My Promised City Warschau

Warschau. Promised City

Promised City© The Promised City, Foto: Martin Wälde

Zerstört und immer von neuem wiederaufgebaut, montiert und demontiert, geplant und unvollendet, erträumt und verwirklicht, nicht wiederaufgebaut und nicht realisiert, verbessert und verhunzt – Warschau hat Visionären stets viel Raum gelassen. Mehrmals gab es Neuanfänge. Nach der Aufteilung Polens zwischen Preußen, Österreich und Russland gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlor Warschau seine Hauptstadtfunktion und damit auch viel an Lebendigkeit, doch im Zuge der industriellen Revolution stieg es erneut zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum auf. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahre 1918 wurde Warschau ein weiteres Mal Hauptstadt, befreite sich in kurzer Zeit von seiner russischen Patina und kämpfte um den Rang einer mitteleuropäischen Metropole. Im Zweiten Weltkrieg verlor es 80 Prozent seiner Gebäude und die Hälfte seiner Bevölkerung (darunter fast alle Juden). Dennoch wurde es erneut zur polnischen Hauptstadt erklärt – zu einem Zeitpunkt, als im Zentrum noch Rauch aus den Ruinen aufstieg und viele den wirtschaftlichen Sinn des Wiederaufbaus in Zweifel zogen. Nach 1989 fand die Stadt in der Zeit der schockartig ablaufenden Modernisierungs- und wirtschaftlichen Transformationsprozesse eine neue Rolle als künstliches Herz Polens, als Gelobtes Land für die Ehrgeizigen und Talentierten, zerrissen zwischen alten europäischen Werten und amerikanischer Dynamik.

Zeitweise existierte Warschau in größerem Maße im virtuellen Raum als in der Wirklichkeit – in den Zeichnungen der Stadtplaner, die im Zweiten Weltkrieg Visionen einer Stadt der Zukunft entwarfen, in den Reden von Politikern, in den Idealen engagierter Bürger und Künstler, in den schläfrigen Köpfen der Menschen, die in den Morgenzügen in die Stadt des Erfolgs und Wohlstands unterwegs waren, in den Legenden, die man sich in Polen davon erzählte, wie undankbar und anspruchsvoll diese Stadt sei, sowie in den Meinungen der Warschauer, die gerne selbst als Architekturkritiker auftreten.

Das Unfertige und Unausgesprochene an Warschau fasziniert nach wie vor. Immer noch gibt es hier ein überreiches Angebot an Orten, für die man Vorschläge über Vorschläge zur Nutzung machen kann: die leere Fläche um den stalinistischen Kulturpalast, die seit zwei Jahrzehnten die Fantasie der Politiker, Architekten und einfachen Bürger anregt; das sich selbst überlassene Weichselufer; die tausend harten Verbindungen mit ihren kleinen Spalten, an denen das Stadtgewebe plötzlich aufgeht und ausfranst, nur um gleich darauf einen neuen Faden aufzunehmen.

Vielleicht ist Warschau deswegen so besonders schön, weil seine Schönheit stets versprochen, doch niemals genossen wird? Wie ein Fest ohne Kater am nächsten Morgen, oder wie ein endloser Wahlkampf, nur ohne die Enttäuschung nach der Wahl.