Architektur und Geschichte in Deutschland

Strahlender als es je gewesen ist: Die Sanierung des Berliner Bode-Museums hat alle Zeitschichten getilgt

Außenansicht
Als „Wasserschloss“ wird das an der Spitze der Spreeinsel liegende Berliner Bode-Museum ob seiner prächtigen Neobarockarchitektur gerne tituliert, aber auch als „Schatzhaus für Skulptur“. Denn es beherbergt die weltweit größte und bedeutendste Sammlung, die die Entwicklung der abendländischen skulpturalen Kunst von der Spätantike bis zum preußischen Klassizismus repräsentiert.

Als Wilhelm von Bode, den alle Welt ob seiner Macht und seines Auftretens „Museumsgeneral“ nannte, das 1897–1904 vom Hofarchitekten Ernst Eberhard von Ihne errichtete Haus übernehmen konnte, war es ein reines Tageslichtmuseum ohne künstliche Beleuchtungsmöglichkeiten. Ursprünglich trug das Museum den Namen Kaiser Friedrichs, was dem im Zweiten Weltkrieg stark beschädigten Haus zu DDR-Zeiten fast zum Verhängnis geworden wäre. Mit der politisch motivierten Umbenennung 1957 auf den Namen des Museumsgründers war der Weg frei für Wiederaufbaumaßnahmen.

Im Sanierungsprogramm der Museumsinsel

Projektion 2015
Nach der Wiedervereinigung entsprach das Bode-Museum wie auch die anderen Häuser auf der Museumsinsel weder museumstechnisch noch bautechnisch zeitgemäßen Standards und wurde in das Sanierungsprogramm der inzwischen zum UNESCO-Welterbe gehörenden Museumsinsel einbezogen. Im Rahmen dieses Programms, das sich wohl noch bis 2020 hinziehen wird und dessen Gesamtkosten mittlerweile mit 1,5 Milliarden Euro veranschlagt werden, wollen die Planer ein städtebaulich-organisatorisches Manko korrigieren. Die Museen sind nicht über einen gemeinsamen Platz zugänglich, teilweise sogar nur über Brücken von außerhalb der Insel erreichbar, und es gibt keine Verbindung auf der Insel, die zudem noch vom Stadtbahnviadukt durchschnitten wird. Ein gemeinsames Eingangsbauwerk neben dem Neuen Museum soll gebaut werden, und eine „Archäologische Promenade“ soll die Museen miteinander verbinden.

Eine Aufgabe für den Wiener Architekten Heinz Tesar, der den Wettbewerb für die Sanierung des Bode-Museums gewonnen hatte, war deshalb, die unterirdische Anbindung an diese zukünftige Passage zu planen. Ansonsten hatte er das Haus denkmalgerecht wieder herzurichten, was ihm eindrucksvoll gelungen ist, wie die Festgesellschaft bei der Einweihung einmütig anerkannte. Sie und die Öffentlichkeit waren durch die geschickte Politik des Generaldirektors Peter Klaus Schuster und durch ein euphorisches Presseecho auf das freudige Ereignis positiv eingestimmt worden.

Hochtechnisierte Maschine im historischen Gewand

Basilika
Die Denkmalpfleger freilich hüllen ihr Haupt in Schweigen und die zur Vorstellung des fertig gestellten, noch leeren Museums im November 2005 laut gewordenen Klagen besorgter Bauhistoriker sind längst verklungen. Bei allem Jubel über die prächtige neue Skulpturenschau wird übersehen, dass dem Bode-Museum als Baudenkmal zumindest im Inneren übel mitgespielt worden ist. Natürlich hat man die originalen Fußböden und die eindrucksvollen Holzdecken, die historischen aus Italien und jene aus der Bauzeit, sorgfältig restauriert. Doch die Priorität der museologischen Bedingungen, Klima, Licht und Brandschutz einerseits und den idealisierten Bildwert der historistischen Architektur andererseits führte zu erheblichen Verlusten an originaler Bausubstanz, die diesen Zielen im Weg stand. Das Bode-Museum ist heute eine hochtechnisierte Maschine im historischen Gewand. Die Wände durch Lüftungskanäle und Haustechnik perforiert, manche ganz abgetragen und wieder aufgeführt, fast alle Wandoberflächen neu, in den Obergeschossen die Stuckdecken neu, die Oberlichter nicht mehr in Funktion, weil darüber ein Technikgeschoss eingezogen wurde, kurzum, das Prinzip der behutsamen Restaurierung unter Bewahrung von möglichst viel Originalsubstanz war nicht Leitschnur der 152 Millionen Euro teuren Sanierung.

Wenig Anklang findet die Edelstahlästhetik der Glaswand im neuen Romanik-Saal, richtig störend wirken die modischen Leuchten in der rekonstruierten zentralen „Basilika“, gewöhnt haben sich die Museumsleute schon an die massiven Sockel für die Bildwerke, gelungen ist Tesar die Unterfangung der östlichen Treppenrotunde, die mit ihrem Kryptacharakter auf den Eingang zur zukünftigen „Archäologischen Promenade“ vorbereitet.

Die strahlende Wiederauferstehung des Bode-Museums als in den Idealzustand versetzter wilhelminischer Kulturtempel ist erkauft worden durch den Verlust der bauhistorischen Zeitschichten eines ganzen Jahrhunderts, der Denkmalwert ist dem Bildwert geopfert worden. Eine „denkmalgerechte Sanierung“ (Generaldirektor Schuster) hätte wohl anders aussehen müssen.

Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2006

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