Über das Projekt

Über das Projekt Poets Translating Poets

Poets Translating Poets ist ein zweijähriges Projekt, das im Oktober 2014 vom Goethe-Institut Mumbai, in Zusammenarbeit mit Literaturwerkstatt Berlin, jetzt Haus für Poesie und in Kooperation mit Deutsche UNESCO initiiert wurde, um eine Plattform für Dichter aus Südasien und Deutschland zu kreieren, die ihre Arbeiten gegenseitig übersetzen. Während dieser zwei Jahre wurde zeitgenössische Dichtung aus Bangladesch, Pakistan, Indien und Sri Lanka von bekannten deutschen Dichtern ins Deutsche übersetzt, indes deutsche Poesie während dem Verlauf des Projekts ähnlich in südasiatische Sprachen übersetzt wurde. Durch die Zusammenführung von 51 Dichtern, einschließlich 17 deutscher Dichter aus über 20 Sprachen, und literarischen Begegnungen in mehreren südasiatischen Standorten, hat dieses Projekt neue literarische Netzwerke angeregt und neue Wege für transkulturelle Verständigung eröffnet. Das Projekt beinhaltete zudem Lesungen, Buchmessen, Fotoessays und eine Klanginstallation in Südasien und Deutschland und endete in einem Poesiefestival in Mumbai im November 2016.

Anthologie im Draupadi Verlag

Buchcover Poets translating Poets Draupadi Verlag
Poets Translating Poets
Versschmuggel mit Südasien
Herausgegeben von Dr. Martin Wälde
Draupadi Verlag
Das Projekt „Poets Translating Poets“ bot zeitgenössischen Lyrikern aus Indien und anderen südasiatischen Ländern ein geeignetes Forum für Übersetzungen ins Deutsche und umgekehrt.

51 Dichterinnen und Dichter, die 20 unterschiedliche Sprachen sprechen, trafen sich an neun Orten in Südasien und übersetzten gegenseitig ihre Gedichte.

Draupadi Verlag Buchinfo

    POETS TRANSLATING POETS
    „Versschmuggel mit Südasien“

    Ein Projekt des Goethe-Instituts in Zusammenarbeit mit der Literaturwerkstatt / Haus der Poesie Berlin und in Kooperation mit der Deutschen UNESCO-Kommission e.V.

     

    „ Denn was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eines der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr.“

    J.W. von Goethe

    Das Projekt "Poets translating Poets" zur Lyrik der Gegenwart aus Südasien und Deutschland verdankt sich einem langwierigen Erarbeitungsprozess und einem abenteuerlichen Experiment. Die ins Deutsche und zahlreiche südasiatische Sprachen übertragenen Gedichte sind nicht das Ergebnis "konventioneller" Übersetzungen. Sie wurden nicht, wie wir es üblicherweise kennen, von Übersetzer*innen, die der Ausgangssprache und ihrer eigenen Muttersprache mächtig sind, einsam am Schreibtisch übersetzt. Die Übersetzungen sind vielmehr das Ergebnis eines aufwendigen Verstehens- und Übersetzungsprozesses, an dem 51 Dichter und Dichterinnen beteiligt waren. An neun Orten in Bangladesch, Pakistan, Sri Lanka und Indien haben die Lyriker*innen zu dritt oder zu sechst eine Woche lang sehr eng zusammengearbeitet und dabei eine kleine, genau definierte Auswahl von Gedichten ihrer jeweiligen Partner im persönlichen Gespräch in ihre Muttersprachen übertragen. Alle sind dabei das große Wagnis eingegangen, sich auf Gedichte einzulassen, deren Sprachen sie mit ihren unbekannten Schriftzeichen und ihrem fremden Klang nicht beherrschen. Insgesamt wurden von Juli 2015 bis April 2016 zwanzig Sprachen verhandelt: Marathi und Gujarati in Mumbai, Bengali (Dhaka), Kashmiri und Hindi (Neu Delhi), Sindhi und Urdu (Karachi), Tamil und Sinhala (Colombo), Malayalam, Tamil und Kannada (Chennai/Trivandrum), Odia und Bengali (Kalkutta), Englisch, Urdu und Telugu (Hyderabad), Nepali und Mizo (Gangtok/Sikkim): Babylon pur, wären da nicht die wunderbaren, so genannten "Interlinearübersetzer", die zwischen den Poeten vermittelt haben.

    Die Aufgabe der Interlinearübersetzer war es, die Originaltexte vor der Begegnung der Autor*innen Zeile für Zeile weitgehend wörtlich zu übersetzen, syntaktische und grammatikalische Bezüge hervorzuheben und sich der mühsamen Anforderung zu unterwerfen, keine Interpretation des Gedichts voreilig zu verordnen. Fast immer haben sie dieser Versuchung widerstanden und das Feld den Poeten überlassen. Als Mittler im Gespräch der Dichter leisteten sie unverzichtbare Sprachhermeneutik, halfen den Dichterinnen und Dichtern – soweit möglich – kulturelle Chiffren, Codes und Rätsel zu entziffern. Sandra Kegel hat das in Gesprächen mit Zitaten der Beteiligten schön zusammengefasst: "Als eine 'wahre Reise nicht nur in die Sprachen Gujarati und Marathi, sondern auch in die sozialen und gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Texturen' hat Ulrike Draesner ihren Aufenthalt in Bombay erlebt: 'Wir übersetzten Ideen, hielten unsere unterschiedlichen Traditionen gegeneinander, staunten wieder darüber, wie schwer es ist, Komik zu übersetzen, bewunderten einander, verzweifelten, erkannten uns selbst kaum wieder.' Jan Wagner, der an der Werkstatt in Kalkutta teilnahm, spricht von einer 'herrlichen, siebentägigen Überforderung aller Sinne." 1 Auch Rashmi Dhanwani hat den Ablauf der Übersetzungsbegegnungen in Gesprächen mit den Beteiligten auf der Website von "Poets translating Poets. Versschmuggel mit Südasien" eindrucksvoll dokumentiert (siehe Reportagen unter http://www.goethe.de/ptp).

    Das Erstaunlichste und Wundersamste sind nun die Ergebnisse und die Qualität der übersetzten Gedichte. Schwer zu erklären, warum die Mehrzahl der Übersetzungen so gelungen sind, trotz enormer Sprachbarrieren dem komplexen Transfer anderer kultureller Bedeutungszusammenhänge und den verschiedenen Dichtungstraditionen, die sich z.T. sehr fremd sind. Gedichte sind hoch komplexe, zugleich individuell und kulturell spezifisch konstituierte Bedeutungsgewebe und Klanggemälde, die höchste Anforderungen an den Transfer in eine andere Sprache stellen. Sie sind intim, verschlossen, sperrig, und erfinden oft die eigene Sprache neu. Was bei uns als Klischee wirkt, ist in der Dichtung Südasiens überhaupt keines. Gegenwartslyrik aus Deutschland ist äußerst komplex nach Herkunft und Verwobenheit mit unterschiedlichen Traditionen und daher für die Dichter aus Südasien schwer zu entschlüsseln. Vielleicht ist es einfach so, dass Dichterinnen und Dichter sich auf einer anderen Ebene verstehen als ‚Normalbürger’, und ihre Fähigkeit Gedichte zu schreiben ihnen einen Schlüssel an die Hand gibt, sich in das Gedicht ihrer Kolleg*innen einzufühlen. So gelingt es ihnen, fremdsprachige Lyrik in die eigene Sprache, in das eigene kulturellen Muster "einzuschreiben" und eine "Nachdichtung" kreativ entstehen zu lassen, die sich vom Original entfernt und es doch berührt.

    Walter Benjamin hat das treffend auf den Punkt gebracht: "Wie die Tangente den Kreis nur flüchtig und nur in einem Punkt berührt … so berührt die Übersetzung flüchtig und nur in dem unendlich kleinen Punkt das Original, um nach dem Gesetz der Treue in der Freiheit der Sprachbewegung ihre eigenste Bahn zu verfolgen.“ 2 
Und Goethe aus seinen Noten zum Diwan zitierend, lässt Benjamin ihn zum Problem des Übersetzens sprechen: "unsere Übertragungen auch die besten gehen von einem falschen grundsatz aus sie wollen das indische griechische englische verdeutschen anstatt das deutsche zu verindischen vergriechischen verenglischen ... der grundsätzliche Irrtum des übertragenden ist dass er den zufälligen stand der eignen sprache festhält anstatt sie durch die fremde sprache gewaltig bewegen zu lassen. " 3 Was in transkulturellen Dialogen und im Kulturaustausch oft geschieht, nämlich der Austausch unerhörter Monologe, ist bei den Begegnungen der Poeten in Südasien genau nicht passiert: Man hat sich mit großer Intensität zugehört, eben nicht an der eigenen Sprache festgehalten und sich somit in der Nachdichtung "gewaltig durch die fremde Sprache bewegen" lassen.

    Es gibt zahlreiche Motive, hier nur die wichtigsten. Zeitgenössische Lyrik aus Deutschland ist in Südasien so gut wie unbekannt und allenfalls in englischer Übersetzung zugänglich, die aber kaum wahrgenommen wird. Eine Ausnahme ist Günter Grass, dessen Lyrik in einer Auswahl ins Bengalische und ins Hindi übersetzt wurde. Grass war der einzige bedeutende deutsche Schriftsteller, der sich mehrfach in Indien und Bangladesch aufgehalten hat und sich ausdrücklich für den Subkontinent interessierte und engagierte, zuletzt 2005 bei seiner letzten Reise nach Kalkutta. Der Reichtum und die enorme Vielfalt der regionalen Sprachen Südasiens verdanken sich einer sehr langen, vor allem oralen Dichtungstradition seit dem Mahabharata 4. Dies setzt sich in den vielen zeitgenössischen Dichtungstraditionen Südasiens fort, die in Deutschland weitgehend unbekannt sind. Dies ist Anlass genug für das Goethe-Institut neue Brücken zu bauen in einer Zeit des Insistierens auf fatale, häufig gewalttätige Identitäts- und Ausgrenzungsdiskurse. Das Goethe-Institut hatte sich in seiner fast sechzigjährigen Präsenz in Südasien bislang nie wirklich auf die Sprachenvielfalt in Südasien eingelassen. Es wurde höchste Zeit, diesen exemplarischen Kultur- und Sprachendialog über das besonders komplexe und ganz eigene Sprachgebilde in der Dichtung zu riskieren.

    Mit Dr. Thomas Wohlfahrt und seinen Mitarbeitern der Literaturwerkstatt/Haus für Poesie (Berlin) standen uns die Experten für den internationalen "Versschmuggel" zur Seite. Die Erfahrungen und Netzwerke der Literaturwerkstatt waren und sind für das Projekt unverzichtbar, insbesondere hinsichtlich der Kontakte zur deutschen Lyrikszene und zur Website lyrikline.org, dem internationalen Lyrikarchiv. Von Juni bis November 2016 wurden zahlreiche Lesungen und Gespräche mit den beteiligten Dichterinnen und Dichtern in Deutschland organisiert. Vom 25. bis 27. November 2016 gab es in Mumbai (Bombay) das große Abschlussfestival mit fast allen Beteiligten am Versschmuggel mit Südasien.

    Verweise

    1. Sandra Kegel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Als alle Sinne der Dichter herrlich überfordert waren, Seite 18, 13.02.2016, Nr. 37.
    2. Walter Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers, in: Illuminationen, Frankfurt 1980, S. 60
    3. J.W. von Goethe, ebda, S.61
    4. übersetzt aus dem Sanskrit von F. Schlegel, dem Begründer der Indologie
    Dr. Martin Wälde, Mumbai im Dec 2016