zu Schule. Die Webers betreiben ein Kinderkarussell und eine Imbissbude. Zu Hause im westfälischen Lippstadt sind die Schausteller nur in den Wintermonaten oder wenn zwischendurch mal für eine oder zwei Wochen keine Veranstaltungen anstehen.

Gemeinsames Kinderzimmer? Nein, Mario und sein Bruder leben im Wohnwagen

Während der Reisezeit bleibt Marios Familie in der Regel nur für drei bis fünf Tage an einem Ort. Kurz vor Beginn der Kirmes reisen sie an, um ihre Wohnwagen und ihre Geschäfte aufzubauen. Marios Eltern schlafen in einem Wohnwagen, in dem anderen sind der 16-jährige Mario und sein 10-jähriger Bruder auf der Reise untergebracht. „Wir streiten uns natürlich schon manchmal, wie das so unter Brüdern ist“, gibt Mario zu. „Aber gemeinsam in einem Wohnwagen zu leben, ist auch nicht so anders als das Leben in einem Haus. Nur, dass wir da zwei getrennte Zimmer haben…“

Foto (Ausschnitt): Kimba Reimer, CC BY 2.0
Wagen an Wagen: Viel Privatsphäre bleibt Schaustellern während der Saison nicht. Foto (Ausschnitt): Kimba Reimer, CC BY 2.0

Wagen ausrichten, Kinderflugzeuge montieren, Tickets verkaufen… bei den alltäglichen Arbeiten auf dem Kirmesplatz packen Mario und sein Bruder selbstverständlich mit an: „Wir müssen uns natürlich um die Arbeit kümmern, die so anfällt. Also wenn etwas kaputt geht, repariere ich das gemeinsam mit meinem Vater“, erzählt der Schüler. „Aber vormittags oder nach Feierabend haben wir schon manchmal Freizeit. Je nachdem, was es in der Nähe gibt, gehen wir dann zum Beispiel in die Stadt oder in ein Schwimmbad.“ Seine Freizeit verbringt Mario gerne mit Freunden, die selbst Schausteller sind und die er immer wieder auf den gleichen Veranstaltungen trifft. Und mit seinen Freunden von Zuhause hält er per Handy oder Facebook Kontakt.

Sesshaft werden? Kommt nicht in Frage! – Trotz manch schwieriger Momente

Mit den Mitschülern der Schulen, die Mario besucht, wenn die Familie unterwegs ist, hat er dagegen selten Freundschaften knüpfen können: „An einigen Schulen gab es zwar nette Leute, die mir alles gezeigt und sich mit mir auch ein bisschen unterhalten haben. Aber oft wurde ich von den Klassenkameraden auch komplett ignoriert. Das war nicht immer einfach für mich.“ Zum Glück kam Mario wenigstens mit dem Stoff ganz gut zurecht, weil immer mal wieder Lehrer auf die Kirmesplätze kamen, um ihm und den anderen Schaustellerkindern im Wohnwagen Nachhilfeunterricht zu geben.

Insgesamt ist das Leben auf der Reise für Mario aber einfach völlig normal: „Ich bin der Typ, der gern unterwegs ist. Und ich bin das seit meiner Geburt gewohnt, genau wie meine Eltern. Das ist schon seit Generationen so“. Kein Wunder also, dass Mario und seine Familie auch während der dreimonatigen Winterpause nicht einfach zuhause bleiben wollen, sondern die Weihnachtsferien regelmäßig mit Urlaub in anderen Ländern verbringen. Mario besucht jetzt gerade die 10. Klasse und wird in diesem Jahr noch seinen Schulabschluss machen. Und danach? Will er erst mal bei seinen Eltern weiterarbeiten und dann so bald wie möglich seinen Führerschein und sein eigenes Gewerbe anmelden – als Schausteller natürlich!

Janna Degener

Copyright: Goethe-Institut Prag
Juli 2013

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