Architektur und Geschichte in Deutschland

Hilfe für bröckelnde Baukunst – die Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Logo Deutsche Stiftung Denkmalschutz; Copyright: Deutsche Stiftung DenkmalschutzSeit 25 Jahren engagiert sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz für Geschichtszeugnisse aus Stein. Die 1985 gegründete Stiftung ist die größte Bürgerinitiative für den Denkmalschutz in Deutschland. In den 25 Jahren ihres Bestehens hat sie bislang 3.600 Denkmale mit rund 430 Millionen Euro unterstützt. Dorf- und Klosterkirchen, Schlösser und Burgen, Wohnhäuser und Leuchttürme konnten so instand gesetzt, gerettet und einer denkmalgerechten Nutzung zugeführt werden.

Besonders rasant hatte sich die Denkmalschutz-Stiftung nach der Wiedervereinigung 1990 entwickelt. Der sichtbare Verfall ganzer Kulturlandschaften in Ostdeutschland löste eine Welle der Solidarität für das gemeinsame kulturelle Erbe aus und machte Denkmale in den neuen Bundesländern zu einem Schwerpunkt der Förderung. Inzwischen unterstützt die private Bonner Stiftung wieder gleichmäßig Projekte in ganz Deutschland. Mit ihrer Hilfe wurden bröckelnde Bauten wie die ehemalige Ratsapotheke in Görlitz wiederhergestellt, ein Renaissancegebäude mit prächtigen Giebeln, oder das Haus am Horn in Weimar, ein architektonischer Schatz der Bauhaus-Zeit. Wieder flott gemacht wurde auch die 1919 gebaute Bark „Seute Deern“ (Süßes Mädchen) in Bremerhaven, der letzte aus Holz gebaute Tiefwassersegler der deutschen Handelsflotte. Die mittelalterliche Burg Eltz in Rheinland-Pfalz steht ebenso auf der Förderliste wie der ab 1889 errichtete historische Krankenhauskomplex in Hamburg-Eppendorf, der aus mehreren Pavillons in einer parkähnlichen Grünanlage besteht und so den Übergang vom kasernenartigen Armenhospital zum modernen Behandlungskrankenhaus markiert.

Der Bagno-Konzertsaal in Steinfurt: Vom einstigen Glanz nichts mehr zu sehen; Copyright: Preiss/Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Unbürokratische Anschubhilfen

Mehr als 190.000 Förderer engagieren sich für das (bau-) kulturelle Erbe in Deutschland und finanzieren die Arbeit der gemeinnützigen Deutschen Stiftung Denkmalschutz mit ihren Spenden. Seit 1991 erhält die Stiftung darüber hinaus auch Mittel aus der Lotterie Glücksspirale.

„Oft können wir schnelle, unbürokratische Anschubhilfen leisten und ermöglichen so, dass weitere finanzielle Mittel für ein Restaurierungsprojekt freigegeben werden. Denn wir ersetzen die öffentliche Förderung nicht, wir ergänzen sie“, sagt Ursula Schirmer, die Pressesprecherin der Stiftung.

Wegen der Kulturhoheit der Bundesländer gibt es in Deutschland nicht ein bundesweit gültiges Denkmalschutzgesetz, sondern 16 Landesdenkmalschutzgesetze und ebenso viele Landesdenkmalämter. Deren personelle und finanzielle Ausstattung habe sich in den vergangenen 15 Jahren immer weiter verschlechtert, die Einflussmöglichkeiten der Denkmalpfleger seien vielfach beschnitten worden, kritisiert Ursula Schirmer: „Kompetente Partner bei den Behörden, die für Kontinuität, Verlässlichkeit und eine qualifizierte fachliche Betreuung sorgen, sind aber ganz entscheidend für den Erfolg unserer Arbeit.“

Das Bewusstsein für die Bedeutung von Denkmälern schärfen

Der Bagno-Konzertsaal in Steinfurt: Vom einstigen Verfall nichts mehr zu sehen; Copyright: Preiss/Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Die Stiftung möchte das Bewusstsein der Menschen für die Bedeutung von Geschichtszeugnissen aus Stein, Holz und Beton schärfen. Denn vor dem finanziellen Engagement für bedrohte Denkmale steht deren ideelle Wertschätzung. Zum Stiftungsprofil gehören daher auch öffentliche Debatten und Diskussionen – online werden sie auf der Seite www.denkmaldebatten.denkmalschutz.de geführt. Da geht es zum Beispiel um die 1957–59 errichtete Bonner Beethovenhalle: Soll das denkmalgeschützte Gebäude für einen spektakulären Festspielhaus-Neubau abgerissen werden oder nicht? Aus finanziellen Gründen haben die Investoren den Neubau vorerst auf Eis gelegt, abgeschlossen ist die Debatte deshalb nicht. Denn wie in Bonn stehen auch in anderen Städten mehr und mehr Bauten der Nachkriegsmoderne zur Disposition.

Umso engagierter bemüht sich die Stiftung um den Erhalt qualitativ hochwertiger Gebäude aus der Zeit zwischen 1945 und 1975 und rückt die Nachkriegsmoderne in den Fokus ihrer Förderpolitik. Die bisher in Bonn-Bad Godesberg ansässige Stiftung zieht 2010 selbst in einen typischen Bau der Nachkriegszeit in der Bonner Schlegelstraße. In dem 1954–55 errichteten Gebäude von Sep Ruf mit raumhohen Verglasungen und schlanken Säulen werden die rund 100 Mitarbeiter der Stiftung dann erstmals unter einem Dach vereint ihren Aufgaben nachgehen können.

Für Instandhaltung werben

In Zukunft wird die Stiftung bei Städten, Kommunen, Kirchengemeinden und privaten Denkmaleigentümern verstärkt für die regelmäßige Instandhaltung der bauhistorischen Schätze werben. Ursula Schirmer: „Man sollte nicht warten, bis man in der Dorfkirche vom Altar in den Himmel sehen kann. Die regelmäßige Pflege zu finanzieren ist leichter als Geld für den Wiederaufbau von Ruinen zu organisieren.“ Die Sprecherin der Denkmalschutz-Stiftung betont, dass sich Fördermaßnahmen nicht nur in (bau-) kultureller Hinsicht auszahlen, sondern auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. „Denkmalpflege schafft und erhält qualifizierte Arbeitsplätze im regionalen Bauhandwerk.“ Die Qualität der handwerklichen Leistungen in Deutschland, gerade auch bei historischen Bautechniken, sei international anerkannt. Mit ihrer Bildungseinrichtung „DenkmalAkademie“ will die Stiftung das hohe fachliche Niveau sichern. Bauexperten und Denkmaleigentümer können in einer Vielzahl von Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen ihr fachliches Wissen vertiefen.

Und auch jungen Menschen wollen die Bonner Denkmalschützer vermitteln, dass historische Bauten ein wertvoller Bestandteil der täglichen Lebenswelt sind. Mit dem bundesweiten Schulprogramm „denkmal aktiv“ unterstützt die Stiftung Schulprojekte fachlich, organisatorisch und finanziell. Darüber hinaus bieten die von der Stiftung ins Leben gerufenen „Jugendbauhütten“ in der Trägerschaft der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste e. V. (ijgd) den Rahmen für ein „Freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege“. Anknüpfend an die Tradition der mittelalterlichen Bauhütten können Jugendliche in Handwerks- und Baubetrieben, bei Architektur- und Planungsbüros oder Denkmalbehörden mitarbeiten.

Lebendige Geschichtszeugnisse

Nicht zuletzt koordiniert die Bonner Stiftung den jedes Jahr im September stattfindenden „Tag des offenen Denkmals“, den deutschen Beitrag zu den European Heritage Days unter der Schirmherrschaft des Europarats. An diesem Tag werden selten oder nie zugängliche Kulturdenkmäler einem breiten Publikum geöffnet. Das Thema am 12. September 2010 ist „Kultur in Bewegung – Reisen, Handel und Verkehr“. Dass diese Veranstaltung in Deutschland besonders erfolgreich ist (2009 erlebten 4,5 Millionen Besucher mehr als 7.500 offene Denkmäler), erklärt Ursula Schirmer mit der Art der Durchführung. In Frankreich zum Beispiel werden die Bauwerke zentral festgelegt und von Denkmalpflegern aus der Behörde vorgestellt. In Deutschland kommen die präsentierten Projekte „von der Basis“. Denkmaleigentümer sind eingeladen, ihre Schätze selbst vorzustellen, von Hindernissen, Widrigkeiten und Erfolgen zu erzählen. So werden Geschichtszeugnisse lebendig, und gerade das macht den Reiz für die Besucher aus.

Elisabeth Schwiontek
ist freie Journalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2010

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