Architektur und Geschichte in Deutschland

Dokumentieren und Erinnern – die Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam

Seit Mitte der 1990er-Jahre ist das ehemalige sowjetische Untersuchungsgefängnis in Potsdam öffentlich zugänglich. Im historischen Gebäude und im Neubau der Ende 2008 gegründeten Gedenkstätte wird seit April 2012 eine Dauerausstellung gezeigt, die sich mit der Geschichte des Ortes auseinandersetzt. Erklärtes Ziel der Initiatoren ist es, sowohl die menschenverachtenden Maßnahmen des sowjetischen Geheimdienstes zu dokumentieren, als auch den ehemaligen Häftlingen zu gedenken.

In den Fängen des Geheimdienstes

Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße, Foto: Peter Neusser

Das KGB-Gefängnis war Teil des sogenannten Militärstädtchens Nr. 7, ein in sich geschlossenes Areal, in dem auch Offiziere des Geheimdienstes mit ihren Familien untergebracht waren. Das Gebäude diente als zentrales Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Spionageabwehr. Von 1945 bis in die 1980er-Jahre hinein waren hier sehr verschiedene Personengruppen unterschiedlicher Nationalität inhaftiert: in der unmittelbaren Nachkriegszeit unter anderem deutsche Jugendliche, die verdächtigt wurden, der nationalsozialistischen Untergrundbewegung „Werwolf“ angehört zu haben. Von 1949 bis in die 1950er-Jahre neben Sowjetbürgern vor allem Deutsche, die unter Spionageverdacht standen. In der darauf folgenden Phase bis in die 1980er-Jahre hinein wurden ausschließlich sowjetische Militärangehörige und Zivilangestellte der sowjetischen Truppen in Haft genommen.

Falscher Heimweg: abgeführt

Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße, Foto: H. Immel

Ines Reich, Leiterin der Gedenk- und Begegnungsstätte, erklärt, dass der Ort selbst – das ehemalige Gefängnis – Ausgangspunkt für die drei Fragestellungen der Ausstellung war: „Wer war für diesen Ort zuständig? Wer kam auf welche Weise in die Fänge des sowjetischen Geheimdienstes? Wie waren die Haftbedingungen vor Ort?“ Die Ausstellung dokumentiert insgesamt fünfzig verschiedene Lebensgeschichten. Darunter auch die von Friedrich Klausch, der als 19-jähriger Betriebsschlosser auf dem Heimweg in der sowjetischen Besatzungszone als angeblicher Spion abgeführt wurde. Fast ein halbes Jahr blieb er im Gefängnis Leistikowstraße und kam anschließend in das Speziallager Nr. 1 nach Sachsenhausen. Ein typisches Schicksal, denn für viele Häftlinge war Potsdam nur die erste Station auf einem Leidensweg, der dann in sowjetischen Speziallagern, im Gulag oder im Strafvollzug der DDR endete.

Sommerkleider im Winter

Wie entsetzlich die Haftbedingungen waren, erzählen ehemalige Insassen in Videointerviews, aber auch der Gefängnisbau selbst gibt darüber Auskunft. In den sogenannten Bestrafungszellen oder im ehemaligen „Stehkarzer“, einem vollständig verriegelten Raum, der nahezu ohne Frischluftzufuhr gehalten wurde, ist die Vergangenheit spürbar. Hier mussten die Häftlinge ohne essen, trinken oder schlafen zu dürfen so lange stehen, bis sie erschöpft zusammenbrachen. Ziel war es, ihnen auf diese Weise Geständnisse abzuringen. Frauen, die im Sommer inhaftiert wurden, bekamen auch im Winter keine warme Bekleidung, geschweige denn die nötigsten Hygieneartikel. Der extrem scharfe Rauputz in einer Zelle im Erdgeschoss machte es den Häftlingen unmöglich, sich an die Wände anzulehnen, sich auszuruhen oder Klopfzeichen zu geben.

Architektur als Dokument

Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße, Foto: Peter Neusser

Die sensible bauliche Konservierung des Architekten Wolfgang Brune berücksichtigte sämtliche Spuren an den Wänden, darunter auch Inschriften, die von den Haftbedingungen erzählen. „Das Beste, was Architektur hier leisten kann, besteht darin, das Gebäude als Dokument so lesbar wie möglich zu hinterlassen“, so Brune. Der zentrale Gedanke des architektonischen Konzepts ist es, dem Ort und der zugehörigen Umgebung einen Rahmen zu geben. Daher markieren eine Hecke und ein Eingangsbau klar das Terrain. Der sachlich gehaltene Neubau fungiert als Übergangsraum zwischen der heutigen Stadtlandschaft und dem historischen Ort. Er dient der Sammlung und Konzentration auf das Thema. Die Wahrnehmung wird sensibilisiert, sodass der aufmerksame Besucher die Spuren lesen kann, die von den Häftlingen zum Teil nur mit den Fingernägeln in die Wände geritzt wurden. Es bleibt nachvollziehbar, welche Bereiche original erhalten sind und an welchen Stellen der Bau vorsichtig konserviert wurde.

Was historische Grundrisse erzählen

Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße, Foto: Peter Neusser

Der Architekt hat mit seinem Team auch die historischen Grundrisse und die Vorgeschichte des Verhörgefängnisses recherchiert. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Evangelische Frauenhilfe in dem Gebäude untergebracht. „Ich wollte die Mutation des Gebäudes von einer sozialen Einrichtung zum Ort schlimmsten Vergehens, zu einer Terrorzelle, darstellen“, erläutert Brune. So wurden etwa Büroräume, Teeküche und ein Packraum in Zellen, Schleusen oder Häftlingsduschen umgewandelt und in verschiedene Wände Beobachtungslöcher zur Kontrolle der Häftlinge eingelassen.

Im Spiegel der Kunst

Katharina Gaenssler,  Verhörraum im ehemaligen KGB-Gefängnis Leistikowstrasse, Fotoinstallation in der Architekturgalerie München 2008, Ausschnitt

Wolfgang Brune initiierte auch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ort. Der Fotograf Peter Neusser überlagerte in Mehrfachbelichtungen verschiedene Raumansichten einer jeden Etage. Er erzeugte räumliche Irritationen, indem er Lichteinfälle und Maueröffnungen verunklarte. Die Künstlerin Katharina Gaenssler fragmentierte einzelne Wände, indem sie diese eins zu eins in unzähligen Nahaufnahmen ablichtete. Später rekonstruierte sie mit den Teilstücken, die an den Kanten als bewusste Sollbruchstücke zu erkennen sind, die jeweilige Wand.

Die künstlerischen Auseinandersetzungen, die auch in einer Ausstellung präsentiert wurden, sind auf ihre Weise der Erinnerung verpflichtet. Das enstpricht auch dem Konzept des Orts. „Uns war es wichtig“, so Museumsleiterin Ines Reich, „dass der Ort auch eine Gedenkstätte für die Opfer darstellt, die im ehemaligen Gefängnis unter den katastrophalen Haftbedingungen gelitten haben.“


Astrid Mayerle
ist Kunsthistorikerin. Sie lebt und arbeitet als freie Kulturjournalistin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2012

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