Stadt der Zukunft

Slow City – die Internationale der urbanen Langsamkeit

„Ich bin mir selbst ein Freund. Ich nehme ernst, was ich denke und empfinde. Die Zeit, die ich dafür brauche, ist nie vertan. Dasselbe gestehe ich auch den anderen zu“, sagt Sten Nadolny, Autor des Bestsellers „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Seinen Weg gehen auch die Gründer der Initiative „Città Slow“ – bewusst langsam, im angemessenen Tempo, um Menschen, Natur und Region gerecht zu werden. In Deutschland haben sich ihr vier Städte angeschlossen.

Città slow – die Bewegung für Langsamkeit und Lebensqualität

Lärm und Hektik sucht man im italienischen Levanto vergeblich: Die Gassen der Altstadt sind für Autos tabu, die Geschäfte beliefern Handwerker und Bauern aus der Nachbarschaft. Das spricht für die Waren, aber auch für den sparsamen Umgang mit Zeit – Levanto ist ein Ort der Langsamkeit, die Lebensqualität bringen soll. Und: Levanto ist Partnerstadt von Hersbruck. Gefunden haben sich die beiden dank der Initiative Città Slow oder – streng genommen – dank eines Fast-Food-Restaurants in Rom. Als dieses eröffnete, fühlten sich einige Römer berufen, die einheimische Küche und Esskultur zu wahren und gründeten die Bewegung Slow Food. Daraus entstand die Gruppierung Città Slow oder Slow City, die Städte vernetzt und bekannt macht, in der Menschen und Umwelt im Mittelpunkt stehen und nicht Weltwirtschaft, Mobilität und Industrie.

Città Slow will keinen weltfremden Idealismus und auch keine Marketingstrategie verkaufen sondern handfeste und bodenständige Kommunalpolitik im Sinne der Agenda 21 mitbestimmen. Dazu gehört als wichtiges Instrument, die Produkte aus der Region zu stärken. So werden beispielsweise die Obstbauern ermutigt, alte Apfelsorten anzubauen und die Verbraucher angeregt, mal einen urwüchsigen Friesenapfel anstelle eines international genormten Granny Smith zu essen. Das spart und schenkt vielen Menschen Zeit – den Bauern, Lieferanten und Händlern – steigert aber auch gleichzeitig die Qualität und Vielfalt der einheimischen Produkte. So will Slow City die Individualität der Regionen in Zeiten der Vereinheitlichung durch die Globalisierung erhalten.

Der Verhaltenskodex der orangen Schnecke

Dem Netzwerk der Initiative Città Slow haben sich bislang 33 Städte in Italien, eine in Kroatien und vier in Deutschland angeschlossen. Sie alle haben sich einer nachhaltigen Umweltpolitik verpflichtet und nutzen innovative Technologien, um natürliche Ressourcen der Region zu schützen. Sie erhalten typische Kulturlandschaften sowie charakteristische Stadtstrukturen und sanieren die Altstadt ebenso sorgfältig wie sie neue Flächenerschließungen planen. Gastfreundschaft, Offenheit für Gäste und Städtepartnerschaften bis hin zu einer anspruchsvollen Gastronomie gehören ebenfalls zu den Zielen der Slow Cities. Sie fördern traditionelle Veranstaltungen und kulturelle Einrichtungen ebenso wie regionales Handwerk und Handel direkt vor Ort.

Das sind die Stärken der Slow Cities und gleichzeitig die Kriterien, die eine Città Slow erfüllen muss, um in dem Netzwerk bleiben zu dürfen. Die orange Schnecke, die Auszeichnung der langsamen Städte, darf nur behalten, wer langfristig sozial und ökologisch handelt und dabei über den eigenen Tellerrand hinaus schaut. Denn das ist eine zentrale Aufgabe des internationalen Stadtnetzwerkes: Erfahrungen auszutauschen, auf der Grundlage eines konkreten und verifizierbaren Verhaltenskodexes. Somit ist die Schnecke Auszeichnung und Verpflichtung zugleich, ein Label, an dem sich Einwohner, Touristen und Investoren orientieren können, die von einer Stadt Verlässlichkeit in Sachen Nachhaltigkeit für Mensch und Natur erwarten.

Hersbruck – die erste Città Slow in Deutschland

12.500 Einwohner zählt die kleine Stadt im Frankenland und ist stolz auf die kleinen Geschäfte und Märkte, auf Bratwurst, Bier und auf den typischen Brotkuchen. „Die Franken mögen’s eben slow“ sagen die Hersbrucker, die dann doch einen Stein ins Rollen gebracht haben, darunter der Bürgermeister Wolfgang Plattmeier. Hersbrucker, die sich bei Slow Food Deutschland engagierten, nahmen Kontakt mit Slow City auf, wurden von den italienischen Gründervätern anhand des Kriterienkatalogs begutachtet und als erste Stadt in Deutschland mit der Città Slow-Schnecke ausgezeichnet. Entscheidend dafür waren die regionalen Wochen in den Gasthäusern und Restaurants der Kleinstadt und ihrer Umgebung, die Jahr- und Wochenmärkte mit den regionaltypischen Erzeugnissen, die Hersbruck ebenso fördert wie die traditionelle Hirtenkultur und Kirchweih. Der Bürgermeister hofft „Trendsetter für zahlreiche Nachahmer einer nachhaltigen Stadtentwicklung“ zu sein. Tatsächlich bewerben sich mittlerweile einige deutsche Städte um die Auszeichnung, drei haben sie bereits erhalten. Einen eigenen Etat für Città Slow oder gar von dem Netzwerk selbst gibt es für die langsamen Städtchen nicht. Sämtliches Engagement kommt von den Bürgern und Offiziellen der Stadt. Geld bringt die Schnecke nur, wenn sie geschickt als werbewirksames Instrument im Stadtmarketing eingesetzt wird.

Città Slow hat uns viel Popularität gebracht. Die Philosophie setzen wir aber auch in die Tat um“, sagt Petra Hofmann vom Stadtmarketing Hersbruck. So lernen Kinder in dem Projekt „Miniküche“ von Profi-Köchen kochen und viel über Essen, Lebensmittel und Natur. Gekocht wird mit einheimischen Produkten, und gegessen wird das, was die Natur und Jahreszeit gerade bietet. „So ändert sich langsam was“, hofft Hofmann. Nachweislich schnell hat sich für die Frankenalbtherme etwas geändert: Sie hat eine neue ökologische Hackschnitzelheizung, die von örtlichen Waldbauern beliefert wird. „Stadt, Vereine und Initiativen investieren alle zusammen in Città Slow-Projekte“, sagt Frau Hofmann stolz.

Noch mehr deutsche Langsamkeit: Waldkirch, Überlingen und Schwarzenbruck

Das Konzept Città Slow passt auf den ersten Blick nicht in eine Zeit, in der alle Orte versuchen, „sich als kleines ‚Silicon Valley‘ zu präsentieren, überbordend von innovativer Dynamik und zukunftsgerichteter Flexibilität“, meint Meinrad Bumiller von der Expo-Marketing Waldkirch e. V. Die kleine Stadt wirbt zwar auch um Wirtschaft und Industrie – das aber mit Berücksichtigung sozialer und ökologischer Faktoren. Auch Überlingen verpflichtet sich der Nachhaltigkeit und lockt als „lebenswert, liebenswert, slow“ Gäste an den Bodensee. In Schwarzenbruck denkt Bürgermeister Norbert Reh derweil über den passenden Kick-off nach: „Wir überlegen noch, wie wir die Auszeichnung zur Slow City richtig bekannt machen.“ In einer kleinen Gemeinde mit 10.000 Einwohnern gebe es dafür kein extra Budget oder Personal. Aber auf die Auszeichnung, die 2005 verliehen wurde, sei man stolz. „Sie würdigt die Leistungen, die man bisher erbracht hat.“ So habe sich Schwarzenbruck trotz des starken Siedlungsdrucks aus Nürnberg geweigert, die Auen der Schwarzach zu bebauen. Anderorts seien sämtliche Hänge und Flussufer mit Villen und Einfamilienhäusern der Städter bestückt. Schwarzenbruck hält dagegen. Auch mit den Bürgersolaranlagen, die die Gemeinde auf öffentlichen Gebäuden installiert, und den Bürgern kostenlos zur Verfügung stellt. Der Ort will „eine grüne Insel bleiben“.
Christine Sommer-Guist
Journalistin und Buchautorin, mit dem Schwerpunkt Umwelt & Soziales

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2006

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