Sydney an der Havel: das Hans Otto Theater in Potsdam
Das Hans Otto Theater liegt im Rücken einer eindrucksvollen preußischen Husarenkaserne auf einer Landzunge am Ufer der Havel und des Tiefen Sees. Ob der traumhaften Wasserlage und der Bauformen wurde es schon oft mit Jørn Utzons Opernhaus in Sydney verglichen.
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Konzept/Kamera/Schnitt: Andreas Christoph Schmidt/Michael Auer, Schmidt & Paetzel Fernsehfilme GmbH im Auftrag des Goethe-Instituts, 2008„Hier ruht Ihr festlicher Theaterabend“, hatte jemand auf die Betonwand der gewaltigen Bauruine am Alten Markt gepinselt, nicht ohne ein mahnendes Kreuz beizufügen. Denn durch die Wiedervereinigung 1990 stockte der jahrzehntelang herbeigesehnte Theaterneubau. Ein Jahr wurde gerechnet und beraten, dann revidierten die Potsdamer die Fehlentscheidung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und rissen 1991 den Theaterrohbau wieder ab. Zu groß, zu unpraktisch, zu teuer im Unterhalt, lautete das Verdikt über das DDR-Projekt (und zu hässlich, dachten viele insgeheim). Zudem hatte es die Partei auf das Grundstück des preußischen Stadtschlosses gesetzt, doch dem Wiederaufbau des Schlosses stehen die Potsdamer inzwischen positiver gegenüber als die Berliner.
Es begann eine quälende Zeit der Wettbewerbe, Planungsänderungen, haushalttechnischen Finten und des politischen Geplänkels, der Standortwechsel und der Konkurse. Doch die reichlich verworrene Planungsgeschichte fand ein glückliches Ende. Entworfen vom Kölner Architekten Gottfried Böhm liegt das neue Hans Otto Theater im Rücken einer eindrucksvollen preußischen Husarenkaserne auf einer Landzunge am Ufer der Havel und des Tiefen Sees. Ob der traumhaften Wasserlage und der Bauformen wurde es schon oft mit Jørn Utzons Opernhaus in Sydney verglichen.
Tradition kontrastiert mit Moderne
Lange Zeit räudiger Hinterhof der Stadt bietet das Quartier heute alles, was das Herz des Stadtentwicklers, Denkmalpflegers und Architekten begehrt: Wasser, Schiffe, ehrwürdige Bäume, drei preußische Reithallen und pittoreske Industriedenkmale aus rußgrauer Vorzeit, die man alle wunderbar nostalgisch herausputzen kann.
Gottfried Böhm hält mit eigenen Stärken dagegen, mit expressiven Formen für das Zuschauerhaus sowie modernen, rationalistischen Gebäudeteilen für Bühnenhaus und Funktionstrakt. Drei dynamisch geschwungene, übereinandergestaffelte Dachflächen wölben sich über dem Zuschauerhaus und öffnen sich wie die Blütenblätter einer Orchidee. Mit ihrer feuerroten Signalfarbe bilden sie mit dem kontrastierenden alten Baumbestand und der spiegelnden Wasserfläche einen dramatischen Dreiklang.
Flexibilität ist Programm
Regelrecht inszeniert ist der Weg des Zuschauers. Da der Zugang von schräg hinter dem Gebäude erfolgt, ist der Eingang seitlich angelegt und führt in eine schmale, mit schwarzen Wänden und roter Decke dunkel gehaltene Garderobehalle. Eine Rampe steigt entlang der Wand aus der Dunkelheit hinauf ins helle, voll verglaste Foyer, von wo aus sich linker Hand der weite Blick aufs Wasser öffnet, auf vorbeiziehende Schiffe und auf das jenseitige Ufer des Babelsberger Schlossparks.
Die Wand rechter Hand zum Zuschauerraum ist ebenfalls verglast, und wenn nicht gerade der Vorhang geschlossen ist, fällt Tageslicht bis auf die Bühne. Es wird interessant sein zu verfolgen, ob es Regisseure gibt, die zur Sommerzeit diese vom Architekten angebotene einmalige Option wahrnehmen werden. 470 Plätze fasst der Zuschauerraum ohne Rangunterschiede, der sich vollständig auf Bühnenniveau absenken lässt. Flexibilität ist Programm, denn das Haus soll auch für Kongresse und Bälle zur Verfügung stehen.
Neues Wahrzeichen
Mit einem genialen Kunstgriff löste Böhm das Hinterhofproblem: Der Werkstatt- und Verwaltungstrakt grenzt an den alten Gasometer. Der erhielt eine Toreinfahrt und findet als Betriebshof, in dem Lkw und Müllcontainer verschwinden, eine zweite Verwendung. Der Fassadenkünstler und Architektensohn Markus Böhm hat ihn mit einem rot über die Stahlwand züngelnden Wandgemälde versehen. Ein weiteres Industriedenkmal grenzt zur Seeseite an das Theater, die ehemalige Zichorienmühle, ein pittoresker Bau aus preußischer Zeit, in dem das Theaterrestaurant Platz fand.
Böhms Orchidee am Tiefen See, zweifellos ein neues Wahrzeichen der Stadt, ist ein Architekturerlebnis erster Güte. Potsdam, bislang arm an qualitätsvoller Nach-Wende-Architektur, kann es gebrauchen.
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker.
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September 2006, aktualisiert April 2008
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