Neue Nutzung, neues Leben – Perspektiven ostdeutscher Baudenkmäler
Zahlreiche Baudenkmäler in Ostdeutschland stehen leer und verfallen, weil Geld für die Sanierung gleichermaßen fehlt wie zeitgemäße Nutzungskonzepte. Mit innovativen Konzepten werden sie mancherorts zu neuem Leben erweckt.
Im Wertebewusstsein der Öffentlichkeit hat das bauliche Erbe der DDR noch keinen angemessenen Platz gefunden – dabei schufen manche Architektenkollektive des „Arbeiter- und Bauernstaats“ bemerkenswerte Stadträume und herausragende Einzelgebäude. Nicht nur wegen ihrer architekturhistorischen Bedeutung ist die Bewahrung dieser Gebäude wichtig. Sie sind auch identitätsstiftende Zeugnisse der ostdeutschen Lebenswelt. Beispiele aus Eisenhüttenstadt, Rüdersdorf und Chemnitz.
Mut zum Risiko: der „Aktivist“ in Eisenhüttenstadt

1954 wurde in Eisenhüttenstadt, das damals Stalinstadt hieß, die Großgaststätte „Aktivist“ eröffnet. Tanzcafé, Bierlokal und Restaurant in holzvertäfelten Sälen mit Stuck und Kronleuchtern boten Platz für mehr als 600 Gäste. Einst die beste Ausgeh-Adresse in der ersten sozialistischen Planstadt, erwies sich die in hoher handwerklicher Qualität errichtete Gaststätte nach der Wiedervereinigung 1991 als überdimensioniert. Wie so viele Gebäude in Ostdeutschland verlor auch der „Aktivist“ seine Funktion, wurde geschlossen und stand fast zwanzig Jahre lang leer.

Dann aber sorgte die Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft EWG mit einer neuen Idee und Mut zum Risiko für die Wiederbelebung des Denkmals. Rund fünf Millionen Euro investierte die Genossenschaft in Sanierung und Umbau und verlegte 2010 den Unternehmenssitz von einem Neubau am Rand der schrumpfenden Stadt in den zentral gelegenen „Aktivist“. In den einstigen Tanzsälen befinden sich jetzt Büros, die durch Glastrennwände gegliedert sind. Die Denkmalpfleger genehmigten eine zeitgemäße Wärmedämmung der Fassade und einen Glaspavillon als Anbau, der als Versammlungsraum dient. Mit der Bierstube, die ein Pächter betreibt, hat der „Aktivist“ auch wieder eine Gaststätte zu bieten.
Unternehmenssitz in der Großgaststätte

„Es war ein langer Weg von der Idee zur Umsetzung“, sagt Verena Rühr-Bach, die Vorstandsvorsitzende der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft, deren Engagement mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz 2011 ausgezeichnet wurde. „Die Kommunikation mit unseren Mitgliedern spielte eine wichtige Rolle, wir haben unsere Planung zum Beispiel in einer Ausstellung vorgestellt. Die große und sehr positive Resonanz darauf hat uns bestärkt.“ Heute ist klar: Es war die richtige Entscheidung. Denn ein Haus wie der „Akki“ – so nennen ihn die Eisenhüttenstädter – schafft Identität. „Früher mussten wir Besuchern unsere Adresse immer genau beschreiben“, erzählt Verena Rühr-Bach, „heute findet man uns ohne Probleme, denn den Akki kennt jeder.“
Die „Akropolis“ von Rüdersdorf

Dass Gebäude steinerne Geschichtszeugnisse sind, die regionale Identität stiften, zeigt auch das denkmalgeschützte Kulturhaus „Martin Andersen Nexö“ in Rüdersdorf bei Berlin. Der monumentale, weithin sichtbare Bau – wegen seiner tempelartigen Front auch „Akropolis“ genannt – wurde 1956 als Klubhaus für die Rüdersdorfer Zementwerker eröffnet. Pompöses Vestibül, ein großer Saal mit 550 Plätzen inklusive Theaterbühne und Orchesterpodium, Klubräume und ein kleiner Saal mit 100 Plätzen: Die Räume mit weitgehend originaler Innenausstattung dienen noch heute ihrer ursprünglichen Funktion. In der „Akropolis“ finden Konzerte, Bälle, Lesungen und Ausstellungen statt. Vereine nutzen die kleineren Räume, ein Förderverein kümmert sich um die detailgetreue Erneuerung der Ausstattung mit Lampen oder Farben. „Das Haus ist hier in der Gegend nach wie vor die wichtigste Kultur- und Kommunikationsstätte“, sagt Marina Krüger von der Rüdersdorfer Kultur GmbH, die das Kulturhaus betreibt. Nur die Dimension des monumentalen Gebäudes ist angesichts drastisch gesunkener Einwohnerzahlen ein Problem. Marina Krüger: „Früher hatte das Zementwerk in Rüdersdorf 3.000 Beschäftigte, heute sind es 300.“
Ungewisse Zukunft

Anders als die Rüdersdorfer „Akropolis“ steht der 1951 eröffnete spektakuläre „Kulturpalast der Bergarbeiter“ in Rabenstein bei Chemnitz seit Jahren leer. Der neoklassizistische Prunkbau mit Sechs-Säulen-Portikus, Theater, Tanzsaal, Klubräumen, Restaurant und Bibliothek, eingebettet in eine weiträumige Parklandschaft, war der erste Kulturpalast der DDR. Die Wismut AG, die im nahen Erzgebirge waffenfähiges Uran schürfte, errichtete ihn nach sowjetischem Vorbild, trennte sich aber schon 1967 von der teuren Anlage. Zunächst zog das DDR-Fernsehen ein. Nach der Wende übernahm der Mitteldeutsche Rundfunk den Bau. Seit dessen Auszug im Jahr 2000 steht das Kulturdenkmal leer und verfällt. Der heutige Eigentümer will auf dem Grundstück Eigenheime errichten und hat deshalb einen Antrag auf Abriss des Kulturpalasts gestellt, den die Stadt Chemnitz abwies. Der Eigentümer will nun vor dem Verwaltungsgericht klagen. Das Beispiel Rabenstein macht deutlich, was für den Erhalt von Denkmälern wichtig ist: überzeugende neue Nutzungskonzepte und Investoren, die Sinn für geschichtsträchtige Immobilien und ein Gespür für ihr Potenzial haben.

Für die einen authentische Zeugnisse ostdeutscher Alltagskultur, für die anderen ideologisch belastete Relikte des SED-Regimes: In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Einordnung der DDR-Architektur in das baukulturelle Erbe der Nachkriegszeit. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand wird der Blick auf die architektonischen und städtebaulichen Qualitäten dieser Bauten jedoch sachlicher und klarer.
Elisabeth Schwiontek
ist freie Journalistin in Berlin.
ist freie Journalistin in Berlin.
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September 2012
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