Immer der Nase nach? Von wegen!

Foto: Clemens v. Vogelsang, CC BY 2.0 Foto: Falk Lademann, CC BY 2.0
Egal ob Kuhmist oder... Foto: Falk Lademann, CC BY 2.0

Ob Müll, Kotze oder Scheiße – eklige Gerüche muss Corinna Meier nicht ertragen. Doch sie hat auch keine Vorstellung davon, wie Blumen, Parfüms oder ein verregneter Sommertag riechen. Corinna leidet an einer falsch behandelten chronischen Lungen- und Atemwegserkrankung und hat ihren Geruchssinn schon als kleines Kind fast völlig verloren.

Wenn jemand im Bus oder in der U-Bahn gebrochen oder gefurzt hatte, beschwerten sich ihre Freundinnen über den Gestank. Und später auf dem Schulhof diskutierten die Mitschüler dann über irgendwelche Parfüms. Corinna konnte da nicht mitreden, denn sie konnte nicht riechen: Seit ihrer Geburt leidet die heute 30-Jährige an einer chronischen Lungen- und Atemwegserkrankung, die zu einem Verlust des Geruchsinns führt. Bei Corinna wurde dieser Prozess noch beschleunigt, weil ihre nichtsahnende Mutter ihren andauernden Schnupfen schon zu Babyzeiten mit einem ungeeigneten Nasenspray behandelte. Corinna war das lange Zeit völlig egal. Sie fand sich einfach damit ab, dass es bestimmt Themen gab, die sie nicht so interessierten.

„Ich wusste doch nicht, dass Schweiß riecht“

Doch dann kam dieser Tag, den sie bis heute nicht vergisst und der ihr irgendwie immer noch peinlich ist. Zu ihrem 17. Geburtstag bekam Corinna von ihren Freundinnen ein Deo und ein Duschgel geschenkt und zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, dass sie selbst vielleicht manchmal einen unangenehmen Geruch verbreitet. „Ich konnte mir schon vorstellen, dass man stinkt, wenn man sich in dreckigem Sand gesuhlt hat oder viel Alkohol getrunken hat. Aber dass auch Schweiß einen unangenehmen Geruch verbreitet, erfuhr ich erst dann“, erinnert Corinna sich heute.

Sie wusch sich jetzt pingeliger als zuvor – und wurde trotzdem später noch einmal von ihrer Schwester und einmal von ihrem Freund darauf hingewiesen, dass sie „ein bisschen riecht“. Für Corinna war das jedes Mal ein Schock. Schockiert war sie auch, als sie einmal am Mittagstisch gefurzt hatte und ihre Schwester dann sagte: „Hier stinkt’s!“. Irgendwann begann Corinna also, ihre engen Freunde zu diesem Thema auszufragen und erfuhr zum Beispiel, dass Angstschweiß besonders stark riecht. „Ich hab dann quasi auswendig gelernt, in welchen Situationen das ein Problem sein könnte. Und ich habe mich immer wieder daran erinnert, darauf zu achten“, sagt Corinna.

Foto: Clemens v. Vogelsang, CC BY 2.0
... Blütenduft. Corinna kann es nicht riechen. Foto: Clemens v. Vogelsang, CC BY 2.0

„Ich hätte die Nachbarn niemals warnen können“

Aber es gab auch andere unangenehme und sogar gefährliche Situationen: Beim Babysitten zum Beispiel hatte sie einmal sehr viel Stress, und vergaß, den kleinen Jungen zu wickeln. Er hatte dann einen wunden Po und tat ihr sehr leid: „Ich wusste zwar: Wenn ich es gerochen hätte, hätte ich ihn sofort gewickelt. Aber trotzdem habe ich mich schuldig gefühlt“, meint Corinna. Und als es in ihrer WG einmal brannte, war zum Glück ihre Mitbewohnerin in der Nähe, denn Corinna hat den Rauch nicht gerochen. Überhaupt setzt Corinna immer mehr auf die Hilfe von Familienmitgliedern und Freunden: Sie weiß jetzt, dass einige Leute im Zweifelsfall auch mal für sie an ihrem Pulli schnuppern, andere das aber irgendwie eklig finden. Beim Babysitting bittet sie manchmal größere Kinder um Hilfe. Und trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen sie Angst davor hat, unangenehm aufzufallen, zum Beispiel bei der Arbeit.

„Thymian schmeckt für mich einfach nach Blatt“

Inzwischen weiß Corinna auch, dass ihr durch ihre schlechte Nase Dinge entgehen, die anderen sehr wichtig sind: „Ich kann mit Gerüchen zum Beispiel keine Situationen und Erinnerungen verbinden. Aber ich kann es mir schon ungefähr vorstellen, weil ich das von der Musik kenne“, meint sie. Und wegen ihres schlechten Geruchsinns kann Corinna auch nicht besonders gut schmecken: Scharf, süß und salzig kann sie zwar unterscheiden, aber Thymian, Petersilie oder Basilikum schmecken für sie einfach nur nach „Blatt“ und auch Knoblauch oder Zwiebeln kann sie nicht erschmecken. Corinna weiß, dass sie niemals als Gourmetköchin arbeiten wird, problematisch findet sie das aber bis heute nicht. Und manchmal hat ihre Riechschwäche ja tatsächlich auch Vorteile: Corinna hat kein Problem damit, ihre sterbende Großmutter zu pflegen. Sie würde auch alle Kinder dieser Welt wickeln. Und ihre Mitbewohner sind ihr dankbar, wenn sie im Sommer den stinkenden Müll rausbringt.

Janna Degener

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
März 2014

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