Architektur und Geschichte in Deutschland

Modell, Laboratorium, Zentrum für Kunst: Gartenstadt Hellerau

Auf dem Sand 27. Holzhaus aus den Deutschen Werkstätten, erbaut 1929
(Foto: aus dem Bildband „Gartenstadt Hellerau /Einhundert Jahre erste deutsche Gartenstadt“ © Palisander Verlag)

Die Gartenstadt Hellerau in Dresden war und ist Blaupause für zahlreiche Städtebauprojekte. Die Grundlage für ihr architektonisches und sozialreformerisches Konzept ist ein utopischer Roman, der den Gründer der „Gartenstädte“, Ebenezer Howard, inspirierte.

Als im Jahr 1898 der Londoner Stenotypist Ebenezer Howard das Buch von Edward Bellamy Looking Backward (deutsch: „Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887“) las, hatte er eine einleuchtende stadtplanerische Idee. Howard skizzierte eine Wohnform, in der das Gute am Landleben und die Vorteile des städtischen Lebens miteinander verbunden werden konnten; eine kreisförmige Siedlungsstruktur mit strahlenförmig abgehenden Boulevards, öffentlichen Parks und einem zentralen Platz mit Ladeneinheiten. Ganz wichtig bei diesen „Gartenstädten“, so nannte Howard seine Utopie, war die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.

Die genossenschaftlich verwalteten Mietshäuser mit eigenem Gärtchen sollte sich jeder leisten können, Arbeiter wie Angestellte, mit einer fixierten und bis ans Lebensende garantierten niedrigen Pacht.

Das Beste aus Stadt und Land

Im spätindustriellen Europa fand diese sozialreformerische Vision viele Freunde. Die bald weltweit entstehenden Gartenstadt-Bewegungen führten zum Bau zahlreicher Siedlungen. Als die erste gilt die „Garden City Letchworth“ (1903), rund 60 Kilometer von London entfernt. Das vielseitig einsetzbare Gartenstadt-Konzept wurde auch für die Planung kolonialer und post-kolonialer Großstädte wie Neu-Delhi, Canberra oder Quezon City verwendet und letztlich zum folgenreichsten städteplanerischen Modell des 20. Jahrhunderts.

Auch in Deutschland interessierte man sich dafür: Die 1902 gegründete „Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft“ in Berlin schrieb in ihren Statuten den genossenschaftlichen Aspekt sogar als wesentliches Merkmal fest. Die homogenen, grünen Viertel schienen den Unternehmern eine ideale Lösung zur Befriedung der von den Gewerkschaften agitierten Arbeiter zu sein. Im Ruhrgebiet entstanden Werksiedlungen wie Teutoburgia in Herne, die Dahlhauser Heide in Bochum oder die Gartenstadt Hüttenau in Hattingen, die noch immer genossenschaftlich funktioniert.

Utopie vor den Toren Dresdens: Hellerau

Am konsequentesten wurde Howards Gartenstadt-Konzept in Deutschland ab 1909 aber in Dresden-Hellerau umgesetzt. Der Möbelfabrikant Karl Schmidt – Anhänger der Lebensreformbewegung – plante den Neubau seiner „Deutschen Werkstätten“ auf 140 Hektar zusammen mit einer Gartenstadt-Siedlung als Einheit von Wohnen und Arbeit, Kultur und Bildung: kurze Fußwege vom Miethäuschen im Grünen zur Fabrik, Unterricht für die Kinder in den eingebunden Schulen. Er brachte bedeutende Architekten wie Richard Riemerschmid, Heinrich Tessenow oder Hermann Muthesius nach Hellerau. Im Spannungsfeld der beginnenden Moderne wurde nun über die zeitgemäße Umsetzung einer Gartenstadt diskutiert: Flachdach gegen Spitzgiebeldach, Historismus gegen Funktionalismus, handwerkliche Tradition gegen industrielle Fertigteilproduktion. So findet man heute in der Hellerau-Siedlung ganz verschiedene Haustypen: villenartige Einfamilien-Residenzen, schlichte Reihenhäuser und die beeindruckenden Musterholzhäuser.

Kurze Blütezeit

Während Riemerschmids Neubau der „Deutschen Werkstätten“ am südlichen Rand der Siedlung entstand, setzte das neoklassizistische, von Pavillons eingefasste Festspielhaus von Heinrich Tessenow am nördlichen Ende den entscheidenden kulturellen Akzent. Ergänzt wurden Wohnen und Arbeiten durch die Bildung. Und was für eine! In Émile Jaques-Dalcrozes reformpädagogischer Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus lernten Tänzer wie Mary Wigman, Gret Palucca und Rudolf Laban, und der Brite A. S. Neill gründete dort 1921 die International School, den Vorläufer seiner berühmten Summerhill School. Die Aktivitäten und Reform-Experimente rund um das Festspielhaus brachten zahlreiche Künstler nach Hellerau, darunter Emil Nolde, Stefan Zweig, Gottfried Benn, Franz Kafka, Else Lasker-Schüler und Konstantin Stanislawski. Als 1914 der Geldgeber und Visionär Wolf Dohrn unerwartet starb und den Schulversuchen das Geld ausging, war die Saat bereits gesät: Hellerau galt als international stilbildend und wegweisend für modernen Tanz, Bühnenbild und Theater, Reformpädagogik, und, mit den „Deutschen Werkstätten“, für serielle, schnörkellose Möbelproduktion.

Licht, Luft, Gleichheit!

Nach der Wiedervereinigung setzen sich Initiativen, Künstler und Kuratoren dafür ein, Hellerau wieder zu einem international beachteten Zentrum für Kunst und Kultur zu entwickeln. 2009 wurde die Renovierung des Festspielhauses erfolgreich abgeschlossen. Dort findet sich jetzt das Europäische Zentrum der Künste Dresden, unter anderem mit den Tanzcompagnien von William Forsythe und Constanza Macras, und dem jährlich stattfindenden CYNETart, einem Festival für „computergestützte Kunst“.

In der Gartenstadt Hellerau, Teil des Netzwerkes Europäische Gartenstadt, wird heute also wieder, wie zu ihren Gründungszeiten, neues kreatives Terrain beschritten. Die politischen Ambitionen, mit denen die Gartenstadt-Bewegungen in das 20. Jahrhundert starteten, finden sich heute ansatzweise in dem erstarkten Interesse an genossenschaftlich finanzierten Bauprojekten und gemeinschaftlich agierenden Baugruppen wieder.
Stephanie Wurster
lebt als freie Literaturredakteurin, Autorin und Übersetzerin in Berlin.

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Dezember 2012

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