Höher, schneller, weiter

52 Karten in 4 1/2 Minuten

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Althea (rechts) mit ihrer Schwester bei der Deutschen Meisterschaft, Foto: © privat

Könnt ihr euch Namen gut merken? Lange Zahlenreihen auswendig lernen? Oder euch die Reihenfolge eines ganzen Kartenspiels einprägen? Für Althea Heidemüller alles kein Problem. Die 12-Jährige betreibt Gedächtnissport. Seit drei Jahren übt sie regelmäßig mit ihrem Trainer Steffen Bütow am Internatsgymnasium Schloss Torgelow nördlich von Berlin. Inzwischen ist sie Deutschlands Kinder-Vizemeisterin und nahm 2015 an der Weltmeisterschaft in China teil. Autorin Lara Schech hat mit den beiden über ihr außergewöhnliches Hobby gesprochen.

Althea, du hast in der 5. Klasse mit Gedächtnistraining angefangen. Wie kamst du dazu?

Althea: Es gibt an Torgelow ein Projekt dafür. Anfangs dachte ich, das würde nur bei der Schule helfen. Aber dann habe ich gemerkt, dass mehr dahinter steckt. Nach einem Dreivierteljahr konnte ich schon an der Norddeutschen Meisterschaft teilnehmen. In meiner Altersgruppe holte ich den zweiten Platz. Den ersten bekam meine ältere Schwester.

Und wie kamen Sie zum Gedächtnissport, Herr Bütow?

Bütow: 1999 habe ich an einem Samstagabend zufällig die ARD-Guinness-Show geschaut. Da traten immer zwei Kandidaten in einer Disziplin gegeneinander an und der Sieger stellte einen neuen Weltrekord auf. In jeder Sendung war auch eine Gedächtnisaktion dabei und an diesem Abend haben sich zwei Kandidaten die Reihenfolge von zufällig an- und ausgeschalteten Glühbirnen merken müssen. Der Sieger hatte bis 84. Glühbirne alles richtig! Ich war so begeistert, dass ich mir die entsprechenden Bücher gekauft habe und anfing, zu trainieren. Als ich später einfach mal bei der deutschen Meisterschaft mitmachte, schaffte ich auf Anhieb Platz 7. Ab da habe ich durchtrainiert.

Wie entwickelt man sich denn im Gedächtnissport?

Althea: Am Anfang macht man jede Übung einfach mal so, damit man sieht, wo man ohne Training steht. Man testet zum Beispiel, wie viele Ziffern man sich in fünf Minuten merken kann. Dann geht es an die grundlegenden Techniken. Es gibt bestimmte Systeme zum Memorieren. Stellen wir uns vor, jede zweistellige Zahl steht für ein Bild. Die verknüpft man dann zu Kurzgeschichten. Später denkt man sich Routen mit bestimmten Gegenständen aus. Die läuft man im Kopf ab und jeder Gegenstand wird mit einer Zahl gepaart. Oder es gibt das Mastersystem. Da lernt man vorher die Zahlen von null bis 99 auswendig und jede steht für einen Buchstaben. Null ist D und eins ist T. Die Ziffer 01 stünde dann für DT. Das merke ich mir als „Detektiv“.

Wie sieht euer gemeinsames Training aus?

Althea: Unsere Projektgruppe übt zweimal die Woche. Jedes Mal gehen wir zwei Disziplinen durch. Insgesamt gibt es bei den norddeutschen Meisterschaften sieben. Die Disziplin „Namen und Gesichter“ zum Beispiel erklärt sich ja sicher von selbst. Manchmal ist das aber kompliziert, weil asiatische Namen unter einem afrikanischen Gesicht stehen können. Bei „Wörter“, „Zahlen“ oder „Binär“ müssen wir uns Ziffern oder Wortreihen merken und schriftlich wiedergeben. Mein Rekord bei „Zahlen“ liegt inzwischen bei 115, die ich mir in fünf Minuten merken kann. Bei „Text“ müssen wir einen Sachtext wiedergeben und dabei auch willkürliche Zeilenumbrüche und die Zeichensetzung beachten. Dann gibt es noch „Daten“. Das ist die Disziplin, die mir in der Schule das Meiste bringt. Jahreszahlen zwischen 1000 und 2099 werden mit willkürlichen Ereignissen verknüpft, die man sich merken muss. Das ist aber alles ausgedacht, sonst hätte jemand, der gut in Geschichte ist, einen Vorteil. Und es gibt noch die „Karten“-Disziplin. Hier hat man fünf Minuten Zeit, um sich ein Kartenspiel zu merken. Am Anfang zählt man nur, wie viele Karten man sich merken konnte. Später geht es um die Zeit. Inzwischen schaffe ich alle 52 Karten in 4 Minuten und 27 Sekunden. Der Weltrekord liegt bei 20,44 Sekunden. So schnell könnte ich die Karten aber gar nicht auslegen.

Herr Bütow, wozu brauchen die Schüler dabei einen Trainer?

Bütow: Natürlich könnten sich die Schüler auch ein Buch nehmen und damit üben, aber das würde in diesem jungen Alter auf Dauer nicht funktionieren. Ich strukturiere das Training, motiviere die Schüler und bin auch derjenige, der gewissermaßen eine Vision aufzeigt. Am Anfang des Schuljahres habe ich ihnen vorgeführt, dass ich mir ein Kartenset in etwas über einer Minute merken konnte. Da war ich zwar mit 45 Sekunden auch schon mal schneller, aber das inspiriert die Schüler natürlich und sie sagen dann: Ich will das auch können.

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Althea (zweite von links) im Kreis der deutschen Nationalmannschaft bei der Siegerehrung der WM in China, Foto: © privat

Althea, du warst letztes Jahr bei der WM in China dabei, richtig?

Althea: Ja genau. Da bin ich als deutsche Vizemeisterin mit meinem Papa hingeflogen. Zuerst dachte ich, das würde unangenehm werden, wenn man da mit 276 anderen Menschen in einem Raum sitzt. Aber der Saal war riesig. Die richtigen Profis saßen ganz vorne in der sogenannten Hot Zone. Ich saß weiter in der Mitte und war damit zufrieden. Es war nur doof, dass die Tür direkt neben mir war. So konnte ich mich bei der Wiedergabe schlechter konzentrieren. Insgesamt habe ich aber mehr Punkte geholt als die komplette französische Nationalmannschaft und zusammen mit dem anderen deutschen Kind mehr als Usbekistan. Wir Deutschen haben in der Teamwertung sogar den ersten Platz gemacht. Zwei Tage vor der WM sind wir in Chengdu essen gegangen. Als die Bedienung verstanden hat, dass wir die deutschen Meister sind, wurden sie ganz aufgeregt und wollten alle Fotos mit uns machen. Die Restaurantchefin hat sie deshalb rausgeschickt, wollte dann aber selber auch noch Fotos.

Bütow: Die WM-Teilnahme war quasi eine Belohnung für Altheas mehrjährige Trainingsarbeit. Die Kinder-Konkurrenz aus China und der Mongolei ist sehr stark, so dass es bei Althea in erster Linie um das Sammeln von Erfahrung ging.

Welchen Bezug hat das Internatsgymnasium Schloss Torgelow eigentlich zum Gedächtnissport?

Bütow: Der hat bei uns schon eine lange Tradition. Es begann mit Christiane Stenger, die ab dem Jahr 2000 viermal Jugend-Gedächtnisweltmeisterin wurde. Kurz nach ihrem Abitur habe ich im Schloss Torgelow als kaufmännischer Leiter angefangen und durfte als Trainer die Erfolge unserer Schüler und Schülerinnen mit begleiten. Da ich ja selbst viele Jahre aktiver Gedächtnissportler und unter anderem dreifacher deutscher Vizemeister war, ist es für mich ein sehr angenehme Aufgabe, den interessierten Internatsschülern die Lerntechniken zu vermitteln. Das Ziel ist natürlich in erster Linie die Nutzung der Techniken im schulischen Alltag. Einige der Schüler bleiben dann aber länger dabei und nehmen sehr erfolgreich an den diversen Meisterschaften teil – so wie Althea. Die Presse schreibt inzwischen, wir wären die Hochburg des Gedächtnissportes in Deutschland, was mich natürlich besonders freut!

Es heißt, dass jeder unabhängig von seinem IQ Gedächtnissportler werden kann. Torgelower Abiturienten schneiden durchschnittlich mit 1,9 ab, die Schule setzt Hochbegabtenförderung als Schwerpunkt. Wie passt das zusammen?

Bütow: Prinzipiell kann wirklich jeder unabhängig von seiner Begabung Gedächtnissportler werden und mit den Techniken auch deutliche Steigerungen erreichen. Natürlich ist es aber so, dass jemand mit einer besonderen Begabung auf einem höheren Level einsteigt. Wenn wir den „Trockentest“ machen, können sich manche sieben, andere schon zwanzig Zahlen in fünf Minuten merken. Nachdem sie mit den Techniken geübt haben, kommen erstere dann vielleicht auf zwölf, dreizehn Zahlen, letztere schon auf dreißig. Um das Ganze als Leistungssport zu betreiben, sind eine hohe Begabung oder gute schulische Leistungen, wie wir sie hier an Torgelow nun mal haben, also schonmal eine gute Voraussetzung.

Ist das Ganze nicht eigentlich stures Auswendiglernen?

Bütow: Natürlich ist das bisweilen trocken. Sich tausend Binärzahlen merken zu können, davon hat man nichts, das stimmt. Aber der Sport hilft zum Beispiel beim Vokabellernen oder mit Geschichtsdaten. Mit der Disziplin „Namen und Gesichter“ kann man sich später im Job einen Vorteil ergattern, weil das vielen anderen schwer fällt. Außerdem verbessert sich die eigene Konzentrationsfähigkeit sehr stark. Das habe ich selbst gemerkt. Anfangs schaffte ich es, zwanzig Minuten hochkonzentriert zu arbeiten, bei der WM konnte ich später auch die erforderlichen drei Stunden mithalten.

Althea, was sind deine Tipps für unsere Leser, die jetzt vielleicht selbst mit dem Gedächtnistraining anfangen möchten?

Althea: Prima wäre es, wenn man einen Trainer in der Umgebung findet. Man kann sich aber auch auf der Webseite Memocamp kostenlos anmelden und dort Disziplinen üben, und es gibt Bücher von Sportlern, mit Tipps und Übungen. Herr Bütow hat auch so eins geschrieben, aber das habe ich noch nicht gelesen. Außerdem würde ich empfehlen, unbedingt mal zu einer Meisterschaft zu fahren. Mir hat erst die Meisterschaft gezeigt, worum es beim Gedächtnissport eigentlich geht und ich habe gesehen: Ich bin nicht die Einzige, die bei schönem Wetter drinnen sitzt und memorieren übt.

Wenn du zurückschaust, wie hat der Gedächtnissport deinen Alltag verändert?

Althea: Eigentlich gar nicht so sehr. Aber auch wenn ich mir jetzt besser Daten merken kann, vergesse ich weiterhin irgendwelche Dinge in meinem Spind.

Das Interview führte Lara Schech.

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Mai 2016

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