Jüdisches Leben in Oberhessen

 Klaus Konrad-Tromsdorf

 Eine ‚Geschichte der Juden in Hessen’ wolle er nicht schreiben, merkt Paul Arnsberg in seinem 1971 erschienenen zweibändigen Werk über die jüdischen Gemeinden in Hessen an[1], dies sei angesichts der  „ (..) vorhandenen und veröffentlichten historischen Materialien (..) keine Notwendigkeit; übrigens könnte kaum etwas Neues gesagt werden“[2]. Historisch bedingte  Besonderheiten machen es in der Tat notwendig, den Blick auf die jüdischen Gemeinden in Teilen der hessischen Region zu richten, daher der Focus auf die darmstädtische Provinz Oberhessen[3], in der Hilda Sterns Familie beheimatet war.

Regionale Besonderheiten

Die älteste jüdische Siedlung in Oberhessen geht bis in das zwölfte Jahrhundert zurück[4], wobei die frühesten Siedlungen in der Wetterau zu finden sind. Im Gebiet des Vogelsbergs (zu dem auch Nieder-Ohmen, der Heimatort von Hilda Stern, gehört) finden sich Hinweise auf jüdische Ansiedlungen bereits im 14. Jahrhundert.

Diese nur auf den ersten Blick ungewöhnliche Häufung jüdischer Siedlungen in bestimmten Teilräumen - hierzu gehören beispielsweise auch der Odenwald, Rheinhessen und die kurmainzischen Enklaven in Nord- und Osthessen - findet ihre Ursache in dem Bestehen vieler reichsunmittelbarer Standesherrschaften.

Diese waren bei der Aufnahme und Schutzerteilung für Juden nicht an die Politik der jeweiligen Landesherren gebunden, sie übten diese ‚Patrimonialherrschaft’ auch nach dem Reichsdeputationshauptschluß von 1803 aus. Die Aufnahme von Juden, für die diese ein ‚Schutzgeld’ zu entrichten hatten, war also für die Standesherren eine Einnahmequelle, derer sie sich bedienen konnten. Für die regionale Bündelung jüdischer Gemeinden ist dies eine zureichende Erklärung.

Entsprechend zeigen sich im 19. Jahrhundert - einhergehend mit dem schrittweisen Wegfall von Einschränkungen der Judengesetzgebung[5] - dass sich die demographische Verteilung der hessischen Juden zu verändern beginnt. Freizügigkeit in der Wahl des Wohnortes führen ebenso zur Auflösung vieler ländlicher Kleingemeinden wie das zunehmende verkehrstechnische Erschließen des Landes. Ziel sind die ‚wirtschaftlich interessanten Großstadträume’.[6]

Noch bis zum Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts bestehen jedoch die Restbestände der historischen Wohnortverteilung weiterhin. Arnsberg zählt zu diesem Zeitpunkt (1932) 401 Gemeinden in Gesamthessen, davon 198 im Volksstaat Hessen-(Großherzogtum Hessen-Darmstadt). Die bis heute bestehende Zahl jüdischer Friedhöfe - Arnsberg nennt die Zahl von 390[7] - zeigt, dass die Anzahl der jüdischen Kleingemeinden weit höher gewesen sein dürfte, zumal viele dieser Friedhöfe als Sammelfriedhöfe genutzt wurden.

Im damaligen Volksstaat Hessen, dessen Einwohnerzahl im Jahr 1932 1.347.279 beträgt, leben 20.401 jüdische Deutsche, also 1,5% der Gesamtbevölkerung.[8]

Gute Nachbarschaft?

‚Bodenständig’, formuliert Arnsberg, seien sie gewesen, die hessischen Juden, ‚und in ihre deutsche Umwelt integriert’.[9] Noch 1934 ist im ‚Israelitischen Familienblatt’ folgende Beschreibung zu lesen:

„In den schmucken oberhessischen Dörfern an den Hügeln des Vogelsbergs, wohnen seit vielen Generationen jüdische Familien. Ihre Häuser stehen in der Reihe der anderen, sie treiben Handel mit den Bauern und ein bisschen Viehzucht und Landbau für sich und ihren Bedarf, sie sind zu eigenen kleinen Gemeinden von 20 bis 100 Menschen zusammengeschlossen, sie hatten bis vor kurzem ihren jüdischen Lehrer und bestimmt ihre kleine Synagoge. Die allwöchentliche Fahrt nach Frankfurt galt dem Einkauf und dem Verkauf und gelegentlich einem bescheidenen Vergnügen. Man kannte sie am oberhessischen Dialekt, an der soliden und manchmal etwas ‚deftigen’ Art.“ [10]

Als ‚lange gewachsene Symbiose im Sinne eines dauerhaften Zusammenlebens zum gegenseitigen Nutzen’ charakterisiert Monica Kingreen das ‚enge’ nachbarschaftliche Verhältnis zwischen christlichen und jüdischen Familien [11].

Auch in der Erinnerung heute noch Lebender scheint sich dieses Bild zu bestätigen, so schreibt Otto Schneider in einer kurzen Publikation über ‚Die Juden in Nieder-Ohmen’:

„Wir, die Älteren, haben noch Jahrzehnte mit den Juden unserer Gemeinde zusammengelebt. Rückschauend kann festgestellt werden, dass diese jüdischen Gemeindemitglieder wirklich eingegliedert waren im kulturellen Leben des Dorfes, dass sie als gleichwertige Bürger behandelt und geachtet wurden, dass es sogar gute freundschaftliche Beziehungen gab, (..).“[12]

Nicht unbedingt deckungsgleich hingegen sind Erinnerungen von Überlebenden des Holocaust:

‚Schon um 1920’, schreibt die 1913 in Lich (Oberhessen) geborene Irma Isaak, ‚stand der Antisemitismus in voller Blüte.  (..) Es wurde immer schlimmer, besonders in der Schule (..). Ein Mitschüler Kraushaar aus Friedberg (..) schrieb jeden Tag  in der Pause an die Tafel ‚Juda verrecke’. Als ich wagte, mich zu beschweren, antwortete unser Lehrer ‚Zeichen unserer Zeit, ich kann das nicht ändern’’.[13]

Ernst-Ludwig Chambré, 1909 in Lich geborener Sohn einer dort sein 1781 ansässigen jüdischen Kaufmannsfamilie bemerkt hierzu:

„Zwischen den jüdischen und christlichen Bürgern bis zur Hindenburgwahl von 1925 bestand ein freundliches Verhältnis. Von 1925 an verschlechterte sich das Verhältnis mit der zunehmenden Hetze und besonders nachdem von 1929 an die Weltwirtschaftskrise die Bauern schlimm (..) schädigte. Die Nazis predigten, an all dem seien ‚die Juden’ schuld.“[14]

Die hier wiedergegebenen Aussagen zeichnen ein durchaus verwirrendes weil widersprüchliches Bild:

Integriert in die Gesellschaft, aber dennoch kein selbstverständlicher Bestandteil von ihr. Angepasst an Habitus und Gestus der Umwelt und dennoch tendenziell ausgegrenzt. Akzeptiert als zugehörig zu einer Zweckgemeinschaft, aber nicht respektiert als Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft. Rechtlich gleichgestellt als hessische Staats- und deutsche Reichsangehörige, aber latenten antisemitischen Diffamierungen ausgesetzt.

Wenn wir davon ausgehen, dass es sich bei den eingangs erwähnten Einschätzungen - insoweit sie auf persönlichen Erinnerungen basieren - um durchaus subjektive Positionen handelt, so ist zu fragen, welche Erklärungsmuster es für diese eigentümliche Dichotomie geben kann. Welche Indizien für das Bestehen antisemitischer Vor-urteile lassen sich also auffinden? Auch hier soll - soweit es eben geht - die spezifische Situation Oberhessens in den Blick genommen werden. Rüdiger Mack hat sich auf verdienstvolle Weise in der Vergangenheit mit dieser Frage beschäftigt[15]:

Die bereits skizzierten regionalen Besonderheiten lassen es naheliegend erscheinen, die Beziehungen zwischen christlicher und jüdischer Bevölkerung näher zu betrachten. Mack geht davon aus, dass mit dem Ende der Grundherrschaft die hessische Landbevölkerung zu eigenständigen Wirtschaftssubjekten wird und sich in Folge davon die Beziehungen zur jüdischen Bevölkerung verändern.

Das Ende der napoleonischen Kriege bringt den Bauern das Ende der Hörigkeit, bedeutet aber auch, dass selbständiges Wirtschaften erfordert ist. Kaum ein Bauer verfügt über die hierzu notwendigen Kenntnisse. Eine Zusammenarbeit mit den jüdischen Nachbarn bietet sich an. Die Einrichtung des „Hofjuden“ entsteht; dieser übernimmt für „seine“ Bauern verschiedene Geschäfte, Mack weiß zu berichten, dass auch das Vermitteln von Ehen zu diesen Geschäften gehören konnte. Besteht, so Mack, die Einrichtung des „Hofjuden“ vereinzelt noch bis in das Jahr 1933, so wird bereits durch die Wirtschaftskrise der Jahre 1840/1850 die Lage der Kleinlandwirte extrem verschlechtert. Missernten und niedrige Getreidepreise führten dazu, dass die Bauern, die in der Regel die ökonomischen Zusammenhänge nicht durchschauen, die Juden als Verursacher ansehen und diese zum Sündenbock stempeln (Wucherer/ Ausbeuter etc.). Dieser Vorgang ist auch in anderen Regionen zu beobachten, gewinnt allerdings in Hessen deutlich an Umfang und Schärfe.

Zwar führen bessere Ernten und eine durch die Industrialisierung bedingte Fluktuation der Landbevölkerung zu einem Verringern der Spannungen, doch ist ein verhängnisvolles Strukturmuster vorgegeben, was sich in der Folge der sogenannten „Gründerkrise“ nach 1871 erneut zeigen sollte. Die Auswirkungen der Gründerkrise auf die Landwirtschaft sind beträchtlich, es dauerte mehr als zwanzig Jahre, bis die Depression überwunden ist. Wieder werden die Juden als Sündenböcke verantwortlich gemacht. Diese Stimmung schließlich führt dazu, dass der Marburger Bibliothekar Dr. Otto Böckel ab etwa 1885 als Protagonist antisemitischer Parteien auftreten kann, die bis zum Beginn des ersten Weltkrieges ein relevantes politisches Potential in Oberhessen bleiben sollte Wenngleich die Böckel-Bewegung auch unter dessen Nachfolger (Philipp Köhler aus Langsdorf bei Lich) keinen entscheidenden politischen Einfluss erlangt, durch Verbessern der wirtschaftlichen Lage der Bauern bis zum Beginn des ersten Weltkrieges 1914 sogar stagniert, findet der Antisemitismus der NSDAP Ende der zwanziger Jahre hier einen Ansatzpunkt, wie man ihn sich günstiger nicht vorstellen kann: Die Leichtigkeit, mit der antisemitische Vorurteile reaktiviert werden können, zeigt deren Virulenz allzudeutlich auf. Zudem leben viele Anhänger der Böckel-Bewegung noch und schließen sich begeistert der NSDAP an. [16]

Im Kern benennt diese Schilderung bereits recht genau, auf welcher (ökonomischen) Grundlage antisemitische Vor-Urteile entstehen konnten. Dass diese hierbei auf den traditionellen Antijudaismus der christlichen Kirchen (Juden als Christusmörder) als bereits bestehendem Vor-Urteil fußten, kann mit einiger Sicherheit angenommen werden.

Wichtig ist Macks Hinweis auf die antisemitische Bauernbewegung und ihre recht erhebliche Resonanz in Oberhessen. Die ‚Böckel-Bewegung’ war jedoch mehr als nur lokale Protestbewegung. Antisemitische Parteien, die bei den Reichstagswahlen antraten (z.B. die ‚Deutschsoziale Reformpartei’), bildeten die Plattform, auf der sich Vor-Urteile politisch artikulieren konnten[17].

Die Wahlergebnisse zeigen zwar den von Mack erwähnten Rückgang im Deutschen Reich - eine Tendenz, die sich auch im Grundsatz in Hessen verfolgen lässt. Hier fällt jedoch vor allem auf, dass dieser Rückgang auf einem sehr hohen Niveau stattfindet. Noch deutlicher erkennbar ist schließlich einerseits, dass die Zustimmung zu antisemitischen Gruppierungen in Oberhessen besonders ausgeprägt ist und andererseits, dass diese sich (siehe die Ergebnisse für die Stadt Gießen) vor allem in den ländlichen Gebieten überdeutlich stark zu artikulieren scheint.

Die Wahlergebnisse der NS-Parteien zeigen ein vergleichbares Bild[18]. Zwar ist ein Stadt-Land-Gefälle nicht mehr deutlich auszumachen, hier dürfte die Vermutung angebracht sein, dass eine Zustimmung zur NSDAP und ihrer Ideologie nicht ausschließlich auf deren antisemitischen Positionen basiert, diese jedoch bei bestimmten Bevölkerungsgruppen auf größere Resonanz stießen als bei anderen. Darauf weist auch die Tatsache hin, dass in den zwanziger Jahren in Oberhessen verschiedene antimsemitische Bünde und Organisationen tätig waren, so etwa die ‚Deutsche Jugend’.[19]

Schließlich ist festzuhalten, dass es im unmittelbaren Anschluss an die Reichstagswahl im März 1933 in ländlichen Ortschaften Oberhessens zu pogromartigen Ausschreitungen der Bevölkerung gegen die dort lebenden jüdischen Deutschen kommt. Ein solcher Pogrom ist für die Nacht vom 12. auf den 13. März in Lich/Kreis Gießen verbürgt, ebenfalls für den Ort Gedern im Vogelsberg.[20]

Deutlich wird, dass antisemitische Vor-urteile bereits lange vor 1933 in der oberhessischen Bevölkerung verwurzelt waren. Hier scheinen mir einige Gedanken über die generationenübergreifende Bindewirkung antisemitischer Vorurteile angebracht zu sein.

Als ‚Vor-Urteil’ im Sinne des Soziologen Alphons Silbermann verstanden, erzeugt Antisemitismus ‚Gefühlsregungen’, die Menschen zu ‚einer Folgerung ohne viel Nachdenken und ohne Vertrautheit mit den Fakten bringen’. Damit - so Silbermann weiter - werden ‚menschliche Interaktionen’ bestimmt, ‚die nicht nur zwischen einzelnen Individuen (ablaufen, KT), sondern auch zwischen ganzen Gruppen’.[21] Als Quellen dieses Vorurteils - auch hier Silbermann folgend - sind ‚Eigengruppengefühl’, ‚Lernen/Erlernen’ und schließlich ‚motivationale Faktoren’ auszumachen.

Während die ‚Teilhabe an einem gemeinsamen Gehalt von Gesinnungen und das Eingehen auf gemeinsame soziale Normen’ sozialen Zusammenhalt ebenso erzeugen wie Gefühle von Loyalität gegenüber Institutionen, sind diejenigen, die an diesem Zusammenhalt nicht teilnehmen, ‚verschieden’ und ‚fremdartig’, daher Außenstehende [22].

Dieses ‚Eigengruppengefühl’ wird grundsätzlich erlernt, und zwar durch den ‚Einfluss anderer Menschen’ [23]. Neben der Familie übt auch die Schule, resp. die Einstellungen und Meinungen der dort Lehrenden, Einfluss aus. Schließlich dienen Vorurteile dazu, individuelle Bedürfnisse (z.B. nach Sicherheit, nach Prestige, nach dem Ausgleich nicht erfüllter Wünsche) zu befriedigen. Insofern erweisen sich Faktoren wie etwa ‚Frustration, Aggression, Wettbewerb und Schuldzuweisung’ als individuell ;motivational’. Sie prägen wesentlich das persönliche Fühlen, Denken und Handeln, und werden durch ‚soziale, kulturelle oder religiöse Rationalisierungen’ [24] konstitutiv für ein ‚Eigengruppengefühl’.

So verstanden wird m.E. erkennbar, dass der scheinbar eruptive Antisemitismus nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten tatsächlich nichts anderes war als die gewaltsame Manifestation jenes ‚Eigengruppengefühls’ größerer Teile der Bevölkerung, das sich - nicht zu Unrecht - nun politisch legitimiert wähnte.

„Hitler war keine 1933er Explosion“, schreibt Ernst-Ludwig Chambré 1987, „er war das Resultat von jahrhundelangem Schwelen, bis er es zum Ausbruch verhalf[25].

Vertreibung und Vernichtung[26]

Februar 1945: wenige Wochen vor Kriegsende werden in Oberhessen 27 Menschen (zumeist die jüdischen Ehefrauen sogenannter ‚Mischehen’) von der Gestapo verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Am 25. März besetzen us-amerikanische Truppen Darmstadt, am 27. März Frankfurt und am 28. März Gießen.

Vorausgegangen  waren systematische Vertreibungen jüdischer Deutscher in der Zeit von 1933 bis 1938, wobei es auch hier Indizien dafür gibt, dass der Vertreibungsdruck in den Landgemeinden Oberhessen sehr früh beginnt und offensichtlich ´von der Bevölkerung massiv unterstützt wird[27].

Die noch verbliebenen jüdischen Familien werden in der Pogromnacht des 9. November 1938 brutal terrorisiert. Um deren Vertreibung zu forcieren, werden in den Städten und Dörfern Oberhessens 235 Männer (Familienväter zumeist) gewaltsam in das KZ Buchenwald verschleppt[28]. Gegen das schriftliche Versprechen, eine umgehende Auswanderung zu betreiben, werden die meisten bis zum Jahresende 1938 wieder freigelassen - einige überleben die Inhaftierung nicht

Mit Kriegsbeginn werden Auswanderungen erschwert, bald gänzlich verboten. Ab Jahresende 1940 beginnen die Deportationen der noch in Hessen lebenden jüdischen Menschen. Im Herbst des folgenden Jahres (1941) werden Juden aus Frankfurt verschleppt, 1942 solche aus dem übrigen Hessen; Ziel sind Gettos und Lager im besetzten Polen. Im Herbst 1942 werden die noch in Oberhessen Zurückgeblieben deportiert, einige der Transporte haben Theresienstadt als Ziel. Zuvor jedoch plündert die Finanzverwaltung systematisch die zu Deportierenden aus. Vermögen wird beschlagnahmt, Häuser, Wertgegenstände und Hausrat ‚verfallen dem Reich’. Die ‚guten Nachbarn’ ergreifen die Gelegenheit: überall in Hessen finden öffentliche Versteigerungen jüdischen Besitzes statt, das Interesse der Bevölkerung ist groß, die Beteiligung mehr als lebhaft. Nur wenige lehnen es ab, sich an diesem ‚legalisierten Raub’ zu beteiligen[29].

„Die Austreibung der Juden hatte in Hessen sehr radikal stattgefunden ...“, stellt Monica Kingreen fest; “Ende des Jahres 1942 lebten in Oberhessen nur noch solche jüdische Menschen, die mit einem sogenannten Arier verheiratet waren“[30]. Auch diese Menschen werden im Lauf der Jahre 1943 und 1944 deportiert - Ziel sind überwiegend die Vernichtungslager im besetzten Polen.

Von den Deportierten des Transportes im Februar 1945 werden einige in Theresienstadt von der sowjetischen Armee befreit und können im Frühsommer in ihre Heimatorte zurückkehren.

Kein Neubeginn

1961 bilanziert Harry Maor in einer empirischen Untersuchung den ‚Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Deutschland’[31]. Er gelangt zu dem Ergebnis, dass von einem ‚Wiederaufbau’ im Grunde genommen nicht geredet werden kann. Für das (neue) Bundesland Hessen stellt Maor fest: Außer in der Stadt Frankfurt existieren in 9 Städten jüdische Gemeinden, nämlich in Bad Homburg, Bad Nauheim, Darmstadt, Fulda, Gelnhausen, Kassel, Marburg/Lahn, Offenbach und Wiesbaden. Von den vierhundert Mitgliedern dieser 9 jüdischen Gemeinden leben 120 in 48 Dörfern im ländlichen Umfeld der jeweiligen Städte. Die Gesamtzahl der in Hessen lebenden Juden gibt Maor mit 2.142 an[32].

1971 stellt Max Willner für den Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen in seinem Geleitwort zu dem Werk von Arnsberg fest: „Heute (am 1.1.1971) beträgt die Zahl der Juden im Land Hessen 1.563, welche in den Gemeinden Darmstadt, Fulda, Gelnhausen. Bad Homburg, Kassel, Marburg (Lahn), Bad Nauheim, Offenbach (Main), Wiesbaden zusammengefasst sind (diese Aufzählung umfasst nicht die jüdische Gemeinde Frankfurts, die dem Landesverband nicht angehörte, K.T.). ... Allein aus diesem Hinweis ergibt sich die Grundverschiedenheit des heutigen Status mit der früheren Struktur des hessischen Judentums mit vielen Hunderten von Kleingemeinden. Diese Kleingemeinden werden niemals wieder zum Entstehen kommen. ...“[33].

Dieser Feststellung wird man auch heute, im Jahr 2003, zustimmen müssen.


 

[1] Paul Arnsberg Die jüdischen Gemeinden in Hessen, 2 Bde. Frankfurt/Main: Societätsverlag 1971

[2] Arnsberg, a.a.O.., Bd. 1, S. 9

[3] vgl. die anliegenden Karten

[4] diese und die folgenden Angaben nach Arnsberg, a.a.O., S.10-22

[5] mit der Reichsverfassung von 1871 war die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung verbunden

[6] Arnsberg, a.a.O., S. 10

[7] Arnsberg, ebd.; die Zahl bezieht sich (1971) auf das heutige Land Hessen, Rheinhessen und den Kreis Montabaur

[8] Gesamtdeutschland hatte bei 60.734.222 Einwohnern eine jüdische Bevölkerung von 560.140. Das entsprach einem Anteil von 1,08%

[9] Arnsberg, a.a.O., S. 15

[10] Dr.M.W.:Wie geht es den Landgemeinden? Die Betreuung oberhessischer Juden ist in Frankfurt zentralisiert, in: Israelitisches Familienblatt Ausgabe Frankfurt, 36 Nr. 46, S. 9. Zitiert nach Monica Kingreen.: Gewaltsam verschleppt aus Oberhessen. Die Deportation der Juden im September 1942 und in den Jahren 1943-1945, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins, hrsgg. v.d. Vorstand des OHG, 85. Band, Gießen 2000,

S. 5-95

[11] Kingreen, ebd. S. 5f

[12] Schneider, O.:  Die Juden in Nieder-Ohmen, o.O.,o.J., S. 112

[13] Brief Irma Isaaks (u.a.) an den Autor vom 30.11.1988

[14] Brief Ernst-Ludwig Chambré’s an den Autor vom 23.12.1987, in: Konrad-Tromsdorf, K.: Die Licher haben ein großes Schweigen ... .Lich: Eigendruck 1999

[15] Rüdiger Mack.: Otto Böckel und die antisemitische Bauernbewegung in Hessen (1887-1894), in: Wetterauer Geschichtsblätter, Bd.II, 16/1967

ders.: Laubacher Juden vor 1933 und Antisemitismus in Oberhessen, in: Die Laubacher Juden, hrsgg. v.d. Friedenskooperative Freienseen-Gonterskirchen-Grünberg-Laubach-Mücke, Laubach 1988

[16] Mack, l988, S. 19

[17] Es soll hier in Erinnerung gerufen werden, dass die Reichsverfassung von 1871 keine Wahlbeschränkungen (Wahl-Zensus) vorsah. Allerdings war der Grundsatz ‚one man, one vote’ mehr als nur wörtlich zu nehmen: Frauen besaßen bis zum Ende des Kaiserreichs kein Wahlrecht. Was nun die Wahlergebnisse der ‚Antisemitenparteien’ anlangt, hat Jörg-Peter Jatho schon 1988 einige aufschlussreiche empirische Befunde veröffentlicht, die es uns ermöglichen, die oberhessische Situation eingehender zu betrachten:

 

Jahr

Reich

Hessen

Oberhessen

Kreis Gießen

Stadt Gießen

                              Angaben in %

1890

0,6

6,1

21,7

31,1

4,8

1893

3,4

15,8

32,5

36,0

2,7

1896

 

 

 

31,6

3,1

1898

3,6

13,4

27,4

32,4

3,4

1903

2,5

5,5

22,5

26,9

3,7

1907

3,1

8,0

32,0

33,6

6,7

1911

 

 

 

30,7

9,7

1912

2,5

8,9

25,8

36,0

14,1

 

Jörg-Peter Jatho.: Vorfaschismus in Gießen 1890 - 1933, Eigendruck, Gießen 2/1988, S. 5

 

[18] Ein unmittelbarer Vergleich mit den Wahlergebnissen der NS-Parteien (1924: Reichstagswahlen im Mai: Völkisch Sozialer Block und Reichs- bzw. Landtagswahlen im Dezember: Nationalsozialistische Freiheitsbewegung. 1929: Provinzial- und Kreistagswahlen. 1932: Landtagswahlen im Juni, Reichstagswahlen im Juli und November) ergibt folgendes Bild:

 

Jahr

Reich

Hessen

Oberhessen

Kreis Gießen

Stadt Gießen

                             in %

1924

6,5

2,9

3,6

3,9

6,6

1924

3,0

1,3

2,0

1,5

2,1

1924

 

1,4

2,0

1,6

2,2

1928

2,6

1,9

1,7

1,8

1,4

1929

 

 

3,5

 

3,4

1929

 

 

3,1

 

 

1930

18,3

18,5

20,5

15,1

19,4

1931

 

37,1

47,6

44,3

46,0

1932

 

44,0

57,3

53,1

52,5

1932

37,4

43,1

57,7

55,1

49,1

1932

33,1

40,2

55,3

49,3

42,2

1933

43,9

52,8

63,4

58,0

51,9

Jatho, ebd.

 

[19]Diese Gruppierung wird in der Fachliteratur als Teil der völkisch-bündischen ‘Deutschen Jugendgemeinschaft’ (gegründet im März 1920 von Reinhold Wulle) eingestuft. 1920 schloß sich der seit 1919 in Gießen bestehenden ‘Deutsche Jugendbund’ der ‘Deutschen Jugendgemeinschaft’ an. Ebenfalls 1920 schloss sich die o.g. ‘Deutsche Jugend’ der ‘Deutschen Jugendgemeinschaft’ an. Die ‘Deutsche Jugend’ wurde 1919 gegründet: als Gründer fungierte neben einigen Gießener Professoren auch Fürst Karl zu Solms-Lich, ursprünglich war diese Gruppierung der sog. ‘Arbeitskreis der Jüngeren’ im ‘Hellmuth v. Mücke Bund’, der als rassistisch und antisemitisch beschrieben wird, allerdings keiner politischen Partei zugehörte. Die Existenz einer Licher Gruppe der ‘Deutschen Jugend’ ist noch 1925 nachzuweisen (vgl. einen Bericht des damaligen Gießener Anzeiger vom 3. Juni 1925). Der rassistische und antisemitische Charakter dieser Gruppe ergibt sich aus der Tatsache, dass das Hessische Landesamt für das Bildungswesen am 16.10.1922 per Verbotsverfügung allen hessischen Schülerinnen und Schülern die Mitgliedschaft in der ‘Deutschen Jugendgemeinschaft’ untersagte (Begründung: Antisemitismus). DJG-Gruppen bestanden in Oberhessen bis etwa 1928.

Vgl. hierzu: H. Boumann: Zur Entwicklung des Antisemitismus und der rechtsradikalen Gruppierungen in der Gießener Region 1890 bis 1933, in: Reimann, Albach, Boumann u.a. (Hrsg): Antisemitismus und Nationalsozialismus in der Gießener Region, Gießen: Eigendruck 1991, S. 31-64.

 

[20] zu dem Licher Pogrom vgl.: Konrad-Tromsdorf, K.: Die Licher haben ein großes Schweigen ...  a.a.O..; der Pogrom in Gedern wird von Saul Friedländer erwähnt. Ders.: Das Dritte Reich und die Juden. München: Beck 1998, S.30. Es muss bedacht werden, dass ortsgeschichtliche Untersuchungen für die allermeisten Gemeinden Oberhessens bis heute fehlen, daher ist nicht anzunehmen, dass es sich bei den hier erwähnten Fällen um Ausnahmeerscheinungen gehandelt hat.

[21] Alphons Silbermann: Alle Kreter lügen. Bergisch-Gladbach: Lübbe 1993, S. 20. „Das Vorurteil“, so Silbermann, „das ich gegen meine Gefährtin wegen ihrer unerträglichen Putzsucht habe, ist individuell bedingt; das Vorurteil, das Katholiken gegen Protestanten oder umgekehrt haben, ist gruppenbedingt.“ (ebd)

[22] Silbermann, a.a.O., S. 22

[23] Silbermann, ebd.: „Das Kind orientiert sich zunächst an der Familie, das heißt, Kinder übernehmen ihre Einstellungen und damit auch ihre Vorurteile in erster Linie von den Eltern und anderen Familienmitgliedern. Dabei ist nicht zu unterstellen, dieser Lernprozess sei ein bewusster Prozess, zumal es keiner formellen Unterrichtung bedarf, damit Kinder die Vorurteile ihrer Eltern übernehmen.“

[24] Silbermann, ebd.

[25] Brief Ernst-Ludwig Chambrés an den Autor, a.a.O.

[26] im Rahmen der hier vorliegenden Ausführungen kann nur ein grober Überblick gegeben werden. Eine detaillierte und kenntnisreiche Darstellung, die ausdrücklich zur weiterführenden Lektüre anempfohlen wird,

findet sich bei Monica Kingreen, in: dies.: a.a.O.

[27] aus der Stadt Lich liegen entsprechende Angaben vor. Nach einer 1935 angefertigten Aufstellung sind von den etwa achtzig in Lich lebenden jüdischen Deutschen siebenundzwanzig nicht mehr in Lich ansässig. Nur acht Personen (die Familien Chambré, Goldschmidt und Stiefel) haben Deutschland verlassen, sie leben in Belgien, den Niederlanden und in Venedig. Die übrigen fliehen in deutsche Groß- und Mittelstädte (Frankfurt, Gießen, Mannheim, Essen, Siegen).

Stadtarchiv Lich, Liste wg. ‚Maßnahmen gegen Steuerhinterziehung, Kapitalfluch und dergl.’ vom 27. November 1935, in: Klaus Konrad-Tromsdorf./Nadja Kuhl.: Materialmappe zur Ausstellung ‚Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945. Fernwald: Bookxpress 2002, Dok.6.1.1.

Bereits 1934 verüben SS-Männer aus Hungen/Kr. Gießen einen Überfall auf jüdische Familien in Langsdorf, einem Dorf zwischen Hungen und Lich, bei dem Moritz Oppenheimer von einem SS-Mann erschossen wird. Nachkriegsermittlungen der Gießener Staatsanwaltschaft führten zu einem ersten Prozess im Jahr 1947, bei dem die Angeklagten zu langjährigen Haftstrafen verurteilt werden, ein Berufungsverfahren im Jahr 1949 reduziert dieses Strafmaß erheblich. Die im Zuge der kriminalpolizeilichen Ermittlungen erhobenen Aussagen von Tatzeugen legen es nahe, dass dieser Überfall mit Wissen der Langsdorfer NSDAP geschah und von Teilen der Bevölkerung gebilligt wurde. Vgl. Klaus Konrad-Tromsdorf: Der Langsdorfer Judenpogrom, Lich: Eigendruck 1989

[28] Kingreen, a.a.O., S. 8

[29] ausführlich dokumentiert in der Ausstellung ‚Legalisierter Raub’. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945’; Grundlage der Ausstellung bilden Akten der hessischen Finanzbehörden, die 1998 auf Anweisung des damaligen hessischen Finanzministers, Karl Starzacher, zusammengetragen wurden. Die wissenschaftliche Auswertung dieser Unterlagen durch das Frankfurter Fritz-Bauer-Institut führte zu der vom Hessischen Rundfunk hergestellten Ausstellung. Vgl. hierzu auch den Ausstellungskatalog gleichen Titels, Redaktion Bettina Hindemith/Susanne Meinl, Hg. Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Frankfurt/Main 2002

[30] Kingreen, a.a.O., S. 45

[31] Maor, H.: Über den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Deutschland seit 1945, phil. Diss., Mainz 1961. Die Untersuchung liefert eine eindringliche Bestandsaufnahme verschiedener sozialstatistischer Parameter, die hier nicht im einzelnen erörtert werden können. Vgl. www.harrymaor.com; die Dissertation ist als downloadfähige pdf-Datei vorhanden.

 

[32] Maor, a.a.O., S. 76 ff

[33] Arnsberg, a.a.O., S.7 (Geleitwort)