Reisen erfüllt Träume

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Heřman auf seinem Handbike. Foto: © privat

Das Leben ist eine Reise. Manchmal scheint alles so selbstverständlich zu sei, dass kaum jemandem einfiele, es könnte völlig anders sein. Heřman Volf (1965) war immer aktiver Sportler gewesen – er bestieg Berge, schwamm, machte Speerwurf, widmete sich Kanu- und Radfahren. Vor sieben Jahren hatte er jedoch einen schweren Ski-Unfall. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Nun hatte er zwei Möglichkeiten: aufgeben oder kämpfen. Er hat sich für letztere entschieden. Dank seines starken Willens und seiner Ausdauer konnte er nicht nur die eigenen Träume erfüllen, sondern auch die vieler anderer Menschen.

Der gemeinnützige Verein Centrum Paraple wurde für Heřman zum „Sprungbrett“. Dort half man ihm nicht nur ins „normale“ Leben zurückzukehren. Dort erkannte er auch, was alles mit einem Rollstuhl möglich ist. So probierte er beispielsweise Monoski aus, und vor allem lernte er das sogenannte Handbike kennen, ein Fahrrad, das ausschließlich mit den Händen betrieben wird. „Meine erste Fahrt war nur ein paar Kilometer lang, aber ich habe augenblicklich begriffen, dass man ganz von vorne anfangen muss. Nicht nur in Bezug auf Sport, sondern auch bei den alltäglichen Dingen, denn nur so wird man für seine Familie nicht zur Belastung. Sport ist außerdem für Rollstuhlfahrer schon allein deshalb wichtig, damit sie es alleine ins Auto oder unter die Dusche schaffen, selbst einkaufen, kochen oder einfach nur mit Freunden einen Ausflug machen können“, erklärt Heřman.

Vor der Norwegen-Reise mit dem damaligen Prager Oberbürgermeister und Kindern, die an der Reise teilgenommen hatten, Foto: © privat

Sieg in Frankreich

Die neu gewonnene Entschlossenheit trieb Heřman weiter an, und auf einmal hatte er Lust, etwas Ungewöhnliches zu tun. Etwas, das seinen Sieg über die Behinderung symbolisiert. Und so entschloss er sich, mit dem Handbike von Prag bis zum Pariser Triumphbogen zu fahren. „Ich wusste, dass ich mich nicht mehr selbst bedauern und über die Ungerechtigkeit des Schicksals jammern würde, wenn ich das schaffe“, erklärt er seine Motivation.

Die Vorbereitungen für diese Reise begannen schon fast ein Jahr vor dem Start. Obwohl Heřman ursprünglich beabsichtigt hatte, ohne Training loszufahren, änderte er seine Meinung schließlich. Er begann nicht nur auf dem Handbike, sondern auch auf einem speziell gefertigten Trimm-dich-Rad zu trainieren. „Vorbereitung ist natürlich wichtig, aber für mich war es das Wichtigste, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich das will und dass ich das schaffe. Man darf nicht anfangen zu zweifeln. Wenn man nicht daran glaubt, kann so gut trainiert sein wie man will und neigt trotzdem dazu aufzugeben.“ Heřman und seine Begleiter erreichten schließlich nach 17 Tagen und 1355 gefahrenen Kilometern die französische Hauptstadt.

Ursprünglich wollte sich Heřman nur seinen eigenen Traum erfüllen, sich selbst etwas beweisen. Es wurde ihm jedoch klar, dass es ihm viel mehr gibt, wenn er andere motiviert. Mit Hilfe des Vereins Konto Bariéry organisierte er eine Spendensammlung zur Unterstützung von sportlichen Aktivitäten behinderter Menschen; damit zeigte er allen, dass es sich lohnt zu kämpfen. Dabei blieb es jedoch nicht. Seine Paris-Fahrt war der Impuls für die Entstehung des langfristigen Projektes Cesta za snem (etwa: Traum-Reise), in dessen Rahmen Heřman weitere Exkursionen quer durch Europa unternahm, wobei er jedes Mal eine andere Himmelsrichtung einschlug und jedes Mal ein bestimmte Mission verfolgte.

Einer der wenigen Momente der Ruhe, Foto: © privat

„Treck nach Osten“

Als erstes ging es in die Slowakei, nach Bánská Bystrica. Obwohl es scheinen könnte, dass diese 664 Kilometer im Vergleich zur Paris-Fahrt ein Klacks sind, gestaltete sich diese Reise für das gesamte Team deutlich komplizierter. „Die Fahrt in die Slowakei hatten wir als etwas anspruchsvollere Camping-Reise konzipiert, also wurde alles auf dem Fahrrad mitgeschleppt – Rollstuhl, Essen, Kleidung. Es regnete jeden Tag und wir übernachteten auf Camping-Plätzen in Zelten“, erinnert sich Heřman an diese Expedition und gibt zu, dass er manchmal drauf und dran war alles hinzuschmeißen und das Projekt abzubrechen. „Aber egal, was ich am Abend vorher sagte oder dachte, hieß es am nächsten Morgen: ,Rauf auf’s Rad und weiter geht’s‘“, beschreibt Heřman seine Entschlossenheit. „Es ist noch nie passiert, dass ich aufgegeben hätte. Das ist alles Kopfsache, und solange man nicht vor sich selbst in die Knie geht, gelingen einem auch unmögliche Dinge.“

Geistige Mission und Erfüllung von Kinderträumen

2011 brachen Heřman und sein Team auch in den Vatikan auf, um den Segen des Heiligen Vaters allen tschechischen Rollstuhlfahrern zu überbringen. Allerdings traten diesmal Komplikationen auf. „Während dieser Reise bin ich zum ersten Mal mit dem Handbike umgekippt. Das passierte in Deutschland, und ausgerechnet in Marktl, dem Geburtsort des damaligen Papstes Benedikt XVI. Da hatte ich den Gedanken, ob das nicht eine Prüfung ist, ob wir die Richtigen sind, die die Botschaft der tschechischen Rollstuhlfahrer überbringen sollen.“ Am Ende ist aber alles gut gegangen, und Hermann konnte nach drei Wochen und nahezu 1700 gefahrenen Kilometern den päpstlichen Brief überbringen.

Die bisher letzte Reise, die Heřman unternahm, führte ihn nach Nordeuropa, auf den Gipfel des norwegischen Berges Gaustatoppen. Jeden Tag, den er auf seinem Handbike fuhr, widmete er symbolisch einem bestimmten Kind mit Behinderung – mit der Hilfe von Sponsoren konnte er somit jedem dieser Kinder einen Traum im Wert von maximal 50.000 Kronen (etwa 2000 Euro) erfüllen. „Insgesamt konnten 23 Kinder derart beschenkt werden. Ich bin mit ihnen bis heute in Kontakt, und ich muss sagen, dass sie meine Sichtweise auf das Leben verändert haben. Das, was ich geschafft habe, ist nichts im Vergleich zu dem, was diese Kinder jeden Tag leisten“, so Heřman. Der Norwegen-Trip war für ihn gleichzeitig der körperlich anstrengendste, da er täglich 170 Kilometer zurücklegen musste. Zu Anfang lastete eine große Verantwortung auf ihm, aber es waren gerade die Kinder, die ihm dabei halfen, die Erschöpfung zu überwinden und die ihm die Sicherheit gaben, dass er es schafft. Eine große Stütze sind für Heřman auch seine beiden Töchter und vor allem sein Vater, der mit seinen 75 Jahren seinen Sohn auf allen Reisen mit dem Fahrrad begleitete.

Nach der Rückkehr von einer der Reisen, Foto: © privat

„Kein Grund zu warten“

Nach diesen vier bahnbrechenden Expeditionen ist Heřman und seinem Freund Miloslav Doležal klar geworden, dass die Traum-Reisen weitergetragen werden müssen. Deshalb organisieren sie Filmvorführungen und Diskussionen an Schulen und in Behinderteneinrichtung. Damit wollen sie nicht nur Menschen mit Behinderung stets daran erinnern, dass man niemals aufgeben darf.

Heřman selbst denkt oft darüber nach, ob er das alles auch dann gemacht hätte, wenn er normal laufen könnte. Er glaubt, dass es in diesem Fall für immer nur sein unerfüllter Traum geblieben wäre. „Vor dem Unfall lebte ich wie die meisten Menschen. Immer in Eile und nie Zeit für das, was wir wirklich wollen. Zuerst die Arbeit und Träume und Sehnsüchte werden auf später verschoben. Nach dem Unfall wurde mir klar, dass man es sofort umsetzen muss, wenn man etwas machen will. Denn morgen besteht vielleicht nicht mehr die Möglichkeit“, schließt Heřman Volf.

Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
August 2013

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