Megalopolis Tokyo – die Rückeroberung des städtischen Raums durch den Flaneur
|
Mori Building |
Am Beispiel Tokyo wird deutlich, dass die Rückeroberung des städtischen Raums durch den Flaneur dazu beitragen kann, den Bewohnern von Megastädten Strategien der individuellen Aneignung ihrer Stadt an die Hand zu geben und Impulse für die Entwicklung alternativer Formen des Städtebaus zu liefern. Tokyo ist eine Stadt, die denkbar weit davon entfernt ist, mit europäischen Kategorien erfassbar zu sein. Mit mehr als 35 Millionen Einwohnern gilt der Großraum Tokyo-Yokohama als größte Metropolregion der Welt. Die 23 Stadtbezirke, aus denen Tokyo im engeren Sinne besteht, beherbergen 8,5 Millionen Menschen. Durch Eingemeindungen und Verwaltungsreformen haben sich die Grenzen Tokyos immer wieder verschoben, heute umfassen die 23 Stadtbezirke von Tokyo eine Fläche von mehr als 620 km2. Die Metropolregion Tokyo-Yokohama erstreckt sich auf 5200 km2 und ist damit mehr als doppelt so groß wie das Saarland oder fast sechs Mal so groß wie Berlin.
Global City Tokyo – Labyrinth von Orten und historischen Schichten
Zu der geografischen Unübersichtlichkeit kommt eine historische Vielschichtigkeit hinzu, die, obwohl Tokyo – unter der Bezeichnung Edo – zu Beginn des 17. Jahrhunderts gegründet wurde, heute nur noch an wenigen Orten, insbesondere Tempeln und Schreinen, sichtbar ist: Die Geschichte Tokyos zeichnet sich durch einen ständigen Prozess der Umgestaltung und des Wachstums aus. Tokyo gilt als eine Stadt, deren Bausubstanz durchschnittlich alle zwanzig Jahre erneuert wird, weshalb nur wenige Gebäude vergangener Epochen erhalten geblieben sind. Gründe hierfür sind zum einen, dass Tokyo 1868 Hauptstadt Japans wurde und als wichtigstes Labor der japanischen Moderne entsprechend repräsentativ ausgestaltet werden sollte. Zum anderen bereiteten Katastrophen wie das Große Kantô-Erdbeben im September 1923 und die großflächigen Zerstörungen im Verlauf des Zweiten Weltkriegs, aber auch die Bauprojekte im Vorfeld der Olympischen Spiele 1964 den Boden für städtebauliche und architektonische Neuorientierungen. Anders als beispielsweise in Deutschland, wo dem Erhalt der Bausubstanz und der damit verbundenen Stadtgestalt großes Gewicht beigemessen wird, zeichnen sich Stadtplanung und Architektur Japans -ähnlich wie die Chinas, wie die spektakulären Umgestaltungen Shanghais und Beijings zeigen - durch die Tendenz zu radikaler Modernisierung städtischer Räume aus.In den zurückliegenden Jahrzehnten wurden zahllose, mit im traditionellen Stil errichteten Holzhäusern bebaute Wohngebiete durch Wohnblocks und Großprojekte ersetzt, die der Position Tokyos als global city bauliche Gestalt gegeben haben.
|
Mori Building |
|
Wohnviertel |
Welche Strategien entwickeln die Bewohner, um diese sich ständig verändernde Stadtlandschaft zu verstehen und sich darin zu verorten? Welche Möglichkeiten bieten sich hier für die literatur- und kulturwissenschaftliche Stadtforschung? Zahllose Publikationen, darunter Reportagen, kultur- und gesellschaftskritische Essays, Romane, Autobiografien sowie von Verwaltungs- und Regierungsorganen herausgegebene Schriften dokumentieren den rasanten Wandel Tokyos und zeugen von einem enormen Interesse für die Topografie, Geschichte und Zukunft dieser Stadt.
Der Flaneur als Schlüsselkonzept moderner Stadterfahrung
In der Literatur über Tokyo gibt es auffällig viele essayartige Stadtführer und kulturtopografische Beschreibungen, die als Spaziergang durch Tokyo angelegt sind. Der Spaziergang fungiert hier einerseits als Mittel der Entschleunigung, und andererseits als Medium zur Privatisierung der Geschichte der Stadt.In Europa prägten Charles Baudelaire (1821–67) und insbesondere Walter Benjamin (1892–1940) die Figur des Flaneurs als Archetypus des modernen Stadtmenschen. In der literatur- und kulturwissenschaftlichen Stadtforschung ist der Flaneur seit den 1990er Jahren zu einem Schlüsselkonzept für das Verständnis moderner Stadterfahrung geworden. Dies liegt zum einen an der Wiederentdeckung der Werke Benjamins, und zum anderen an den epistemologischen Herausforderungen heutiger Metropolen aufgrund ihrer schieren Größe, multikulturellen Diversität sowie den virtuellen und konkreten Netzwerken, die die Städte durchziehen. In den vergangenen Jahren rückte die individuelle Wahrnehmung der Stadt in all ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität in den Fokus der Forschung. Hiefür stellt Benjamins (Denk)figur des Flaneurs ein hilfreiches Analyseinstrument bereit.
Im Passagen-Werk, einer umfangreicher, unvollendeten Studie zum Paris des 19. Jahrhunderts, sowie in seinem Essay über Charles Baudelaire porträtiert Walter Benjamin den Flaneur als einzelgängerischen Stadtwanderer, der sich ohne festes Ziel durch die Menge treiben lässt und seine Reflexionen oft aus kleinen Beobachtungen gewinnt.
Für das Verständnis der japanischen Variante des Flaneurs sind vor allem Benjamins Erinnerungen an dessen Kindheit in Berlin, die Berliner Chronik und Berliner Kindheit um Neunzehnhundert, aufschlussreich. Benjamin führt hier den "diachronischen Flaneur" ein, eine Art "Amateurarchäologe", der durch die Stadt streift, um die Vergangenheit in der Gegenwart zu erkunden. Auf diese Weise treten eindrücklich die Beziehungen hervor, die zwischen gebauter Umwelt, historischen Ereignissen sowie den textlichen und visuellen Repräsentationen von individuellen wie kollektiven Erinnerungen bestehen.
In Japan findet Benjamins "diachronischer Flaneur" sein Äquivalent in den zahllosen Stadtspaziergängern, die das Schrifttum zu Tokyo und anderen Städten bevölkern. Als Ausgangspunkt für diese Art der individuellen Aneignung von Tokyo und der Suche nach einem anderen Stadt- und Raumerlebnis gilt das Werk des passionierten Stadtwanderers und Schriftstellers Nagai Kafû (1879–1959). Nagai Kafû inszenierte viele seiner Hauptfiguren als Flaneure, die geruhsam die Stadt durchstreifen und angesichts der Gegenwart intensiv über die Vergangenheit reflektieren.
Die Wiederentdeckung kleinräumiger Stadtviertel
Die Besonderheit dieser Annäherung an Tokyo liegt darin, dass ihr – angefangen mit Nagai Kafû – eine modernitätskritische, von einer Nostalgie für die indigenen, im Zuge der Modernisierung Japans verloren gegangenen Wohn- und Lebensformen motivierte Intention eigen ist. Entsprechend führen die Spaziergänge vorwiegend an solche Orte, die entweder von der modernistischen Stadtplanung mit ihren Vorstellungen von technischem und kulturellem Fortschritt, der Funktionalisierung des Raumes zugunsten nationalstaatlicher Repräsentation und moderner Verkehrsmittel sowie der Ökonomisierung (multi)nationaler Baukonzerne noch ausgespart wurden oder unmittelbar von ihr bedroht sind.
|
roji |
Die "Renaissance der Stadt" und der Flaneur
![]() |
Tsukudajima |
Vor diesem Hintergrund, aber auch angesichts der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft sowie des Bevölkerungsrückgangs an vielen Orten (shrinking cities) hat in Japan eine intensive Suche nach alternativen Formen des Städtebaus eingesetzt, die oft an die eigenen kulturellen Wurzeln anknüpft. So wundert es nicht, dass die spezifische Urbanität solcher kleinräumigen Stadtstrukturen wieder entdeckt und neu bewertet wird. Kurokawa Kishô, einer der wichtigsten Repräsentanten japanischer Architektur, geht in seiner neuesten Publikation, Die Revolution der Stadt (Toshi no kakumei; 2006) sogar soweit zu behaupten, dass die Wiederbelebung der roji der Schlüssel für die Zukunft japanischer Städte sei.
Diese Wiederentdeckung wird nicht nur von Fachleuten getragen, sondern auch von einer zunehmend breiter werdenden Öffentlichkeit. Angeregt durch die Literatur der Stadtspaziergänge finden immer mehr Menschen Gefallen an nostalgisch inspirierten Spaziergängen durch die schmalen Gassen und Viertel. Der Spaziergang wird hier einerseits zur praktizierten Heimatkunde, und andererseits ist er ein wichtiges Medium, um Widerstände gegen solche Großprojekte zu bündeln und zu organisieren. Auf diese Weise wird den Bewohnern die Notwendigkeit verdeutlicht, an Stadtplanungsprozessen zu partizipieren, auch wenn in vielen Fällen letztlich die Stimme des Kapitals die Oberhand gewinnt.
Benjamins Flaneur stellt für die Erforschung der kulturellen und historischen Dimensionen dieser Räume, die Art und Weise, wie die Bewohner diese erleben und sich darin bewegen sowie die meist modernitätskritische Literatur, die über sie geschrieben wird, ein wichtiges Instrumentarium bereit. Dieses lässt sich nicht nur auf japanische Großstädte übertragen, sondern, wie beispielsweise die neuere Literatur über Shanghai, aber auch über Berlin zeigt, insgesamt auf solche Städte, die in den letzten Jahren enorme bauliche und gesellschaftliche Veränderungen erfahren haben. Sowohl in Shanghai als auch in Berlin kommt es seit geraumer Zeit zu einer Renaissance der kleinen, als Ausdruck regionaler Wohn- und Lebensform empfundenen Stadtviertel: in Shanghai regt sich zunehmender, wenn auch meist vergeblicher Widerstand gegen die Zerstörung der so genannten lilong, dem chinesischen Äquivalent zu den japanischen roji, in Berlin wird die Kultur der Hinterhöfe, des Kiez, wieder entdeckt.
ist seit 2002 Professorin für Japanologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München, war 1999 Gastprofessorin für Literatur- und Kulturwissenschaft Japans an der Universität Kobe Gakuin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2006
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de













