Ein Netzwerk für die Wendekinder

Foto: © Janna Degener
2010 hat sich das Netzwerk Dritte Generation Ostdeutschland gegründet, um den sogenannten Wendekindern eine Möglichkeit zum Austausch und zur Vernetzung zu geben. Diese zwischen 1975 und 1985 in der damaligen DDR geborenen Menschen waren in der öffentlichen Debatte über Mauerfall und Wiedervereinigung bis dahin kaum präsent, so die Gründer des Netzwerks. Die Mitglieder organisieren zum Teil Kunstprojekte und Veröffentlichungen, sie beschäftigen sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit ihrer Generation und treffen sich alljährlich zu einem Generationentreffen. Unsere Autorin Janna Degener war in diesem Jahr dabei und hat drei der Koordinatoren gefragt, warum sie sich in diesem Netzwerk engagieren.

Foto: © Janna DegenerAriadna Lettrari – 1979 in Neustrelitz geboren, aufgewachsen in Rostock; Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaften, derzeit Doktorandin

Als ich während meines Studiums für ein halbes Jahr in Tansania war, wurde mir klar, dass ich wirklich Europäerin bin. Dann hatte ich die Gelegenheit, an einem Programm der EU-Kommission in Brüssel teilzunehmen, wo ich immer wieder nach meiner Region gefragt wurde. Ich kam darauf, dass Mecklenburg-Vorpommern meine Region ist, aber ich merkte, dass ich keinen Bezug zu dieser Region hatte und dass ich auch nicht stolz auf sie war: Ich war abgewandert und kam eigentlich nur noch nach Rostock, um meine Oma oder meine Eltern zu besuchen.

Gegen Ende meines Studiums wollte ich irgendwo wirken, wo ich das, was mir wichtig ist, einbringen kann. Und mir wurde klar, dass das nur über die Klärung meines Verhältnisses zu Ostdeutschland und zu meiner eigenen Herkunft möglich war. Als Praktikantin der Hertie-Stiftung hatte ich schließlich die Möglichkeit, ein eigenes Projekt zu entwickeln, und ich habe ein halbes Jahr an einem Konzeptpapier herumgetüftelt. 2010 hatten wir dann das erste Gründungstreffen, wo die Idee entstand, auch andere Wendekinder zu fragen und ein erstes Generationentreffen zu organisieren, ein Netzwerk zu gründen, andere zu motivieren, Projekte zu machen.

Mir persönlich hat die bisherige Arbeit im Netzwerk die Gelegenheit gegeben, wieder öfter in meiner Heimatstadt Rostock zu sein und Leute zu treffen, die in meinem Alter sind. Und ich durfte dort auch einen Vortrag an der Uni halten. Diese Rückbindung an meine Heimat finde ich ganz toll, und ich habe dadurch auch das Gefühl, dass mir jetzt auf einmal Mecklenburg-Vorpommern ganz nahe gerückt ist. Es ist ja nur zwei Stunden von Berlin entfernt und ich bin jetzt öfter dort. Ich sage heute auch mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein, dass ich einen ostdeutschen Identitätsteil habe. Auch weiterhin möchte ich gerne zumindest örtlich mit Ostdeutschland verbunden bleiben, auch wenn ich mich beruflich nicht mit uns Wendekindern beschäftige – ich schreibe meine Doktorarbeit zu einem anderen Thema.

Foto: © Janna DegenerChristian Nestler – 1984 geboren, aufgewachsen in Rostock; Studium der Politikwissenschaft und der Neueren Geschichte, derzeit Doktorand

Ich bin im Bereich Wahlforschung tätig, wo wir uns auch immer für unterschiedliches generationales Wahlverhalten interessieren. Ich hatte also schon einen Bezug zur Generationenfrage, als 2013 das Regionalnetzwerk Mecklenburg-Vorpommern gegründet wurde und mein Arbeitskollege mich aus dem Gedanken der wissenschaftlichen Beschäftigung heraus dorthin mitnahm. Auch aus meiner eigenen Geschichte heraus hat mich das Thema interessiert: Meine Eltern hat die Wende eher Vor- als Nachteile gebracht, mein Vater konnte sein Studium zu Ende machen, und danach war er auch Hauptverdiener in der Familie.

Trotzdem gab es in der Familie relativ früh eine Auseinandersetzung damit was die DDR eigentlich war. Ich habe das mit einem starken Interesse verfolgt, schon in der Schulzeit und dann im politikwissenschaftlichen Studium immer wieder mit den lebensweltlichen Argumenten meiner Eltern andere Bilder auf das Gesamtsystem projiziert. Daraus ist für mich dann eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den Themen des Netzwerks entstanden: Wer ist eigentlich das Wendekind und was bewegt es, wenn man das so sagen möchte? Bisher gibt es dazu noch kaum Datenmaterial.

Nadja Troi-Boeck – 1980 in Rostock geboren, Theologie-Studium, arbeitet derzeit als Pfarrerin und schreibt ihre Habilitation

Foto: © Janna DegenerSchon als das Netzwerk gegründet wurde, habe ich von einer Freundin davon gehört. Ich steckte damals aber mitten in der Dissertation, sodass ich den Kopf dafür nicht frei hatte, und ich lebte schon in der Schweiz, sodass ich alles von der Ferne aus verfolgte. Anfang dieses Jahres habe ich dann gemerkt, dass ich mich genauer mit den Themen des Netzwerks beschäftigen möchte, denn in meiner Forschung an der Universität arbeite ich immer wieder zu Identitätsthemen, und ich habe gemerkt, dass mir das Netzwerk eine Sprache für die Dinge gibt, über die ich nachdenke: Was hat es eigentlich für mich ausgemacht, dass ich die DDR noch neun Jahre miterlebt habe? Wo gehöre ich wirklich hin, wo sind meine Wurzeln?

Ich habe keine Erinnerungen mehr an Politisches und verbinde vor allem Kindheitserinnerungen mit der DDR. Ich hatte eine schöne Kindheit in einem behüteten Elternhaus, und wenn ich Wendekinder treffen, dann sprechen wir über Pittiplatsch und Schnatterinchen, die wir im Fernsehen gesehen oder auf Schallplatte gehört haben, und über den Traumzauberbaum, mit dem wir aufgewachsen sind. Wenn wir uns mit Westdeutschen unterhalten, merken wir, dass es da ganz andere Kindheitsgeschichten gibt.

Dieses Bewusstsein hat jedenfalls mein Interesse gefördert, mich hier einzubringen: Ich möchte die Vielfalt der Stimmen noch bereichern. Ariadna war begeistert, als ich sie kontaktierte, und es kam die Idee, dass wir ein Regionalnetzwerk Schweiz auf die Beine stellen, da sind wir jetzt seit März dran. Es gibt in der Schweiz sehr viele Ostdeutsche, darunter auch Wendekinder, die ich jetzt versuche, zu vernetzen. Unser erstes großes Projekt ist eine Fotoausstellung zum Mauerfall, die in Genf gezeigt wird. Die Fotografin kommt aus Ost-Berlin und wohnt auch in der Schweiz. Als Wendekinder wollen wir uns in der Schweiz aber auch in den Dialog zur Migration einbringen: Viele Deutsche haben die Erfahrung gemacht, dass das Leben als Deutsche in der Schweiz nicht leicht für sie ist, und die Diskussion hat sich durch die letzten Abstimmungen noch verschärft. Unsere Hoffnung ist, dass wir auch in der Schweiz mehr in die Medien kommen. Übrigens hat meine Schwester, die in Hawaii lebt, inzwischen auch dort ein Regionalnetzwerk gegründet. Durch meine Tätigkeit für das Netzwerk hat sich auch der Dialog mit meinen Eltern vertieft, obwohl wir vorher schon viel über die DDR gesprochen hatten. Und mein Mann interessiert sich wie auch viele andere Schweizer sehr für unsere Themen, denn für viele Menschen hier war die DDR sehr fremd und sehr weit weg.

Janna Degener

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Dezember 2014


Foto: Günter Höhne © picture alliance/ZB
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