Geographie der Argumente

Mit dem Textilarbeiterstreik von 1982 brach in Mumbai eine Zeit umwälzender Veränderungen an. Die Neunzigerjahre sind (nach der Zeit um 1900) die nächste Periode in der Geschichte dieser Stadt, in der es zu einem grundlegenden Wandel ihres urbanen Selbstverständnisses kam. In diesem Zusammenhang müssen drei Ereignisse erwähnt werden – die Stilllegung der Textilfabriken in den Vierteln, die heute zur Stadtmitte gehören; der Beginn der Heritage-Bewegung zum Erhalt der Kulturgüter dieser Stadt und letztlich die Entstehung neuer Wohngebiete wie des Hiranandani Komplex in Powai.
Die blutigen Unruhen und andere, nicht so offensichtliche, aber nicht weniger beunruhigende Übergriffe auf die Existenzgrundlage und Lebensbedingungen der Muslime bedeuten das Ende zahlreicher ethnisch und kulturell gemischter Wohngegenden. Die muslimische Bevölkerung, ganz gleich, welcher Gesellschaftsschicht oder Einkommensgruppe sie angehörte, wurde in vorwiegend moslemische Nachbarschaft verbannt (Die „Mohalas“ im alten Teil der Stadt), was wiederum zu einschneidenden Veränderungen im demografischen Gefüge dieser Stadt führte. Die andere Gruppe, die zur Zielscheibe wurde, waren die Dalits, Menschen der untersten Kasten, deren Interesse früher einmal durch einflussreiche politische Gruppen vertreten wurden, wie die Dalit Panthers und die heute in der Stadt kaum noch etwas zu sagen haben. Diese Gruppen wurden ferner durch politische Manöver und die Immobiliengeschäfte skrupelloser Grundstücksmakler immer stärker an die äußere Stadtgrenze verbannt.
Die Stilllegung der Spinnereien führte zu einer drastischen Verschlechterung der Arbeitsituation und der wirtschaftlichen Lage. Die Kluft zwischen den unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Schichten begann sich zu vertiefen, wie auch die damit verbundene Kontrolle und Inanspruchnahme von Lebensräumen. Riesige, zum Verkauf angebotene Grundstücke und Immobilien, die zwar technisch nicht sofort verfügbar waren, öffneten skrupellosen Spekulanten die Türen. Und so kam ein Zeitpunkt, an dem sich Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten, die diese Stadt liebten und in ihr lebten, sich der Kultur und Vergangenheit dieser Stadt, ihrer Politik und sozialen Geografie bewusst wurden, die mit allen Mitteln verteidigt werden musste. Gleichzeitig war ein neues Interesse für die Vergangenheit dieser Stadt und den Erhalt ihrer „Hinterlassenschaften“ zu beobachten. Süd-Bombay/Mumbai zog regional wie global die Aufmerksamkeit auf sich, als ein Ort, wo Geschichte geschrieben wurde und als einziges Viertel mit Bauwerken, deren Erhalt „lohnenswert“ war. Da es außer diesem einen Stadtteil aber auch zahlreiche andere geschichtsträchtige Orte gab, kam es bei Architekten für Denkmalpflege allmählich zu einem Gesinnungswandel. Der Schwerpunkt verlagerte sich vom Erhalt frei stehender Baudenkmäler auf den Erhalt ganzer Stadtviertel. Diese Entwicklung warf eine Reihe von Fragen auf, wie die über die Rolle und das Mitspracherecht der Anwohner jener Gegenden in solchen Programmen und wodurch sich ein solch lebendiges Erbe überhaupt auszeichnet. Die Vergangenheit und ihr Erhalt wurden zu Vorwänden für die Erkundung der Stadt und ihrer Viertel, bald gab es sogenannte „Heritage Walks“ für Touristen sowie Heritage- und Kunstmessen. Das Engagement der Bürger und Anwohner bei der Bewältigung von Problemen, die ihre Nachbarschaft betrafen, galt als eine wichtige demokratische Entwicklung. Allerdings führte das auch zu der Erkenntnis, dass es in jedem Stadtviertel mehr als nur eine Interessens- beziehungsweise Bürgergruppe gab, die nicht immer die gleichen Interessen vertraten. Wie beispielsweise im Fall des „Oval Maidan“, bei dem darüber gestritten wurde, ob dieser Ort der Stadt oder dem Stadtviertel gehöre und wer dazu berechtigt war, Entscheidungen bezüglich dieser Anlage zu treffen. So verlangten die der Stadt-Elite angehörenden Anwohner, diese große öffentliche Parkanlage unter Vorwänden der Sicherheit und ihres Erhalts mit einer Mauer zu umgeben. Tausende von Mumbaiern nutzen diese Anlage zum Kricketspielen und Entspannen, um sich hier mit Freunden zu treffen oder auch nur, um sie auf ihrem Weg vom Churchgate Bahnhof zu ihrem Arbeitsplatz zu durchqueren.In den Neunzigerjahren entstand ein funkelnagelneues Wohnviertel in Powai, einem Vorort im Norden von Mumbai. Dort befindet sich einer der wichtigsten Seen, der die Stadt mit Wasser versorgt. In der Stadt wurde zwar eine Vielzahl von Wohnungen gebaut, die aber kaum etwas zur Lösung des Wohnungsproblems in Mumbai beitrugen und nur wenigen der neu Zugewanderten zugutekamen. Die Bauweise dieser Wohnhäuser war eigenartig, mit aus der griechisch-römischen Baukunst ausgeborgten Elementen. Ein architektonischer Stil entstand, der diese Hochhäuser wie Luftschlösser wirken ließ. An diesen Baustilen war zu erkennen, dass es in der Stadt eine neue Art von Zuwanderern mit ganz spezifischen Vorstellungen gab. Sie konnten es sich leisten, in einem solchen „Luftschloss“ zu wohnen, was wiederum eine neue Lebensweise in Bezug auf Geschmack und Schönheitsempfinden bedingte.

Hochhäuser und Erweiterungen der Geschossflächenzahl sind schon seit eh und je das Lieblingsargument profithungriger Bauunternehmer, Bauträger und Politiker, wenn es darum geht, nach einer Lösung für den ständigen Wohnungsmangel dieser Stadt zu suchen. Die Gelder, die der Bau dieser Häuser verschlingt, und das, was es kostet, in ihnen zu leben, lassen diese Wohnungen für Menschen, die wirklich dringend eine Wohnung brauchen, unerschwinglich werden. Nach dem Versagen der SRA (Slum Redevelopment Authority), bei der geplant war, dass ein Bauunternehmer unter der Voraussetzung Elendsviertel neu gestalten kann, dass alle ihre Bewohner eine Unterkunft erhalten und er die gleiche Zahl an Wohnungen auf dem freien Markt anbieten kann, wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass die Lebensbedingungen in diesen neuen Hochhäusern den für die Elendsviertel charakeristischen Wohnen-plus-Arbeiten Lebensraum nicht ersetzen können. Hochhäuser sind nichts anderes als Grundstücksspekulationen.
Diese Wohnsiedlung war der Vorläufer geschlossener Wohnanlagen, die später populär werden sollten. Wohnungsbaugesellschaften begannen, Interessenten oder Mieter zu interviewen, um ihre Herkunft, Glaubenszugehörigkeit, finanzielle Lage und Ernährungsgewohnheiten (ob sie Vegetarier sind) zu ermitteln. Diese neuen Wohnsiedlungen und Viertel wurden zu wohlbehüteten und begehrten Enklaven, die eher nach dem Prinzip der Ausgrenzung als der Integration funktionierten. In den Neunzigerjahren musste der kosmopolitische Charakter von Bombay, aus dem schon bald Mumbai werden sollte, mehrere harte Schläge einstecken. Eine gewisse vegetarische Gemeinschaft (deren wichtigstes Glaubensprinzip das Prinzip der Gewaltlosigkeit ist), bei der es sich schon immer um eine Gemeinschaft wohlhabender Kaufleute handelt, griff zu einer Art weicher, gewaltloser Taktik, um in den Gegenden von Walkeshwar und Chowpatty im südwestlichen Teil von Mumbai durchzusetzen, dass in diesen Gegenden kein einziges nicht-vegetarisches Restaurant mehr zu finden war – also eine Art Vegetarier-Terrorismus!2003–2004 kam es zur Gründung von „Mumbai First“, einer Organisation aus Bauunternehmern, Unternehmern und ehemaligen Bürokraten, die über die internationale Unternehmensberatung McKinsey einen Plan zur Entwicklung von Bombay erstellten, „Mumbai Vision“ genannt, der von der Landesregierung sofort vorbehaltlos gebilligt wurde. Dieser Plan sieht kein Wohnungsbauprogarmm für die ämeren Bevölkerungsschichten vor, dafür aber wurde vorgeschlagen, dass das zur Erschließung erforderliche Land durch eine Reduzierung der Elendsviertel auf 10 Prozent zu gewinnen! Im Dezember 2004 wurde eine massive Abrissaktion der Slums gestartet. Diese mit Gewalt verbundene und unmenschliche Aktion wurde bis ins kleinste Detail geplant inklusive privater Wachposten, die in bestimmten Gegenden eingesetzt werden sollten, um die vertriebenen Slumbewohner daran zu hindern, ihr Land erneut zu besetzen, um ihre Elendsbehausungen zu errichten.
Die Stadt war auf Veränderungen vorbereitet, nachdem zum einen aus Indien in den Neunzigerjahren eine liberalisierte Wirtschaft wurde, die dem Weltmarkt ihre Türen öffnete, und zum anderen, nachdem sich durch die Zerstörung der Babri Masjid eine tiefe Kluft zwischen den zwei Hauptreligionen in einer der liberalsten Großstädte Indiens auftat. Während die Bewohner dieser Stadt sich ein globales Image zulegten und begeistert Mac Donald‘s Burger verzehrten und Coke tranken, begannen ihre pseudotraditionellen Ansichten die große Toleranz und Geografie dieser Metropole zu bedrohen. Die Großstadt verwandelte sich in einen Ort, wo es einzig und allein um Überlebenskampf und Opportunismus ging. Der Abriss zahlreicher Elendsviertel in jenem Jahrzehnt wurde von gewalttätigen Ausschreitungen begleitet, wobei sich dieses Mal die Mittelschicht geschlossen hinter die Regierung stellte. Die Haltung des „ach so selbstgerechten“ Mittelstands wurde mit jedem neu eröffneten Einkaufszentrum egoistischer. In Mumbai gibt es viele wunderschöne öffentliche Plätze. Heute aber bedeutet Erholung und Entspannung in der Stadt stundenlang durch Einkaufszentren zu bummeln, zu shoppen oder Geld für einen Film in einem der vielen Multiplexe auszugeben. Das Knüpfen und Pflegen von Kontakten beschränkt sich heute auf gemeinsames Essen oder Einkaufen. Fast vergessen ist die Zeit, in der man einen Ausflug zur Marine Drive, Juhu Beach, Colaba Causeway oder Bandra Bandstand machte.Indiens höchstes Hochhaus, das auf dem Gelände einer ehemaligen Baumwollspinnerei stehen soll, wird Wohnungen für insgesamt nur 100 Familien haben! Die Appartments haben eine Zimmerhöhe 23 Fuß und jede Familie kann mit ihrem Fahrzeug hinauf bis vor die Wohnungstür fahren... und dieses Gebäude, so wird behauptet, soll „uumweltfreundlich“ und „grün“ sein! „Grün“ ist es auf alle Fälle für die, die darin wohnen, weil der CO2-Gehalt kontrolliert und andere Verschmutzungen aus der Luft herausgefiltert werden, während der normale Bürger diese Monströsität in aller Stille erdulden muss, einschließlich der negativen Auswirkungen eines solchen Betonkolosses und des enormen Stromverbrauchs für sage und schreibe nur 100 Familien – bei denen es sich noch dazu um sogenannte „Non-Resident Indians“ handelt, also Auslandsinder, die sich jede Menge solcher Appartments in einer Stadt mit knapp 18 Milionen Einwohnern leisten können!
Und doch zeigte sich diese Stadt mit ihrer Ansammlung an Fremden am 26. Juli 2005 von ihrer besten Seite; der Tag, an dem sie von einer wahren Sintflut heimgesucht wurde. Obwohl anderthalb Tage lang die Regierung wie auch Stadtverwaltung so gut wie zum Erliegen (einschließlich der Polizei) gekommen war, wurden keinerlei Plünderungen, Gewalttätigkeiten, Belästigungen oder Vergewaltigungen gemeldet. Tatsache ist, dass jeder Einwohner dieser Riesenmetropole auf irgendeine Art die Hochherzigkeit und Hilfsbreitschaft völlig fremder Menschen auf der Straße zu spüren bekam. Einwohner und Läden, die ausreichend Nahrungsmittel gelagert hatten, versorgten praktisch jeden, der 14 Stunden lang in Schulen, bei der Arbeit, in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf Straßen gestrandet war, mit Lebensmitteln, Wasser, Tee, Obst und Keksen, als sie versuchten, auf den unter Wasser stehenden Straßen nach Hause zu gelangen.Dieser Metropole geht es darum, nach Kompromissen zu suchen und sie auch zu finden und genau das ist es, was diese Großstadt am Leben erhält und in einen Ort verwandelt, der zu einem besseren Verständnis der Vergangenheit und Politik dieses Landes beiträgt. In ihrer Landschaft kreuzen sich die Wege von Menschen und Ideen, Kulturen und Existenzkämpfen. Zu jedem Zeitpunkt aber ist diese Metropole bereit, Veränderungen zu akzeptieren und sich den Herausforderungen ihrer sich ständig ändernden Stadtlandschaft mit ihren Mustern, ihrem Freud und Leid, ihrer Angst und Zuversicht, Geborgenheit und Liebe zu stellen – Tag für Tag und mit jedem Zug, der die Bewohner an ihr Ziel bringt. Ganz im Sinne des Versprechens dieser Stadt!
Fotos:
Kaiwan Mehta, Anuj Rao, Nuno Grancho, Peter Gorsshans & Sabrina Manzochi
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