Workshop in Tallinn, Estland

Die Zone: Das Herz von Kalarand



Wir verzichteten darauf, den offiziellen Detailplan zu studieren (da bekannt war, dass es sich um ein berüchtigt kryptisches Dokument handelt) und begaben uns auf Forschungsarbeiten.

Wir machten unsere schönen Schuhe schmutzig, doch es hat sich gelohnt. Auf Karten und Satellitenbildern erschien Kalarand als eine gleichförmige, durch Wanderwege unterteilte Grünfläche, doch vor unseren Füßen eröffnete sich eine vollkommen neue Perspektive. Inmitten des umstrittenen Kalarand-Territoriums erstreckte sich eine Terra incognita, ein naturbedingt äußerst schwierig zu erreichendes und – wie sich zeigen sollte – auch äußerst vielfältiges Ökosystem. Die ausgeschlossene Zone.

Wir unternahmen zwei Expeditionen, auf denen wir versuchten diese verlorene Welt zu kartieren. Wir entdeckten Anhöhen und Abgründe, fanden Asbest und Asphalt, hörten in Baumhainen die Rufe unbekannter Vögel und spürten auf der Wiese den Leichengestank der Verwesung. Vielleicht wichtiger noch, wir fanden Spuren nomadischer Siedlung: Schlafplätze, Feuerstellen, Spritzen und Flaschen, in die Böschung der Anhöhe geschlagene Treppenstufen, wir sahen inmitten der Zone einen luxuriösen Geländewagen mit getönten Scheiben stehen und erahnten menschliche Figuren zwischen den Büschen. Dies brachte uns dazu, über mögliche Deutungen des Begriffs „lokale Gemeinschaft“ nachzudenken. Auch brachte es uns dazu, über die Bedeutungen des Begriffs „exklusives Wohngebiet“ nachzudenken.

Ein paar Mal verirrten wir uns und zusätzlich zeigte sich, dass einige Stellen in der Zone für uns physisch schlichtweg unerreichbar waren. Somit können auch bei bestem Willen die als Ergebnis der Expedition entstandenen Karten nicht als vollständig oder endgültig angesehen werden.

Es lässt sich nur sagen, dass bei der Diskussion über Kalarand ein Gebiet mit humangeographisch geradezu gigantischen Ausmaßen vollkommen verschwiegen wurde. Vielleicht haben gerade die immer genaueren Detailpläne und das stetig wachsende Interesse der Medien dazu beigetragen, dass das Herz von Kalarand – die Zone – unsichtbar blieb.

Unsere Kartierungsarbeiten sind nur der erste (und wohl auch der letzte) Versuch die Zone als Schutzgebiet zu bewerten, als eine einzigartige psychogeographische Insel, auf der sich in all ihrer Verschiedenartigkeit Spuren der vulkanischen raumpolitischen Prozesse der letzten Jahrzehnte abgelagert haben.
Autoren: Aet Ader, Margus Tamm, Łukasz Wojciechowski
Fotos: Reio Avaste / Archiv des Goethe-Instituts