Stadt der Zukunft

Wohnen und Arbeiten am Wasser: Hamburgs HafenCity

Elbphilharmonie, Dalmannkai
Foto: Herzog & DeMeuron; Bildquelle: HafenCity Hamburg GmbHEigentlich ist der Container Schuld. Mit dem Siegeszug der universellen Transportbox im internationalen Handelsverkehr haben sich die Häfen dieser Welt radikal verändert.

Stückgutlagerhäuser stehen leer und die alten Hafenbecken sind für moderne 400-Meter-Schiffe längst zu klein geworden. Innerhalb von zwei Jahrzehnten haben sich in vielen Hafenstädten dieser Welt ausgedehnte Areale in düstere, ruinöse Krimikulissen verwandelt und sind zu städtebaulichen Problemgebieten geworden.

Städte wie London, Rotterdam, Barcelona oder Kopenhagen haben es vorgemacht. Hamburg zieht seit wenigen Jahren nach und ergreift die Chance, den brachliegenden Hafen zum neuen Stadtteil zu entwickeln. HafenCity nennt sich das ehrgeizige Programm für Hamburgs 21. Jahrhundert, dessen Planungen auf eindrucksvollen Modellen in einem zum Ausstellungszentrum umgebauten ehemaligen Heizkraftwerk zu bestaunen sind.

Viel Freizeitwert und hohe Lebensqualität

Die Unilever-Deutschlandzentrale und der Marco Polo Tower auf dem Strandkai; llustration: Behnisch Architekten; Quelle: HafenCity Hamburg GmbHVon den pittoresken Backsteinburgen der historischen Speicherstadt des 19. Jahrhunderts unmittelbar südlich der Hamburger City hatten Gewerbetreibende schon seit Jahren Besitz ergriffen. Nun gilt es, die weiteren Kaianlagen für die Stadt nutzbar zu machen, mit den Hafenbecken insgesamt ein Areal annähernd von der Größe der historischen Innenstadt. Auf den schönen Schaubildern flanieren vergnügte Menschen an den Kaipromenaden und bevölkern die Straßencafés. Wohnen und Arbeiten am Wasser ist das Motto, denn man hat erkannt, dass das Hafenambiente viel Freizeitwert und eine hohe Lebensqualität bieten kann. Nach einem Masterplan der Architekten ASTOC/hamburgplan soll eine zukunftsfähige, attraktive Stadt mit am Ende 40.000 Premiumarbeitsplätzen und 6000 Wohnungen, mit Kulturbauten und Kreuzfahrtterminal, mit Traditionsschiffhafen und Marinas entstehen.

Im westlichen Quartier mit Sandtorhafen und Grasbrookhafen sind schon erste Ergebnisse zu besichtigen. Bei den Wohnbauten am Sandtorkai und am Dalmann-/Kaiserkai ist es gelungen, durch die städtebaulichen Vorgaben eine einheitliche Typologie der Gebäude vorzugeben. Langeweile kann dennoch nicht aufkommen, denn die Entwürfe stammen von unterschiedlichen Architekten und sind alle aus Wettbewerben hervorgegangen. Oberbaudirektor Jörn Walter ist denn auch stolz auf die im Vergleich mit ähnlichen Planungen durchgängig hohe architektonische Qualität.

Elbphilharmonie als Wahrzeichen

Überseequartier Science Center 1; Illustration: OMA; Quelle: HafenCity Hamburg GmbHAls Wahrzeichen des neuen Stadtteils wird die Elbphilharmonie fungieren, ein spektakulärer Bau der Schweizer Stararchitekten Herzog und de Meuron, dessen Eröffnung 2010 geplant ist. Sie setzen auf den Kaispeicher A, ein backsteinernes Lagerhaus aus den sechziger Jahren, einen an Schiffssegel erinnernden Aufbau, der sich mehr als 100 Meter in den Himmel recken wird. Schon im Planungsstadium wurde der 240-Millionen-Bau mit Konzertsaal, Hotel, Konferenzzentrum, Gastronomie und Wohnungen als internationales Leuchtturmprojekt gehandelt. Östlich der beiden Hafenbecken schließen sich größere Bürogebäude an.

Modellansicht des Überseequartiers; Foto: Christoph Gebler; Quelle: Groß & Partner GmbHAb 2009 sollen am Cruise Center die ersten Ozeanriesen anlegen und Tausende von Touristen zum Landgang ausspucken.
Gleich nebenan ist das „Überseequartier“ im Bau, ein exklusives Büro- und Geschäftszentrum mit einer Einkaufsmeile, dessen Einzelgebäude von renommierten internationalen Architekten geplant werden. Wo die Fußgängerzone an die Elbe stößt, ist ein weiteres architektonisches Spektakel in Vorbereitung. Der Niederländer Rem Koolhaas hat seinen Entwurf für ein Science Center vorgelegt. Er will containerartige Baukuben zu einem riesigen, senkrecht stehenden Ring stapeln, der schon von weitem zeichenhaft zu sehen sein soll.

Museen und Universität

Ansicht des Kaispeichers B von der Museumsbrücke aus; Foto: ELBE&FLUT; Quelle: HafenCity Hamburg GmbHSchon fertig gestellt ist der Umbau des prächtigen Kaispeichers B zu einem Schifffahrtsmuseum. Die Architekten Markovic Ronai Lütjen Voss haben das neugotische Backsteingebäude mit seinen zehn Speicherböden für eine umfangreiche Privatsammlung umgebaut. Ebenfalls eine respektable Privatsammlung zeigt einen Steinwurf weiter das Automobilmuseum „Prototyp“. Die Pläne für den kreativen Umbau des denkmalgeschützten Speichers stammen von den Architekten Dinse Feest Zurl. Am Elbufer dieses Quartiers wird von den Architekten Code Unique aus Dresden die HafenCity Universität für Baukunst und Metropolenentwicklung gebaut, die aus einem Zusammenschluss dreier Hamburger Architekturfakultäten entstanden ist. Kritiker stellen allerdings den Standort als weitab von studentischen Umfeldern und preiswerten Wohnmöglichkeiten in Frage. Die Stadtplaner hingegen, die wirtschaftliche und soziale Mischung als Garant für lebendige Urbanität sehen, rechnen mit dem kreativen Potenzial der Studenten.

Größtes Problem an der Elbe ist der Hochwasserschutz, denn seit einigen Jahrzehnten werden bei Sturmfluten immer höhere Wasserstände registriert. Deshalb werden in der HafenCity die Straßen höher gelegt, Brücken angehoben, Dämme und Sperren gebaut. Bestehende Gebäude müssen aufwändig mit Ringwänden und Grundwasserdrainagen geschützt werden. Es wird noch zwei Jahrzehnte dauern, bis die 155 Hektar HafenCity bis zu ihrem östlichen Ende an den Elbbrücken nach und nach entwickelt sein werden. Doch der Sprung über die Elbe in den südlichen Bereich des Hafens und nach Wilhelmsburg wird mit der Internationalen Bauausstellung IBA schon mit Elan in Angriff genommen. Hamburg ist gewillt, sein Potenzial innerhalb des bestehenden Stadtgebiets im Sinne nachhaltiger Stadtentwicklung flächenschonend auszuschöpfen.
Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e.V , Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolonline-redaktion@goethe.de
Mai 2008

Links zum Thema