Utopie

Modernismus, (Re)design und Nachhaltigkeit

Verner Panton Stuhl (links), Foto: Duncan Hull, CC BY 2.0 | Variations des Verner Panton Stuhl (rechts), Foto: Hank Woo, CC BY-SA 2.0

Originelles Design sei eine unerreichbare Utopie, sagt der Designhistoriker und –theoretiker Jan Michl. Designer sollten sich damit abfinden, nicht zu erschaffen, sondern lediglich umzugestalten. Kateřina Přidalová sprach mit ihm über den Glauben an den einen richtigen Stil und das Projekt der Nachhaltigkeit.

Auf Veranstaltungen wie Designblok oder der Design Week komme ich mir jedes Mal vor wie in einer utopischen Welt: eine Atmosphäre, die von der Banalität der Alltagsprobleme befreit ist. Pure Schönheit und elegante Formen, originelle „Designer“-Stücke, die aber besser aussehen als funktionieren. Mit welcher Ambition da über Originalität gesprochen wird beunruhigt mich, wenn ich mir lediglich Variationen des immer gleichen Stuhls ansehe. Originalität wird im Diskurs über Design gerne als entscheidendes Kriterium hervorgehoben – aber ich glaube heute nicht mehr an sie. Was bedeutet für dich der Begriff der Originalität im Design?

Viele, die über Design schreiben, viele Designer und auch die Designschulen leben bis heute im Dunstkreis einer modernistischen Designtheorie, und das, obwohl es immer wieder Wellen der Kritik an ihr gibt. Das eigentliche Problem war meiner Meinung nach, dass diese Theorie auf einer metaphysischen Basis stand, die von der realen Welt der Verbraucher und des Handels losgelöst war. Damit hängt auch die Frage der Originalität zusammen.

Die Anhänger des Modernismus waren geradezu besessen von dem Gedanken, dass es ihre Aufgabe sei, einen neuen Stil im Bereich der Architektur und des Designs zu erschaffen. Dieser sollte sich, im Gegensatz zum 19.Jahrhundert, in ästhetischer Hinsicht nicht an Vorbildern aus der Vergangenheit orientieren. Diese neue Ästhetik sollte auf radikale Weise originell sein. Das gesamte Programm beruhte nämlich auf der utopischen Vorstellung, dass Designer allein von der Gegenwart ausgehen könnten und ohne die Vergangenheit auskämen.

Foto: © Archiv Jana Michla
Die Suche nach einem neuen Stil begann schon im 19. Jahrhundert: „La recherche du style nouveau“, Illustration aus der französischen „Revue des Arts Décoratifs“, 1895.

Diese Aufgabe bekamen sie angeblich von einem bis dahin unerhörten, metaphysischen Auftraggeber, der Epoche der Moderne. Der Designer nahm sozusagen die Rolle eines Mediums ein, das auf die ästhetischen Anforderungen dieser Epoche reagieren musste. Und in dieser Epoche waren die Bedürfnisse von Anwender und Markt nicht relevant. Das Ignorieren der Anwendbarkeit gab den Designern zwar Raum für das freie Experiment mit der Form, welches sich an die neue abstrakte Malerei und Bildhauerei der zwanziger Jahre anlehnte. Aber gleichzeitig trug dies dazu bei, dass Design als ähnliche Tätigkeit wie die Arbeit freier Künstler wahrgenommen wurde. Deswegen bleibt Designern und oft auch denen, die über Design schreiben, nur der Begriff der Originalität um zu beschreiben, was Designer machen.

Damit kommen wir zu deiner Theorie „Design als Redesign“ zu verstehen: Du schlägst den Ausdruck Redesign anstelle des Begriffs Design vor, weil die Arbeitsweise der Designer besser erklärt.

Die Modernisten lehnten die Vorstellung radikal ab, dass Neues durch ein Redesign vorheriger Lösungen entsteht, dass Designer und Architekten nur bereits existierende Dinge modifizieren und verbessern. Anhand des Begriffs Redesign soll dem Designstudenten bewusst werden, dass er niemals bei Null anfängt und das eigentlich unmöglich ist. Denn genau genommen erschafft er nicht, sondern umgestaltet oder redesignt die Dinge.

Foto: © Jan Michl
Design als Redesign: Eine Serie von Kronkorkenöffnern

Warum ist der modernistische Ansatz, der heute schon offen als utopisch bezeichnet wird, immer noch (latent) im zeitgenössischen Design präsent?

Das hängt wahrscheinlich mit der negativen Haltung der Designer gegenüber Markt und Handel zusammen. Obwohl der Beruf des Designers ohne den Handel kaum entstanden wäre, war die Vermarktung für die modernistischen Designer nur schwer zu akzeptieren. Und das vor Allem deswegen, weil der Markt für alle Arten von Ästhetik gleichermaßen offen ist, also auch für die Nachfrage nach dem Nicht-Modernistischen.

Die Designer nahmen sich als Angehörige einer Avantgarde-Elite wahr, die als einzige einen ästhetisch wahrhaftigen Ausdruck der Moderne erschuf. Es ist also fast unmöglich, sich von dieser schmeichlerischen Auffassung eines Designers zu verabschieden – der Modernismus hat ihm ein Prestige verliehen, wie er es nie zuvor besaß. Deshalb lehren die Designschulen schon siebzig Jahre lang ein modernistisches Idiom, das der Vielfalt der Stilrichtungen keine Beachtung schenkt. Das Ergebnis ist, dass die Designer nicht vorbereitet sind auf die Konfrontation mit dem Markt und dessen großer ästhetischer Spannweite in der Nachfrage. Andere Schulen gibt es praktisch nicht, denn es scheint, als hätten die Modernisten in der ganzen globalisierten Welt das pädagogische Monopol.

Heute bereichert den modernistischen Gedanken zusätzlich noch ein Programm des Selbstausdrucks, durch Selbsterkenntnis und Selbsterforschung. Das deutete zum Beispiel erst kürzlich die Einleitung des Katalogs zur Ausstellung UMPRUM ATTACK! der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag an. Nach dieser Auffassung ist meiner Meinung nach für die persönliche Präferenz der Anwender wirklich überhaupt kein Platz mehr. Und damit gerät die verführerische Frage nach der „Originalität“ einer Designlösung noch stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit als bisher.

Stuhl von Charles und Ray Eames (links), Foto: (Ausschnitt): Steven Depolo, CC BY 2.0 | Variation des Stuhls von Charles und Ray Eames (rechts), Foto (Ausschnitt): Max Pixel CC0 1.0

Wie würde es aussehen, wenn das Design nicht von der modernistischen Doktrin beherrscht würde?

Das ist eine faszinierende Frage. Der Modernismus würde den Beruf des Designers und des Architekten höchst wahrscheinlich niemals beherrschen, wenn nicht im vergangenen Jahrhundert zwei gigantische Weltkriege im Abstand von nur zwanzig Jahren den damaligen politischen und kulturellen Status Quo zerstört hätten. Ich denke diese Ereignisse erklären, warum diese in Wirklichkeit extreme und lange nur von einer Minderheit vertretene Doktrin nach dem Zweiten Weltkrieg so schnell und relativ leicht die entscheidenden Institutionen erobern konnte. Hätte es die Kriege also nicht gegeben, vor Allem den zweiten nicht, wäre das pädagogische Monopol des Modernismus wahrscheinlich nie entstanden. Als entscheidenden Charakterzug der Moderne würde man den stilistischen Pluralismus nennen.

Es wird sich erst dann etwas verändern, wenn die zeitgenössischen Schulen aufhören, den Modernismus als eine unumgehbare ästhetische Wahrheit zu empfinden – und ihn als einen unter vielen möglichen Stilen anzuerkennen. Erst dann wird die Vielfalt der Stile nicht als etwas Falsches begriffen, wie die unterschiedlichen Formen von Kitsch.

Damit würde sich die Welt des Designs der heutigen Situation der Musik, Literatur oder des Films annähern, wo die avantgardistische Strömung nur eine von sehr vielen parallelen Möglichkeiten darstellt.

Gegenwärtiges nicht-modernistisches Design: Duschen in der Sauna der Therme Erding, Deutschland (oben, Foto: © Therme Erding) | Austauschbare Armlehnen für Sessel der Firma Fagmøbler, Norwegen (unten, Foto: © Fagmøbler)

Dir fehlen die Anerkennung des Marktes und die Vielfalt der Stile, die Fähigkeit eine breitere Nachfrage zu bedienen. Es gibt da aber noch andere, weniger geschäftliche Ebenen des Designs. Wie stehst du zu nachhaltigem, sozialem und anderweitig engagiertem Design? Wie zu Ansätzen, bei denen es nicht unbedingt um finanziellen Gewinn oder vordergründig um das Schaffen greifbarer Dinge geht, sondern um die Anpassung der Produktion an gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Probleme. An vielen Schulen im Ausland gibt es bereits heute ähnlich spezialisierte Programme.

Ich applaudiere dem sozialen und anderweitig engagierten Design, solange man daraus kein Politikum macht. Die Politisierung der Designausbildung ist aber meiner Meinung nach ein Fehler. Den Gedanken der sogenannten nachhaltigen Entwicklung sehe ich als überstaatliches, politisch-utopisches Projekt, das sich nicht groß von früheren Versuchen der sozialistischen Reorganisation der Gesellschaft unterscheidet. Die haben natürlich nirgendwo richtig und oft ziemlich schlecht funktioniert. Also ist es ziemlich unklar, warum ein solches Projekt im weltweiten Maßstab besser funktionieren sollte. Aber auch wenn wir den Begriff der Nachhaltigkeit auf die Frage nachhaltiger Ressourcen reduzieren würden, bliebe dieser Begriff immer noch problematisch. Er nimmt nämlich überhaupt keine Rücksicht auf die menschliche Schaffenskraft, die sich im Laufe der Geschichte mit einer „unnachhaltigen“ Entwicklung nach der anderen fertig geworden ist.

Eisenerz, Kohle oder Erdöl sind in Wirklichkeit keine „Ressourcen“, sondern eher Erfindungen. Erst der menschliche Erfindergeist und neue Erkenntnisse haben aus diesen tausende Jahre lang wertlosen Dingen „Ressourcen“ gemacht. Und analog dazu kann man annehmen, dass dieselbe Schaffenskraft und Kreativität weiterhin aus anderen, bis dahin wertlosen Dingen neue, wertvolle Ressourcen machen wird. Und weil die Schaffenskraft und Unternehmungslust freier Menschen unerschöpflich ist, sind in diesem Sinne auch die Ressourcen unerschöpflich. Was die Regulierung angeht, denke ich, dass man sie zweifellos in Betracht ziehen sollte. Wir sollten aber nicht zu große Hoffnungen in sie setzen.

Man darf nicht vergessen, was den Weg für den hohen Lebensstandard in der westlichen und allmählich auch in der nicht-westlichen Welt frei gemacht hat: die drastische Verringerung in der Regulierung des ökonomischen Lebens im Laufe des 19. Jahrhunderts.

Designblok (seit 2005) und Designweek (seit 2014) sind jährlich stattfindende Veranstaltungen, auf denen internationale aber v.a. tschechische Designer in Ausstellungen, Galerien und Verkaufsbörsen ihre Produkte präsentieren.
Das Interview führte Kateřina Přidalová, Redakteurin des designreader.org.
Übersetzung: Hana Sedláček

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
März 2017
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Jan Michl

Jan Michl (*1946) ist emeritierter Professor der Geschichte und Theorie des Designs an der Hochschule für Architektur und Design Oslo (AHO) in Norwegen, und Gastprofessor am Institut für Design der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität (NTNU) in Gjøvik, ebenfalls in Norwegen. Auf seiner Webseite janmichl.com hat er zahlreiche seiner Artikel auf Englisch, Tschechisch und weiteren Sprachen veröffentlicht, unter anderem auch über seine Theorie „Design als Redesign“ (englisch).

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